„Der Abstand kann sich rasch schließen“
 

„Der Abstand kann sich rasch schließen“

IP-Geschäftsführer Walter Zinggl und IP-Verkaufsleiter Florian Skala erklären im Interview warum der TKP wichtiger ist als Programmfenster, weshalb alle Sender den nächsten großen Trend suchen und welche Gefahr die TVThek-Vermarktung mit sich bringt

HORIZONT: Herr Zinggl, Sie sind nun seit April aktiv im Haus der IP Österreich. War Maxus eine Zwischenstation und sind sie nun wieder glücklich vermarkten zu dürfen?

Walter Zinggl: Ich war auch in der Agentur glücklich, denn vor dem Küniglberg hab ich 21 Jahre meines Berufslebens auf Agenturseite verbracht. Ich war bei Ogilvy und Publicis und ich habe die damalige Optimedia, heutige Vivaki gegründet. Ich hatte bei der Maxus Spaß, aber das Angebot der IP hat mich gereizt.

HORIZONT: Die IP Österreich ist reiner Vermarkter der österreichischen Werbefenster der RTL Gruppe, sowie von Sky Sport Austria …

Zinggl: Aus meiner Sicht gibt es nicht viele unterschiedliche Vermarktungsmodelle – je mehr Zuschauer, desto mehr Geld, das ist die simple Rechnung. Diesem Modell folgend agieren alle, öffentlich-rechtliche wie private Sender. Prinzipiell gibt es die klassische Werbung, sie macht 80 bis 90 Prozent des gesamten Volumens aus, der Kuchen wird mit kreativen Sonderwerbeformen, die näher ans Programm rücken, aufgefettet.

HORIZONT: Wie geht es der IP, wie läuft das Geschäftsjahr?

Zinggl: Gerhard Riedler und Florian Skala haben hervorragende Arbeit geleistet und das heurige Jahr läuft sehr sehr gut – zufrieden ist man nie, aber wir sind definitiv über Vorjahr, und zwar dort wo es darauf ankommt: in der Kassa.

HORIZONT: Das bedeutet Sie geben weniger Rabatte?

Zinggl: Wer die größte Brutto-Netto-Schere hat, müssen Sie die Agenturen fragen – wir sehen aus der Power-Ratio (Marktanteil im Verhältnis zum Bruttowerbewert, Anm.), dass wir nicht schlecht unterwegs sind.

HORIZONT: Nun waren Sie sechs Jahre bei der ORF Enterprise – die Unterschiede könnten größer nicht sein – öffentlich-rechtlicher versus privater, ein kleines und wendiges Team versus damals 250 Mitarbeiter. Die Marktanteile, die rechtlichen Rahmenbedingungen sind anders, fühlen Sie sich wohl beim Underdog?

Zinggl: Ich fühle mich sehr wohl. 2002 als ich die Enterprise übernommen habe und der Marktanteil des ORF irgendwo bei 60 Prozent lag, da gab es genau einen Fixstarter in der Fernsehplanung: den ORF. Heute ist es so, dass es drei größere Vermarkter gibt, die Enterprise, die IP, die Seven One Media. Und wenn sie nicht für extrem außergewöhnliche Zielgruppen planen, dann benötigen sie zwei der drei Großen. Jemand der mit uns nicht redet macht einen Fehler.

HORIZONT: Gab es in der Maxus, wo sie drei Jahre lang CEO waren, Fälle, wo kein ORF gebucht wurde?

Zinggl: Sicher, gestandene Markenartikelkunden. Aber es war eher die Ausnahme – die Mehrheit der Pläne berücksichtigte alle drei Vermarkter und wenn ein Kunde auf Effizienz wert legt, dann wird es wohl SOM und IP werden.

Florian Skala: Je jünger die Zielgruppe, je sinnvoller ist Privat-TV. Da gab es schon Mitte der 2000er Kampagnen, die rein privat gelaufen sind.

HORIZONT: Nun sind wir bei einem relevanten Punkt: Die IP ist mit ihrem Senderportfolio, die Nummer drei am Markt, die SOM hat mit Puls4 ein Erfolgsprodukt, sie hat Sixx neu gelauncht …

Skala (lacht): … da haben wir als Vermarkter des ursprünglichen Austria 9 den Weg bereitet ...

