Der öffentliche Raum zerbröselt. Gut so?
 

Der öffentliche Raum zerbröselt. Gut so?

Editorial von Sebastian Loudon

Der Terror in Boston hat es wieder bewiesen: Die Vielfalt der Medienkanäle, ihre unterschiedliche Taktung und die Fragmentiertheit ihrer Nutzung strapazieren den öffentlichen Raum in medialem Sinne über die Grenzen seiner Elastizität. Was bis vor Kurzem als zwar waberndes, aber erahnbares Gebilde dessen, was eine Gesellschaft gemeinschaftlich wahrnimmt und beschäftigt, unser aller Leben begleitete, diffundiert zunehmend in seine Einzelteile. Wer die Entwicklungen in Boston live von CNN serviert bekommen hat, musste ein komplett anderes Bild der Geschehnisse bekommen als jemand, der sich via Twitter informierte, oder wiederum jemand, der sich auf die Websites von US-Medien verließ. Die kollektive Wahrnehmung von Themen oder Ereignissen verschwindet zusehends. Noch mehr verändert die Explosion der digitalen Individualkommunikation den öffentlichen Raum. Oder vielmehr steht sie dieser Idee diametral entgegen.

"Das Internet manifestiert sich heute nicht als ein öffentlicher Raum, als ein Raum des gemeinsamen kommunikativen Handelns. Es zerfällt vielmehr zu Privat- und Ausstellungsräumen des Ich." So eröffnet Byung-Chul Han, Philosophie-Professor an der Universität Karlsruhe, seinen gerade erschienenen Essay "Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns" (Mathes & Seitz, Berlin). In diesem – sehr empfehlenswerten – Büchlein leitet Han her, weshalb der Zerfall des öffentlichen Raumes keinesfalls nur als Krise der Demokratie interpretiert werden dürfe. Vielmehr wagt er den Gedanken, wie eine Öffentlichkeit ohne kommunikatives Handeln aussehen könnte. Eine Schwarmdemokratie, eine Präsenzdemokratie, eine Echtzeitdemokratie, in der nicht die Kraft des stärkeren (oder mächtiger vorgetragenen) Arguments obsiegt, sondern die mathematische Logik dessen, was Rousseau einst den Allgemeinwillen nannte. Aus den „Big Data“ der individuellen Verhaltensweisen und Ansichten generiert der Algorithmus die Handlungsmaximen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Parteien? Ideologien? Langwieriger Diskurs? Alles nur Produkte eines instabilen Systems, das sich auf Theore­tisches stützen muss. Doch die Daten machen die Theorie obsolet, statt ideologiegetränkten Politikern errechnet der nüchterne Algorithmus, was die Gesellschaft nach vorne bringt. Nach vorne – auf dem Weg zum Ameisenstaat.
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