Die Grenzen verschieben sich
 

Die Grenzen verschieben sich

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Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly um Mitgefühl für Maschinen, Internet-Trolle und um uferlosen Medienkonsum

Mitgefühl für Maschinen?

Die Fans einer maschinenkontrollierten Welt beglücken uns mit immer neuen Vorstößen. Jüngste Meldung: In einem holländischen Pensionistenheim steht ein kleiner Roboter als Vorturner auf einem Tisch und animiert betagte Gehbehinderte zu gymnastischen Armbewegungen. In Belgien, Frankreich und den Niederlanden sind zusammen bereits 6.000 Pensionisten in direktem Kontakt mit den vorturnenden Maschinen. In Japan werden schon seit einiger Zeit Robos als Kuscheltiere für einsame Seelen eingesetzt.

Beobachtungen haben gezeigt, dass Mitgefühl ziemlich rasch auf Blechkumpane transferiert wird – selbst wenn es bloß ein kleiner Scheibenroboter ist, der zu Putzzwecken über den Boden rotiert. Auch Soldaten ist es angeblich lieber, dass beschädigte Kampfroboter repariert anstatt durch neue ersetzt werden. Geht da nicht unser limbisches System in die Irre?

Eine vollständig technisierte Welt segelt durchaus mit Nachteilen an:

  • Massiv eingesetzte Kommunikationsgeräte verbinden nicht nur, sie trennen auch (von unmittelbar anwesenden Menschen).


  • „Enhanced Reality“ (oder Virtual Reality) bietet nicht eine intensivierte Realitätserfahrung, wie behauptet, sondern eine Ausdünnung der Wirklichkeit, eine Flucht in Kopfwelten.


  • Automatisierung macht den Alltag nicht einfacher, sondern komplizierter.


  • Maschinen, die unsere Instinkte ersetzen bzw. uns das Denken abnehmen, befreien uns nicht – sie machen uns abhängig von technischem Input. Wer ein Leben lang eisern trainiert, um bis zum Meister im Schwertkampf aufzusteigen, hat herzlich wenig davon, wenn ein Industrieroboter die Bewegungen perfekt nachzuäffen lernt. Die Pointe im Kampfsport liegt ja nicht im routinierten Abschlachten, sondern in der mühevoll erworbenen Selbstkontrolle.


Vermutlich werden sich gegenläufige Bewegungen entwickeln. Bei der Expo 2015 in Mailand – Thema: die künftige Ernährung des Planeten – ist ein Supermarktprototyp ausgestellt, der statt Regalen lange Holztische offeriert. Idee dahinter: Lebensmitteleinkauf soll von einem solitären, gehetzten Verhalten zu einer Gelegenheit für Begegnung und Austausch werden. Das klingt nach altmodischem Bauernmarkt, wären da nicht gleichzeitig große Bildschirme, die Daten zu den dargebotenen Produkten (Herkunft, Nährwert etc.) bieten. Dass Roboter dann das Einpacken übernehmen, stört allerdings, wirkt geradezu kontraproduktiv, wenn man weiß, dass viele Einkäufer einen kurzen, freundlichen Austausch an der Kasse schätzen.

Die an diesem Konzept beteilige italienische Kette Coop plant nicht, aus dem Experiment Realität werden zu lassen – der Zweck besteht in einem Lerneffekt. Gute Idee. Bevor die Werkzeuge wichtiger werden als die Menschen...

Quellen:

http://www.washingtonpost.com/blogs/innovations/wp/2015/05/27/how-a-robot-ended-up-teaching-exercise-classes-in-a-dutch-retirement-home/

http://motherboard.vice.com/en_uk/read/watch-this-industrial-robot-learn-to-be-a-master-swordsman

http://www.wsj.com/articles/how-to-manage-robots-and-people-working-together-1433301051

http://www.theguardian.com/technology/shortcuts/2015/jun/07/can-google-be-taught-poetry?CMP=share_btn_tw

http://www.dezeen.com/2015/05/01/carlo-ratti-digital-supermarket-milan-expo-2015-mit-coop-italia/

Update: Internet-Trolle

Ein neues Buch mit dem Titel „Reading the Comments“ untersucht mit großer Präzision, welchen Stellenwert persönliche, freiwillig abgegebene Online-Kommentare haben. Nicht nur Produktbesprechungen und Leserzuschriften fallen in diese Kategorie; im Grunde sind auch „Likes“ und Fotos eine Form von Kommentar. Gerade bei Sozialen Medien spielen sie eine enorme Rolle, da regelmäßige Poster oft genug in einen Kreislauf von Ausloben und für sich selbst Anerkennung Suchen geraten.

