‚Die Angst hält dich am Leben‘
 

‚Die Angst hält dich am Leben‘

Thomas Evans, Bureau Chief CNN International, über gute Performance mit knappen Ressourcen, die wichtigsten Nachrichten überhaupt und seine Zeit als Reporter in den Krisengebieten der Welt

Thomas Evans: Heute war ein verrückter Tag. Ich wollte mich auf das Interview und den CNN Journalist Award heute Abend besser vorbereiten, aber das war unmöglich. Der ­Absturz der Germanwings-Maschine nahm mich und das Team durchgehend in Anspruch.

Horizont: Das ist eine schlimme Sache. Wie hat CNN berichtet?

Evans:
Es gab stündlich Breaking News. Unser Moderator, Fred Pleitgen, ein gebürtiger Deutscher, ist nach Berlin geflogen, um Interviews zu führen. Wir kooperieren auch eng mit dem französischen Sender France 2 und dem brandenburgischen BFN. Wir hatten eine Flugzeug-Expertin im Studio. Sie war zufällig in London auf Urlaub. Heuer ist ein heftiges Jahr mit Anschlägen in Paris, Kopenhagen, Tunesien.

Horizont: Herr Evans, Sie sind seit 2001 bei CNN und waren viele Jahre als Journalist und Produzent in Kriegsgebieten und Krisenregionen in Afghanistan, Ägypten, Syrien, Libyen, im Irak. Nun sind Sie seit 2010 in London und seit einem halben Jahr hier Bürochef.

Evans:
Nach dem Irak stand auch in London weiterhin die Feldarbeit im Zentrum – ich war in Libyen, Ägypten, Nigeria. Dann verletzte ich mich in Libyen, und als das Adrenalin weg war, spürte ich die Schmerzen. Ich musste sechs Monate pausieren, im Grunde wegen eines Bandscheibenvorfalls. Zur selben Zeit verließ Geoff Hill CNN. Ich übernahm seine Aufgabe am Newsdesk und kurze Zeit später die Chefredaktion für CNN EMEA. Das war nicht geplant, es ist passiert.

Horizont: Wie kann man sich den Job als Reporter in Kriegsgebieten vorstellen?

Evans:
Es ist ein harter Job. Aber diese Geschichten zu erzählen ist ehrlich gesagt die einfachste Art, Geschichten zu erzählen. Denn Krieg ist ein Drama für sich, man muss es nicht erfinden. Bevor ich nach London ging, lebte ich fünf Jahre in Bagdad. Ich war Amerikaner in einer besetzten Zone, die von Irakern bewacht wurde. Sie ­waren es, die uns beschützten, ­gemeinsam mit westlichen Securityleuten. Das Leben war extrem intensiv und gefährlich für alle, jeder hatte immer eine Schusswaffe bei sich. Es wird sehr persönlich, wenn du mit Menschen lebst, die direkt betroffen sind. Wenn man länger an einem Ort lebt, erzählt man Geschichten anders als bei einem Kurzeinsatz. Der Krieg hat Freunde getötet, Menschen, die ich vom täglichen Marktbesuch kannte. Es ist sehr traurig, eine Stadt zu sehen, die in wenigen Jahren völlig zerrissen und zerstört wird, Menschen zu kennen, denen der Krieg ­alles genommen hat. Ich erlebte all das aus nächster Nähe.

Horizont: Wie ist es heute?

Evans:
Ich fahre nächste Woche nach Bagdad. Zuletzt war ich vor einem Jahr da, es hat sich nichts verändert, leider. Gerade in letzter Zeit ist die Gewaltbereitschaft wieder gestiegen.

Horizont: Was kann Berichterstattung aus diesen Ländern wirklich bewirken?

Evans
: Es gibt keine Magie, die Probleme lösen kann. Aber Journalisten sind Zeugen, und wenn sie nicht berichten, dann würde gar nichts passieren. Der Krieg in Syrien ist sehr schrecklich. Aber ich will mir nicht vorstellen, welche Grausamkeiten seitens des Regimes geschehen würden, gäbe es keine Berichterstattung. Ich glaube nicht, dass der Westen ­genug Aktivität zeigt, aber stellen Sie sich vor, keiner wüsste von dem Krieg? Die Berichterstattung macht es zumindest etwas schwieriger für das Regime, zu agieren.