HORIZONT: … und Pro7 liegt quotentechnisch vor ihrem Flaggschiff RTL in Österreich …

Zinggl: Ja, die SOM hat mehr Sender im Portfolio und ja Pro7 liegt voran – das ist ein Erfolg den man den Programmmachern von Pro7 zugestehen muss, - in den letzten Monaten war Pro7 sogar häufiger bei der Zielgruppe 12-49 die Nummer 1 als ORF eins. Das ist ein gut gemachter Sender, der seine Stärken bis 25 hat und dem kann man gratulieren. Bei allem Druck, den wir Vermarkter auf das Programm ausüben wollen und können, sind Sendererfolge aber zyklisch. Es ist kein Geheimnis, dass wir mit der Quotenentwicklung von RTL im ersten Quartal nicht besonders glücklich waren.

HORIZONT: RTL auf Selbstfindungstrip ...


Zinggl: Ich glaube, dass alle Sender auf Selbstfindungstrip sind, weil die Erfolgsformate der 90er bis in die frühen 2000er, die da hießen Doku-Soap mit ihrem Nachfolger scripted reality, Casting Show und US-Serie, zwar nach wie vor innerhalb des Portfolios ganz oben stehen, aber die Zuschauerzahlen werden weniger. Genauso liefen Quiz-Shows in den 80ern, die Millionenshow in den 90ern, als die Zuseher Jauch und Assinger parallel schauten. Aber das ist schon länger her. Die Antwort damals war Casting mit "Deutschland sucht den Superstar", "Die Helden von Morgen", "Starmania", angeblich eine Eigenerfindung, damit man sich die Lizenzgebühren spart …

HORIZONT: Wie hoch sind Lizenzgebühren für diese Formate?

Zinggl: Das kommt darauf an – die schwierigste Lizenz, die ich erlebt habe war „Dancing Stars“ – „Dancing with the Stars“ wie es in der BBC hieß. Da musste sogar auf einem Feuerzeug das Copyright und das Logo „A BBC format“ gedruckt werden. Das Geld, das da floß war enorm, aber am Ende war das Format über lange Jahre höchst erfolgreich. Aber Formate kommen, geraten in eine Dynamik, werden Straßenfeger und dann bauen sie ab. In so einer Phase sind wir gerade – nahezu alle großen Formate verlieren und der nächste große Trend wurde noch nicht entdeckt.

HORIZONT: Ist ein Format wie „Berlin Tag & Nacht“ auf RTL II eine kleine Antwort?

Zinggl: Das ist Scripted Reality in Kombination mit Social Media – das Format hat 2,7 Millionen Facebook-Fans und ist extrem gut gemacht, am Puls der Zeit, hat ein Spin Off und vergibt Lizenzen im Ausland. Aber im großen Massenmarkt ist das nur die Zielgruppe 12-29. Es geht darum herauszufinden, wo geht der Geschmack des Publikums hin.

HORIZONT: Serien funktionieren weiterhin sehr gut, aber die leisten sich vor allem die Amerikaner. Es geht ja im Grunde um Formate, die die Sender selbst produzieren können.

Zinggl: Auch RTL hat im deutschsprachigen Raum Pionierarbeit mit Serien geleistet, aber ein Land mit einer Geschichte in der Fernsehproduktion und 500 Sendern kann sich ein sehr hohes Produktionsvolumen leisten - und wir hatten das Pech, dass sich die amerikanische Bevölkerung 1871 für Englisch als Amtssprache entschieden hat und nicht für Deutsch. Aber Straßenfeger wie die CSIs, die noch für 30-Prozent-Quoten egal in welchem Land gesorgt haben, gibt es auch nicht mehr.

Skala: Außerdem sind in den USA Themen wie Terror, Krieg im Fokus der Crime-Serien, aber das zieht in Mitteleuropa nicht. Daher werden bei RTL schon seit Jahren  Eigenproduktionen gestärkt. Das wird sich noch extrem bezahlt machen. Ich spreche vom Eventmovie- und Serienbereich.

HORIZONT: Eventmovies sind Blockbuster …

Zinggl: … die zusätzlich vor- und nachbereitet werden mit Themenschwerpunkten. So startete RTL gerade mit der Produktion vom „Götz von Berlichingen“. Da verliert der Held seine rechte Hand und bekommt eine eiserne. Darum rankt sich zum Beispiel ein Mystery-Thema, das man fortführt. Mystery, Esoterik, da ist möglicherweise ein Trend verborgen. Aber wir wissen es noch nicht, wir probieren aus. Fernsehen ist nicht losgelöst vom Rest der Welt – bei „Herr der Ringe“ ist nicht nur die großartige Arbeit von Peter Jackson und seinem Team das Erfolgsgeheimnis, sondern man hat den Puls der Zeit getroffen, wie mit „Game of Thrones“. Im Nachhinein wissen wir was ein Trend war, es jetzt herauszufinden ist die Herausforderung.

