Dicht besetzter Medienmarkt
 

Dicht besetzter Medienmarkt

Russmedia dominiert den Medienmarkt in Vorarlberg. Riedmann kritisiert Facebook. ORF Vorarlberg punktet mit trimedialem Newsroom

Es ist ein schönes Platzerl, das Ländle. Man sollte meinen, mit seinen Einwohnern mehr dörflich denn städtisch. Aber das täuscht, denn nicht nur im Rheintal, wo sich Städtchen an Städtchen reiht, ist urbanes Flair spürbar, Bregenz hat als kulturelles Zentrum viel zu bieten und diverse internationale Unternehmen wie ­Alpla, Doppelmayr, Zumtobel, Rauch, Ölz agieren wie die weniger bekannten AMSC Windtec, Bachmann Electronic und Getzner Textil teils als Weltmarktführer. Auch blüht in Vorarlberg die Kreativität und ein regional wie auch sehr international ausgerichtetes Medienwesen.

Russmedia ist mit seinen Tageszeitungen Vorarlberger Nachrichten (alle Zahlen nur für Vorarlberg: 149.000 Leser, 47,5 Prozent Reichweite), Neue Vorarlberger Tageszeitung (41.000 Leser, 13,2 Prozent Reichweite), dem jungen Gratismedium Wann & Wo (Kombi: 216.000 Leser, 68,8 Prozent), den Regional­zeitungen Vorarlberg (128.000, 40,9 Prozent) sowie der Vorarlbergerin (34.000 Leser, 10,7 Prozent) und der Antenne Vorarlberg wie der reichweitenstarken Plattform vol.at (163.000 UU/Monat, 59,8 Prozent), der Per­formanceagentur und dem Google-Partner impuls360 und technischen Dienstleistern, der dominierende Player im heimischen Markt.

Der Spitzname "Russland" ist wohl nicht ganz unberechtigt. Das von Eigentümer und Geschäftsführer Eugen A. Russ geführte Medienunternehmen hat auch in vielen internationalen Märkten einen Fuß. Etwa im Digitalgeschäft mit Rubrikenmärkten, in Deutschland mit Quoka, wo Russ Sohn Eugen B. Russ in der Geschäftsführung tätig ist, oder mit Erento, einem weltweiten Rubrikenportal.

Auch im Wochenzeitungsmarkt und der digitalen Welt von Ungarn und Rumänien hält Russmedia trotz wirtschaftlicher Herausforderungen die Stellung. Innovation in Print"In Vorarlberg weiten wir unsere Geschäftsfelder organisch und durch einzelne Akquisitionen aus", erklärt Eugen A. Russ.

Weiters hält der Geschäftsmann fest, "Print läuft hervorragend, wir liefern unseren Kunden gute Ergebnisse und sichern damit unsere Marktanteile - ständige Innovationen sorgen für einen positiven Spin". Als Beispiele nennt er den vom Unternehmen initiierten Wirtschaftspreis oder die Serie "50 Köpfe von morgen", die online, in Print wie als Event stattfindet und junge Vorarlberger präsentiert.

Mit Realtime Advertising und Native Content macht Russ, der auch in der Start-up-Szene mit Speedinvest II aktiv ist, aktuelle Trends aus und freut sich parallel dazu über das zweistellige digitale Wachstum von Russmedia digital. "Sieben von zehn Vorarlbergern lesen vol.at", ist Digital-Chef Gerold Riedmann zufrieden.

Er führt den Erfolg, man liegt in Vorarlberg vor orf.at, auf das frühe Engagement zurück: "Wir feiern heuer den 20. Geburtstag und waren 1995 nach spiegel.de und derstandard.at eine der ersten deutschen Nachrichtenseiten im Netz. Ähnlich sind wir derzeit an Mobile dran."

Vor zwei Jahren lag der Umsatzanteil noch bei einem Prozent, Anfang des Jahres waren es 17 Prozent und aktuell schaffe das Sales-Teams rund um Georg Burtscher gar 30 Prozent. "Wenn 43 Prozent unserer Besucher vom Smartphone kommen und wir schon 30 Prozent Umsatz mobil machen, kann ich ruhig schlafen", meint Riedmann - das tut er ­aktuell in New York, denn der ­Digital-CEO ist in Sachen Medien-Weltverband INMA sehr international unterwegs, als Redner und auf der Suche nach Trends und Inspiration. Zu den digitalen Trends zählt für Riedmann Video.

Getrennter Newsroom

Riedmann hat eine klare Meinung zu Newsrooms: "Wir sind nicht die einzigen, die gegen den Strom schwimmen, auch der Guardian und einige amerikanische Medien erzielen publizistische Erfolge mit einer Trennung von Print und Digital. Wir nehmen die digitale Chance ernst, riskieren viel und bauen dabei auf unterschiedliche Teams und Kulturen - etwa mit dem Gratisportal vol.at mit Mobile-Fokus und dem Paid- und Abo-Modell der Vorarlberger Nachrichten."

Die VN digital geben den schnellen Überblick und sind mit Abos in Relation zur Größe des Verbreitungsgebiets sehr erfolgreich unterwegs, meint dazu VN-Chefredakteurin Verena Daum-Kuzmanovic: "Es heißt hier schnelles Live-Medium und da kuratiertes Medium mit kompaktem Überblick mit investigativer Tiefe.

Jedes Team setzt im Wettbewerb auf eigene Inhalte, neue Formate und Produkte und innovative Ideen für Anzeigenkunden", detailliert sie. "Nur mit getrennten Einheiten können wir die Märkte voll ausschöpfen", bestätigt Russ.