Was negative Folgen für das Selbstwertgefühl hat: Es entstehen Online-Identitäten, die ihren Besitzern fragil und schützenswert erscheinen. Das Problem ist bloß, dass zwischenmenschliche Begegnungen immer eine Feedbackschleife eingebaut haben und man sich daran gewöhnen muss, kritisch beäugt zu werden. Online lässt sich Narzissmus leichter durch gesiebte Kommunikation ausleben – entsprechend schnell werden dann Kränkungen aufgeworfen, wenn nicht die erwünschte Reaktion erfolgt. Dummerweise kann die Suche nach Anerkennung zur echten Sucht ausarten (eine der ersten YouTube-Moden war „Hot or Not“ – wo sich Selbstdarsteller freiwillig fremder Beurteilung aussetzten).

Die ausfälligsten Leute in der Digitalwelt sind jene, die sadistische Freude daran haben, anderen Schmerzen zuzufügen, etwa Trolle, die Trauernden statt Beileid Hassbotschaften zuschicken. Eine Wissenschaftlerin hat die Teilnehmer auf einer berüchtigten Trollplattform (4Chan) durchleuchtet. Ergebnis: Der durchschnittliche typische Hasser ist jung, männlich und in Nordamerika beheimatet, gefolgt von Menschenfeinden in Großbritannien und Australien.

Was sie erreichen wollen, ist grausames Gelächter (genannt „lulz“ – eine Abwandlung von LOL – laughing out loud). Interessanterweise bewegen sie sich dabei entlang kultureller Bruchlinien und Taboos (Rassismus, Homosexualität und Frauenfeindlichkeit sind bevorzugte Schienen). Diese ‚Kulturmistkäfer’ hat es immer schon gegeben. Bloß hat sich das Tätigkeitsfeld für Niedertracht und Schadenfreude global ausgebreitet. Und die Anonymität erlaubt den Heckenschützen, unerkannt zu gedeihen; früher mussten sie sich zumindest auf die Straße hinauswagen, wenn sie andere beschämen wollten...

Quellen:

Joseph Reagle: Reading the Comments: Likers, Haters and Manipulators at the Bottom of the Web

Whitney Phillips: This Is Why We Can’t Have Nice Things: Mapping the Relationship Between Online Trolling and Mainstream Culture

Beide Bücher sind im Verlag MIT Press erschienen

Uferloser Medienkonsum

Einer frischen Erhebung von ZenithOptimedia zufolge, verbringt der globale Medienkonsument rund 490 Minuten pro Tag mit Internet-, TV- bzw. Print. Von diesen 8 Stunden entfallen 3 auf Fernsehen und 2 auf das Netz. Das ist natürlich ein artifizieller Wert, da sich hier enorme kulturelle Unterschiede auftun.

In Lateinamerika beträgt die tägliche Verweilzeit mit Medien fast 13 Stunden (der Wert ist so hoch, weil Südamerikaner große Fans des Radios sind und täglich 3 Stunden mit diesem Medium verbringen!). Mediennutzung in Nordamerika und Westeuropa kommt auf circa 10 Stunden pro Tag, in Südostasien auf vergleichsweise geringe 5 Stunden.

Die Mediaforscher verkünden nicht nur weltweit weiter wachsende Medienkonsumzeiten, sondern auch einen radikalen Wandel in der Nutzung. Bis 2017 sollte das Internet fast 30 Prozent der täglichen Medienzeit ausmachen. Da der Tag nicht länger wird, geht das auf Kosten anderer Tätigkeiten bzw. Medien. Der große Verlierer in dieser Hochrechnung wäre Print, besonders die Tageszeitungen, deren Gebrauch um enorme 31 Prozent schrumpfen sollte. Was ehrlich gesagt überrascht, da in aufstrebenden Ländern wie etwa Indien Tageszeitungen eher noch am Zulegen sind.

Quelle:

http://qz.com/416416/we-now-spend-more-than-eight-hours-a-day-consuming-media/

[Walter Braun]
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