Skala: Deshalb ist jetzt eine Zeit des Aufbruchs - bei Shows, Filmen, Doku-Soaps. Das Doku-Genre ist noch nicht ausgereizt: von Teenagern, die Mütter werden, Nanny für alle, bis zum Coaching-TV in Form von Schuldnerberatern, Psychologen für Arbeitslosen, vom Häuslbauer zum Gärtner – die Themen sind unendlich. Daher sind aktuell viele Innovationen im Programm - und auch Flops. Aber wenn von 20 nur zwei Formate funktionieren, die der Knüller sind, dann ist das großartig.

HORIZONT: Wie zufrieden sind Sie mit dem kommenden Programm für Herbst, Sie waren gerade in Hamburg zur Präsentation …

Zinggl: Es stecken spannende Ideen drin. Gespannt bin ich auf die Gottschalk-Jauch-Kombination. Dann gibt es den Versuch einer Zeitreise mit Prominenten, die in die ABBA-Welt versetzt werden und innerhalb kürzester Zeit deren Hits zum Besten geben müssen – eine Sache, die fortgesetzt werden könnte. Es gibt viel Potenzial: Frank Hoffmann und sein Team haben gut gearbeitet, deshalb freue ich mich auf die neue Season.

HORIZONT: Könnte man sagen, dass die Fragmentierung und die Nische ein Thema der Zeit sind und die großen Mega-Bringer, die für alle Zuseher funktionieren, Vergangenheit sind?

Zinggl: Aus der Sicht des Vermarkters: es geht nicht mehr um Sender, sondern um Senderverbände. Wenn ich nicht ein zwei große und rundherum viele kleine Nischensender habe, dann werde ich in meiner Kraft am Markt verlieren. Die technischen Voraussetzungen sind inzwischen für den Konsumenten paradiesisch, er findet alles, was seine persönlichen Interessen betrifft. Ein anderer Punkt ist jedoch, dass Menschen ihr Verhalten nicht so schnell ändern wie es die technischen Rahmenbedingungen ermöglichen würden. Wir wissen aus der Telemetrie, selbst Haushalte, die 1.200 Sender haben, nutzten ein relevant set von maximal 12 Sendern.

HORIZONT: Gilt das auch für die nachkommende Generation? 

Zinggl: Die Jungen haben vielleicht ein stärker themen- als senderbezogenes Relevant Set, aber auch der Jugendliche weiß genau, wo und wann „Berlin – Tag & Nacht“ läuft und auch er sieht es sich am liebsten dann an, wenn es „live“ am Sender läuft. Bei all den Zugriffszahlen die wir haben: 80 Prozent schauen am Fernseher und nicht am Computer. Dass Junge heute das Programm von gestern online nachschauen, ist klar. Deshalb sehen wir uns aber auch nicht als Fernseh- sondern als Bewegtbildvermarkter. Dort wo die Konsumenten unsere Formate abholen, dort ist unser Job.

HORIZONT: Wie sieht das Bewegtbild-Portfolio aus und was tut sich bei crossmedialen Angeboten?

Skala: Die Relevanz des Themas ist groß. Der Beitrag zu den Gesamterlösen ist überschaubar. Wir verdienen unser Geld mit Fernsehen – das Online-Einkommen liegt unter zehn Prozent. Es gibt klassische Online-Werbung und wir haben fünf Millionen Video Views mit einer zweigeteilten Struktur: Short- und Long-Form-Content. Seit April 2011 gibt es Long-Form-Formate, Sendungen, die in voller Länge abrufbar sind. Bei langen Sendungen bringen wir maximal zwei Mid-Roll-, sprich Unterbrecher-Werbevideos. Die zweite Variante sind kurze Formate, die Pre-Rolls ermöglichen, -  und natürlich Auswirkungen auf die Zahl der Video Views haben, weil wenn Du die Sendung in einem durchsiehst, zählt das als ein Video View, ist es eine Sendung in vier Teilen, dann zählt das für vier Video Views. Das ist ein Marketing-Gag und für schöne Pressemeldungen sehr förderlich … Für mich kommt es auf das Inventar an, dass ich zu 100 Prozent ausliefern will. Die Nachfrage ist so groß, dass wir die Short-Forms dazu genommen haben, sprich es werden Themen herausgegriffen. Das ist eine filettierte Nutzung von originärem TV-Content. Short Forms bleiben unbegrenzt online, Long Forms können zwischen sieben und 30 Tagen kostenlos, danach in der Library gegen Gebühr und ohne Werbung abgerufen werden.