Horizont: Wie lässt sich in diesen gefährlichen Regionen Sicherheit für Ihre Mitarbeiter gewährleisten?

Evans:
Sicherheit ist mein größtes Anliegen und meine größte Sorge. Nach Nigeria darf ich zum Beispiel keinen hellhäutigen Journalisten senden, das wäre ein Todesurteil. Es ist meine Verantwortung, dass unsere Korrespondenten informiert, unterstützt und trainiert werden, dass sie perfekt ausgerüstet sind. In den letzten sechs Monaten gab es keine einzige Nacht, wo nicht zumindest ein Team in einem extrem gefährlichen Gebiet war.

Horizont: Sind die Mitarbeiter ­eines internationalen Senders besonders gefährdet?

Evans:
Die Gewaltbereitschaft ist hoch, aber jeder kann und soll eigenständig agieren. Manchmal kommt es vor, dass Journalisten sich unwohl fühlen und entscheiden, feindliche Gebiete nicht aufzusuchen. Das ­akzeptieren wir. Es gibt weniger Menschen, die bereit sind, hohe Risiken auf sich zu nehmen, und das ist gut so.

Horizont: Das heißt, die Angst ist größer geworden.

Evans:
Angst ist extrem wichtig, sie hält dich am Leben, macht dich aufmerksam. Jeder, der sagt, er hat keine Angst, der lügt oder setzt sich unnötig Gefahren aus.

Horizont: Warum machen Menschen diesen Job, was treibt sie an?

Evans:
Es geht um wichtige Storys, vielleicht die wichtigsten, die es überhaupt zu erzählen gibt. Was in der Welt passiert, geht uns alle an.

Horizont: Wie sieht Ihr Job heute aus?

Evans:
Als Chefredakteur bin ich sehr stark in die Themensetzung der Berichterstattung von CNN International im EMEA-Raum involviert. Wir arbeiten mit begrenzten Ressourcen, ein paar wenigen Reportern und ­Kameramännern. In London sind es sieben Journalisten, es gibt 15 Büros in Indien und dem Mittleren Osten. Insgesamt arbeiten 21 Korrespondenten fix für CNN und einige Freelancer. Wir müssen entscheiden, wer wohin geht. Journalisten können auch nur eine begrenzte Zeit in einem Krisengebiet leben, sie brauchen Regeneration und Pausen, selbst wenn Geschichten nicht abgeschlossen sind. CNN arbeitet daher eng mit Affiliates zusammen, wie heute für die Flugzeugkatastrophe. Dafür erhalten diese Sender Input von uns, zum Beispiel zur US-Präsidentenwahl 2016.

Horizont: Das ist ein anderes Modell als jenes der BBC, die weltweit ein dichtes Korrespondentennetz hat.

Evans:
Unser Sender wird von der Welt bizarrerweise viel größer wahrgenommen, als er eigentlich ist. Viele denken, CNN sei genauso groß wie die BBC, was schön ist, aber in Wahrheit arbeiten wir einfach sehr effizient. „We are punching beyond our weight“ – wir performen mit knappen Ressourcen extrem gut.

Horizont: Man könnte auch sagen, CNN kann sich gut verkaufen. Was unterscheidet Sie von den anderen ­internationalen Kanälen?

Evans:
Ich bin voll des Respekts für BBC oder Al Jazeera. Ich denke, der beste Weg zu konkurrieren ist, nicht nachzuahmen. Wir sind gut bei Breaking News und bei schwierigen Themen, die kaum jemand covert. Ich denke, wir sind kreativer, eben weil wir kleiner sind. Wir probieren uns in neuen Arten, Geschichten zu erzählen, in neuer Aufnahme- und Produktionstechnik. Wir sind erfinderisch, wenn es darum geht, an Technologie zu ­arbeiten, die es uns ermöglicht noch näher an Dinge heranzukommen

Horizont: Wie meinen Sie das?

Evans:
Wir arbeiten an der Kameratechnik, an der Datenübermittlung. Wie jede News-Organisation sind wir bemüht, die digitale Welt, Social Media und das Fernsehen näher zusammenzubringen. Ich denke wir haben uns hier sehr gut entwickelt. Information geht heute sehr schnell um die Welt, das hat unser Business verändert. Wir haben begonnen zu experimentieren, spannende Formen des Geschichtenerzählens für die digitale Welt zu entwickeln. Früher genügte, es mittendrin zu sein, heute muss man tiefer gehen, einordnen, analysieren und erklären.