Außerdem finden auf der Onlinewebsite der Vorarlberger Nachrichten eine Reihe von Aktivitäten und Lesermeinungen Raum wie etwa die VN-Stammtische oder das Bürgerforum und Beiträge von 25 Kommentatoren aus allen Branchen.

"Die VN wollen Meinungsvielfalt und -freiheit und im Land gemeinsames und positives Gestalten ermöglichen", so Daum-Kuzmanovic. Die Chefredakteurin bringt mehr soziale, weibliche und jüngere Themen in die etablierte Tages­zeitung ein.

Neuer Vorstoß der 'Krone'

Die Kronen Zeitung, die im Vorarl­berger Markt mit großem Abstand auf Rang drei der Zeitungen rangiert, wagt aktuell gerade einen neuen Vorstoß mit einem wöchentlichen Sonntagsmagazin nur fürs Ländle mit eigenem Redaktionsteam und in der Auflage von 20.000 Stück als Zeitungsbeilage.

Mit Juli 2015 wird Emanuel Walser Redaktionsleiter. Ebenso dabei: Simin J. Blum, Harald Küng und Nicole Kinzel (Büroleitung). Kolumnisten sind der Schriftsteller Robert Schneider ("Schneiders Brille"), Kabarettist und Drehbuchautor Stefan Vögel ("Vögels Lexikon") und Carola Purtscher ("Gsiberger in Wian") und Melanie Fetz.

Daum-Kuzmanovic dazu: "Wir beobachten jeden Marktbegleiter im Vorarlberger Markt genau und setzen angemessene Maßnahmen. Das Produkt bietet aber bisher inhaltlich nichts Neues und ist praktisch werbefrei."

Riedmann warnt vor Facebook

Schließlich übt Riedmann (sein Artikel ist unter inma.org abrufbar: "5 reasons publishers should think twice about Facebook's tempting offer") offen Kritik an Facebook: "Wir finden nicht bedingungslos alles toll, was aus dem Silicon Valley kommt.

Was Face­book derzeit anstellt, ist sowohl für Werbetreibende als auch Medienunternehmen höchst besorgniser­regend. Facebook ist auf mobilen ­Geräten viel stärker als Google und sammelt alle nur erdenklichen Daten mit dem alleinigen Zweck, sie werblich zu nutzen.

Auf Facebook zu werben ist in etwa so nachhaltig, wie sein Haus auf Sand zu bauen. Und beim 'Hüslebaua' meinen wir Vorarlberger es bekanntlich ernst."

Rekorde beim ORF Vorarlberg


Wer am Vorarlberger Markt neben Russmedia medial ebenso mitmischt, ist der ORF Vorarlberg, der mit seiner täglichen Sendung "Vorarlberg heute" gerade Rekordquoten schreibt: So lag der Wochenschnitt von Jänner bis März des Jahres bei 63 Prozent und ist damit die erfolgreichste "Bundesland heute" Produktion des ORF.

Highlight war die Sendung zur Gemeinderatswahl im Ländle am 15. März mit in der Spitze 118.000 Sehern. Das Moderatorenteam mit Martina Köberle, Christiane Schwald und Daniel Rein wurde kürzlich um David Breznik und Thomas Haschberger erweitert.

Kein Wunder, dass ORF-Landes­direktor Markus Klement sehr zufrieden ist. Der ORF punktet auch mit ­seinen Radiosendern, Marktführer ist Radio Vorarlberg mit 39 Prozent Marktanteil und geändertem Musikformat (Fokus 70er-, 80er-, 90er-Rock und -Pop statt Schlager) und der Online-Plattform orf.at. Auch das Projekt trimedialer Rundfunk mit einem Chefredakteur, Gerd Endrich, scheint angekommen.

Außerdem verweist Klement auf die aktuellen Highlights am Eventsektor: So findet im Lokal Die Wirtschaft von 18. bis 22. Mai Kulinarik & Musik rund um den Song Contest statt und zum Finale trifft man sich am Marktplatz in Dornbirn, um zu feiern, die Öffnungszeiten wurden dafür nach hinten verschoben.

Mundart-Pop und Seebühne

Am 3. Juni findet das Mundart-Pop-Rock-Wettbewerbs-Open-Air mit 30 Bands statt, und am 19. Juni wird das 30-Jahr-Jubiläum der Radiosendung "Focus - Themen fürs Leben" zelebriert. Im Fernsehen bietet am 21. Juli auf ORF 2 "Universum" einen Blick in den Bodenseeraum.

Einen Tag später steht auf ORF III, 3Sat und ARD-alpha die Eröffnung der Festspiele am Programm. Heuer wird auf der Seebühne "Turandot" und im Festspielhaus "Hoffmanns Erzählungen" aufgeführt. Eine weitere Zusammenarbeit gibt es zwischen den an den See angrenzenden Ländern und ihren Sendern ORF V, BR, SWR, SRF und dem Radiosender LRF Radio Liechtenstein für das Format "4 in einem Boot".

"Hier geht es zwischen 31. August und 4. September abends um Menschen, ­Geschichtenund Brauchtum der vier Länder-Nachbarn am See", erklärt Klement. Auch geschäftlich läuft alles nach Plan, "nur noch acht Prozent der Werbezeit bis Jahresende sind noch verfügbar auf unseren Kanälen", wobei der ORF ­Vorarlberg naturgemäß werblich sehr begrenzt agiert - rund 12 Millionen Euro werden alljährlich aus Werbung generiert.

Dieser Artikel erschien bereits am 15. April in der HORIZONT-Printausgabe 15/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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