HORIZONT: Ihr habt Sky Sport Austria, einen reinen Pay-TV-Sender im Portfolio, auch HD-Fernsehen kostet – wie erfolgreich ist Pay-TV aus Eurer Sicht insgesamt?

Zinggl: Neben Sky Sport ist High Definition Austria eine abgemilderte Form von Pay-TV. HD Austria bietet 14 Fernsehsender in HD. Es ist ein logischer Schuhlöffel im Pay-Bereich – wenn Du, lieber Zuseher, die Brillanz am Bildschirm voll ausnutzen willst, dann kannst Du HD nehmen und eine Gebühr entrichten. Ob das funktioniert, weiß ich aufgrund fehlender Marktzahlen nicht so wirklich. Aber es ist ein Thema, wo der Versuch von verschiedenen Marktteilnehmern gemacht wird, das unüberschaubare TV-Sender-Angebot für den Konsumenten zu portionieren. Ein paar hundert Programme sind zuviel und bei Sky bekommt der Abonnent ein Filmpaket, ein Sportpaket, originären Content der ihn interessiert, deutlich weniger Werbung. Wir haben in Österreich 300.000 Sky-Haushalte, das sind zehn Prozent aller Haushalte und das ist nicht wenig, wohl aber noch ausbaufähig.

Skala: Wir vermarkten alle Sky-Sender, aber Sky Sport Austria ist der einzige österreichische Sportanbieter mit allen Bundesliga-Spielen live in Österreich. Wobei, wieder große Ausnahme: der ORF überträgt ein Spiel pro Woche, was einzigartig ist, weil in fast allen europäischen Ländern hat Pay-TV Exklusivrechte, das ist der USP. Österreich ist für den Fußball-Interessierten noch eine Insel der Seligen. In England läuft kein einziges Liga-Match im Free-TV, in Deutschland sind es genau zwei Spiele an 38 Spieltagen. Hier agiert Sky in unglaublich schwierigem Umfeld und ist sehr erfolgreich.

HORIZONT: Was trägt Sky zum Ergebnis bei?

Zinggl: Wir sprechen nicht über Zahlen – aber wir haben mit Sky nun fünf statt vier Sender in der Vermarktung und ein Vermarkter benötigt eine Flotte.

HORIZONT: Haben Sie weitere Sender für das Portfolio im Visier?

Zinggl: Wir sehen uns viele Sender an: wie etwa RTLnitro. Die Thematik in Österreich, im Gegensatz zur Schweiz wo 95 Prozent über Kabel fernsehen, ist, dass man ohne eigene Astra-, sprich Satellitenfrequenz, nicht auskommt. Das macht es schwierig bei 50 Prozent-Satellitenhaushalten und kostet im Standard-Definition-Bereich bis 800.000 Euro, im HD-Bereich 1,3 Millionen im Jahr – und das muss man einmal netto verdienen. Wir sind jedenfalls dabei alle möglichen Optionen zu prüfen …

HORIZONT: Wie sieht es aktuell mit der Etablierung von Programmfenstern auf den RTL-Sendern aus, ebenfalls ein kostspieliges Unterfangen?

Zinggl: Auch das prüfen wir, aber wir werden hier nicht auf dem Flaggschiff beginnt, denn der Österreich-Content würde jenen, der bereits läuft, verdrängen. Die Kalkulation ist daher simpel: ich brauche zumindest so viele Zuseher wie bisher plus eine Finanzierung der Produktionskosten. Wir machen Privat-TV nur dann wenn es Geld bringt, weil wir sind nicht verbrämt öffentlich-rechtlich, sondern ein börsennotiertes Unternehmen. Eines ist klar: die Seven-One-Gruppe liegt in der Addition aller Zusehermarktanteile vor uns und das sind wir nicht gewohnt als RTL-Group.

HORIZONT: Das gilt es zu lösen mit neuen Sendern, Programmfenstern und …

Zinggl: … als allererstes gilt es die Marktanteile der bestehenden Sender zu erhöhen.

