Der sechste Sinn für Handy-User
 

Der sechste Sinn für Handy-User

Beim Mobile Monday diskutierte man die Möglichkeiten und die Marktchancen von ‚Augmented Reality‘.

Am Abend des 30. November pilgerten etwa 200 Besucher ins Naturhistorische Museum – allerdings nicht, um die dort gerade laufende Sonderausstellung „Darwins rEvolution“ zu erleben. Sie wollten etwas über „Augmented Re­ality“ (AR) erfahren und besuchten deshalb den vierten Mobile Monday (www.mobilemonday.at), der sich genau diesem Thema widmete. Zur Erläuterung: AR meint die Erweiterung der Realitätswahrnehmung – ein sechster Sinn quasi. Digitale Informationen sind nicht mehr nur auf Bildschirmen sichtbar, sondern können plötzlich überall sein. Um den Begriff für das Publikum auch wirklich fassbar zu machen, präsentierte Moderator Philipp Nagele, Mobile-Monday-Aktivist und im Brotberuf Product Manager bei T-Mobile Austria, ein Video (siehe www.youtube.com/watch?v=nZ-VjUKAsao). In diesem Beitrag präsentieren Pattie Maes, Professorin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), und einer ihrer Studenten anhand eines um den Hals gehängten Gerätes (ein längliches Etwas, das aus Handy, Kamera, Projektor und Spiegel besteht), was denn AR so alles sein kann. Da projiziert der User etwa eine Tastatur auf seine Handfläche, um da­rauf dann eine Nummer einzugeben. Oder er zeichnet einfach einen Kreis auf seine Handfläche – und wie von Zauberhand erscheint eine Uhr, die die ­exakte Zeit zeigt. Und wie im Film ­„Minority Report“ ordnet der User seine Fotos, die auf eine Wand vor ihm projiziert werden. Echtes Teufelszeug hätte man das wohl im Mittelalter genannt.

Angst vor Fehlstart
„Die heutige Technik ist noch weit davon entfernt“, meinte dann auch der Podiumsdiskutant Daniel Wagner, Forscher an der TU Graz (www.tugraz.at), zum Gezeigten. Zwar wären Projekti­onen gar kein Problem, aber: „Der Computer versteht sein Umfeld nicht.“ Sprich, der Rechner weiß nicht, wann er ein Foto machen muss oder wann er Bilder an die Wand projizieren muss. Und dass man ihm das via Knöpfchen mitteilt, würde die ganze Technik dann ja wieder etwas ungelenk machen. Michael Gervautz, Managing Director von Imagination (www.imagination.at), entgegnete: „Das Video zeigt Visionen, von denen Teile schon heute umsetzbar sind.“ Solche Demonstrationen würden jedenfalls für einen Hype um Augmented Reality sorgen – und dies sei für die Durchsetzung der Technologie ja auch nichts Schlechtes. Jedenfalls: „Mit den aktuellen Smartphones kann man bereits AR-Lösungen umsetzen.“ Man erinnerte sich freilich dann auch an die Virtual Reality (VR), eine Technologie, die es aber nie zum echten Massenphänomen brachte. Wagner: „Viele Experten haben Angst davor, dass es zu früh für diesen Hype um AR ist.“ Sie befürchten, dass sich die Technologie zum Rohrkrepierer entwickeln würde. Gervautz ist optimistischer, zumal auf der ganzen Welt vier Milliarden Handys in Betrieb wären, die sukzessive durch Smartphones ersetzt würden. Damit wäre die Basis für eine breite Nutzung von AR schon gelegt. „Damit das Thema AR wirklich Fuß fasst, gilt es jetzt, einfache, aber funktionierende Anwendungen zu realisieren.“ Konkrete Anwendungen kann sich Gervautz in vielen Bereichen vorstellen – etwa bei Marketing & Sales. „Der Kunde steht vor einem Produkt und kann mithilfe des Handys mehr Informationen darüber abrufen“, so Gervautz. Auch im Gaming-Bereich würde AR bereits heute Anwendung finden. Das Spiel „Invizimals“ für die portable PlayStation von Sony ist so ein Beispiel. Hier gilt es, virtuelle Monster zu jagen, die sich in der (realen) Wohnung verstecken. Auch für die Industrie würde AR so einiges bieten. So testen deutsche Autobauer mittels AR ab, ob am Reißbrett entworfene Modelle dann auch durch die engen Fertigungsstraßen passen. Auch Konkretes präsentierte Gervautz: So realisierte man für das Red Bulletin ein ­Cover, auf dem Videos abgespielt werden (zu sehen auf www.youtube.com/watch?v=-JeygBEcNDE). Der Leser hält dabei das Magazin in eine Webcam und sieht auf dem Computerbildschirm Videofilme, die auf das Heftcover projiziert werden.

Weltpremiere für neues Wikitude
Philipp Breuss-Schneeweis, CEO der Salzburger Firma Mobilizy (www.mobilizy.com), präsentierte gemeinsam mit seinem Team dann noch eine „Weltpremiere“ – und zwar die neue Version von Wikitude (www.wikitude.org). Zur Erläuterung: Wikitude ist ein AR-Browser, der standortbezogene Wikipedia- und Qype-Infos sowie Panoramio-Fotos zeigt. Weltweit können so schon 350.000 Artikel nach Adresse und GPS-Position durchsucht werden. Ein konkretes Anwendungsbeispiel für Wikitude: Sie stehen vor dem Stephansdom und richten die Fotolinse Ihres Smartphones auf das Bauwerk. Auf dem Bildschirm sehen Sie dann nicht nur den Stephansdom, sondern weiterführende Informationen. Mit der neuen Version kann nun jeder Wikitude mit seinen eigenen Infos füttern und bekommt so einen eigenen Platz in der AR-Welt. Eine gerade für den Handel und das Dienstleistungsgewerbe ideale Werbemöglichkeit: Der User hält das Handy in eine Richtung und sieht, wo und wie weit etwa der nächste Frisör entfernt ist. Dafür will Mobilizy ARML als neuen Programmier-Standard durchsetzen. ARML ist vereinfacht gesagt das HTML der AR-Welt. Den eigenen Auftritt in Wikitude kann man aber auch recht einfach via Formular erstellen. Zusätzlich dazu will Mobilizy ein eigenes Content-Developer-Netzwerk aufbauen. Diese Personen verfügen über ARML-Kenntnisse und werden von Mobilizy zertifiziert. Zu finden werden diese dann recht einfach sein: Denn jeder Developer kann sich ja seinen eigenen Auftritt auf Wikitude selbst realisieren. Wikitude gibt’s übrigens kostenlos im Android Market (fürs Android G1 und G2) oder in Apples App­Store (nur fürs iPhone 3GS) zum He­runterladen.









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