"Die Grenzen zwischen Einzelhandel und E-Comm...
 

"Die Grenzen zwischen Einzelhandel und E-Commerce verschwimmen"

Statista
Sebastian Buss: "Facebook, Instagram, Pinterest und andere ­Plattformen sind wichtig."
Sebastian Buss: "Facebook, Instagram, Pinterest und andere ­Plattformen sind wichtig."

Sebastian Buss, Analyst beim "Digital Market Outlook" des Statistikportals Statista, im Interview über die Zukunft des E-Commerce, die Bedeutung der Multichannel-Strategie und die Koexistenz von Absatzkanälen.

Dieses Interview ist Teil einer großen Geschichte über E-Commerce und wurde zuerst in der bestseller-Ausgabe 2/2016 veröffentlicht. Lesen Sie den aktuellen bestseller, ein Magazin des Manstein-Verlags, das die Herausforderungen von morgen und übermorgen in den Fokus rückt, auf www.bestseller.at. Die nächste Ausgabe erscheint am 23. Juni 2016. Hier geht's zur Abo-Bestellung.  

E-Commerce gilt nach den Entwicklungen der vergan­genen Jahre weiter als Hoffnungsträger des Handels. Kann das Wachstum halten?
Sebastian Buss: E-Commerce wächst über alle Segmente hinweg. Das gilt für Österreich, Deutschland und weltweit. Viele Internetnutzer zählen noch nicht zu den Onlineshoppern. In Nordamerika kaufen rund 65 Prozent der Nutzer im Internet, weltweit sind es im Schnitt nur 39 Prozent. Es gibt also genug ­Wachstumspotenzial.

Womit lässt sich der Unterschied zwischen Internet­nutzern und jenen, die E-Commerce noch nicht in ­Anspruch nehmen, erklären?
Vielen potenziellen Käufern mangelt es an Vertrauen in virtuelles Shopping. Anderen ist es beispielsweise wichtig, das Produkt anzufassen. Für die Gene­ration, die mit dem Internet aufgewachsen ist, gehören Smartphones und Onlineshopping aber schon zum ­Alltag.

Laut Prognosen wird die Verbreitung der sogenannten Buy-Buttons auf unterschiedlichen Plattformen oder Social-Media-Kanälen weiter stark steigen. Droht ein Overkill?
Rascher und einfacher Kauf ist für einfache und günstige Produkte geeignet, etwa für klassische Mit­nahmeartikel. Neben Buy-Buttons in Social-Media-­Kanälen können in den USA seit Kurzem etwa auch Käufe über den Facebook Messenger getätigt werden. Das ist ein Vorbote für die weitere Entwicklung. In Summe glaube ich aber nicht, dass Konsumenten von der steigenden Anzahl an Buy-­Buttons abgeschreckt werden.

Gilt das auch für österreichische oder deutsche Käufer?
In beiden Ländern sind der Verwendung von Buy-Buttons außerhalb der klassischen Plattformen aus rechtlichen Gründen noch Grenzen gesetzt. Mit der ­sogenannten „Button-Lösung“ schreibt der Gesetzgeber vor, dass dem Käufer klar werden muss, dass er einen Kauf tätigt. Weitere Informationen und Vermerke wie „Jetzt kaufen“ oder „Jetzt kostenpflichtig bestellen“ sind deshalb obligatorisch und machen Bestellungen ­etwa über den Facebook Messenger unmöglich.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei E-Commerce?
Facebook, Instagram, Pinterest und andere ­Plattformen sind wichtig. Sie dienen zur Recherche, für Empfehlungen und als Vertriebskanal, und das besonders bei Produkten, bei deren Kauf kein großer Rechercheaufwand nötig ist. Bei Luxusgütern, Fernsehgeräten oder Spielkonsolen wird es auch weiter nur wenig ­Spontankäufe geben.

Werden künftig Onlineshops die Nase vorn haben? ­Gerät der klassische Einzelhandel aufs Abstellgleis?
Die Grenzen zwischen Einzelhandel und E-Commerce verschwimmen. Das zeigt sich etwa bei Click and Collect. Dabei erfolgt die Bestellung online, aber die Waren werden in Läden abgeholt. Reine Onlinehändler werden also auch künftig nicht zwingend die Nase vorne haben. Wichtiger ist der Multichannel- oder gar der Omnichannel-Gedanke.

Welche Segmente können von einer steigenden ­E-Commerce-Nutzung profitieren?
Die Verteilung der einzelnen Segmente ist relativ stabil. Ich rechne aber damit, dass der Anteil des wich­tigen Segmentes Bekleidung und Schuhe mit aktuell rund 25 Prozent am Gesamtumsatz künftig weiterhin sehr hohe Relevanz behält. Spannend ist aktuell die wachsende Bedeutung von Nischensegmenten wie ­Lebensmitteln oder Möbeln.

Wie gewinnen Händler das Match um Kunden?
Kleinere stationäre Anbieter sollten zumindest auf sogenannten Marketplaces präsent sein. Größere ­Anbieter sollten sich aber nicht auf eine Plattform ­versteifen oder nur auf den Onlinevertrieb setzen. Die Vernetzung sämtlicher Vertriebs- und Kommuni­kationskanäle ist die beste Lösung.

[Robert Winter]
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