Horizont: Wie wichtig sind Social Media?

Evans
: Ganz zu Beginn hat man versucht, mit Social Media die Menschen für das Fernsehen abzuholen. Ich denke, das ist nicht die Zukunft, Leute schauen nicht rein, wenn wir die 22-Uhr-Nachrichten posten. Aber wenn wir Vine-Videos zeigen oder ­informieren, dass jemand im Irak am Checkpoint sitzt und kurdische Kämpfer fotografiert, dann ist das dramatisch und von Wert. Unsere ­Seher sind smart, sie wollen echte ­Inhalte, etwas Wertvolles lernen und erfahren – und das auf allen Kanälen. Menschen hungern nach Infor­mation, sie wollen immer mehr und ­teilen immer mehr. Wir sind CNN, wir haben massenhaft Infos und wir ­können diesen Hunger stillen und den User durch die Welt begleiten.

Horizont: Was sind wichtige Themengebiete, die CNN abseits der News interessieren?

Evans:
Hier in London bringen wir sehr viel Sport. Es braucht neben News positive Themen. Sport ist mitreißend und eine der wenigen universellen Sprachen. Wir mögen Mode, die faszinierende Bilder zu bieten hat. Wir covern Business-Themen, setzen auf Besonderes wie Reportagen über das beeindruckende afrikanische Start-up-Milieu und Entrepreneurship. Wir mögen kleine, feine Geschichten mit guten Charakteren. Aber natürlich leben wir in einer Zeit globaler Probleme, globaler Debatten, und ich hoffe, dass wir diese ­Diskussionen aufrechterhalten und etwas beitragen können.

Horizont: Konnten Sie eigene ­Akzente in Ihrem Job setzen?

Evans:
Seit ich in London begonnen habe, tut sich so wahnsinnig viel. Eine Breaking-News-Story folgt auf die andere. Ehrlich gesagt, ich hatte kaum Zeit, durchzuatmen. Für die Zukunft wünsche ich mir etwas weniger Day Wrap. Stattdessen will ich meine Journalisten auf die Suche nach originären Inhalten schicken, die man nirgends findet – abseits von Agentur­geschichten und -bildern.

Horizont: Vermissen Sie es, draußen zu sein?

Evans:
Absolut, aber ich liebe diesen Job auch sehr. Ich entscheide hier über die Geschichten, die ich erzählen möchte, und das mache ich sehr leidenschaftlich. Ich war in Afghanistan, im Irak, in Nordafrika. Ich nehme Syrien sehr ernst, ich war in Nigeria, als die Mädchen vermisst wurden. Ich denke, ich habe ein ­Gespür, wo es wichtig ist, dran zu bleiben. Beide Jobs brauchen viel Energie, die Arbeitszeiten sind lang und unberechenbar. Was ich schätze, ist, am Ende des Tages etwas geschaffen zu haben: eine Story gefunden, produziert, erzählt zu haben. Das ist ein gutes Gefühl. Vielleicht wäre auch Tischler ein guter Beruf für mich gewesen, ich mag es, zu kreieren und zu gestalten.

Thomas Evans
Thomas Evans ist Vice President und Bureau Chief von CNN International in London. Er verantwortet die News aus Europa, dem Mittleren und Nahen Osten und Afrika. Der Amerikaner ist seit 2001 bei CNN und war zunächst im Büro in New York tätig, bevor er weltweit als Reporter im Einsatz war. Von 2006 bis 2012 lebte Evans als Senior International Producer in Bagdad, Irak, und ­berichtete über viele Krisenregionen. Evans wurde für seine Arbeit mit zwei Emmy Awards, drei Peabody Awards, einem Prix Bayeux und zwei Royal Television Society Awards ausgezeichnet. Er ­studierte Politikwissenschaft und Studiokunst in Rochester, New York und machte seinen Master in Internationaler ­Politik in London.


Das Interview wurde im Zuge einer Einladung zu den CNN Journalist Awards im März in London geführt.

Dieses Interview erschien bereits am 8. Mai in der HORIZONT-Printausgabe 19/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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