HORIZONT: Was kann der Vermarkter dafür tun?

Zinggl: Es ist ja das Interesse der Sender und Vermarkter ident – der Vermarktungserfolg ist gleich der Erfolg der Sender. Und als Marktführer in Deutschland will ich auch hier am Markt nach vorne.

Skala: Natürlich denken wir über neue sinnvolle Werbefenster nach. Jeder will sich gut aufstellen. ntv wäre ein starker Sender was den Content, das Image betrifft, wir würden in neue Wirtschaftszweige einsteigen. RTL nitro ist von der Zielgruppe her interessant, als Abrundung ins männliche. Wir versuchen ein rundes Portfolio zu gestalten. Aber eines ist festzuhalten: die SOM ist wie wir zum Großteil von den Marktanteilen des deutschen Programminhalts abhängig. Der Abstand kann sich sehr rasch schließen, wenn RTL und VOX Wachstumsschübe hinlegen und Pro7 verliert. Da wird der Erfolg eines zehnminütigen kleinen Formats, das als Programmfenster auf Pro7 Austria ausgestrahlt wird, nichts bringen. Da muss man die Kirche im Dorf lassen. Wo sie etwas in der Hand halten ist Puls4.

HORIZONT: Das wiederum kostet …

Skala: Ja, ich möchte nicht den Businessplan der Champions League verantworten. Auf der ganzen Welt ist es so, dass Sportrechte jeder Art nicht auf direktem Wege refinanzierbar sind. Die Rechte kosten wohl rund 2,5 Millionen Euro, da ist noch keine Produktion, kein Personal eingerechnet und das ist nicht über Werbung refinanzierbar. Natürlich gibt es Imagegründe und Effekte auf die Gesamtperformance des Senders, die zur Kapitalisierung beitragen.

Zinggl: Aber jetzt sage ich, lassen wir die Kirche im Dorf: wir sprechen nach wie vor von Fernsehen und der Mediaagentur, die um 13:22 Uhr eine Werbeinsel auf Puls4 bucht, ist es egal welche Reichweite um 21 Uhr da ist – kapitalisiert wird das, was um 13:22 Uhr erreicht wird.

HORIZONT: Wollt Ihr damit sagen, dass sich das alles nicht auszahlt?

Zinggl: Rechnerisch nein, auch fürs Image reicht es nicht, weil der Kunde auf eine Kosten-Nutzen-Relation schaut und den TKP - das Image des Senders zählt nur als Soft Fact. Anstrebenswert ist es mit dem TKP unter den Top-5 in der jeweiligen Zielgruppe zu sein.

Skala: Und ohne den Programmfundus der ProSieben Sat1-Gruppe gäbe es den Sender nicht, wenn es auch einigen Spielraum durch die Eigenproduktionen von Puls4 gibt. Das machen sie gut und die Performance ist in Ordnung. Für uns heißt es aber, sich nicht blenden zu lassen: denn der Erfolg der SevenOne-Gruppe ist nicht Puls4 mit seinen nur vier Prozent Marktanteil.



HORIZONT: Das heißt Sie greifen direkt die SOM-Sender an oder auch den ORF?

Skala: Wir schauen vordergründig auf unsere Sender und wollen Marktanteile dazu gewinnen. Von wem diese kommen, ist für uns nicht relevant. Wenn sie von der ProSieben Sat.1-Gruppe oder vom ORF kommen, würde es uns aber nicht stören.

HORIZONT: Wie sehr knabbert man an den Marktanteilen der in Österreich überproportional starken Printtitel?

Zinggl: Hier geht es mehr um einen Wettbewerb der Gattungen: natürlich hat TV gegenüber Print nur Vorteile, um nur zwei zu nennen: multi-dimensionales Medium versus mono-dimensional, volle Werbemittel-Nutzer-Transparenz am nächsten Tag versus Werbeträger-Reichweiten sechs Monate später. Die Kunden und Agenturen reagieren darauf immer stärker. Das ist gut und richtig so. Die IP alleine kann aber unmöglich an den Marktanteilen knabbern - ein klares Bekenntnis zu Gattungs-Marketing-Maßnahmen meinerseits!

HORIZONT: Es gab vor einiger Zeit die Idee, dass man in Kooperation mit dem Hälfteeigentümer Krone einen Vermarktungszusammenschluss von Kronehit über die Zeitung und Online bis TV aufbaut. Nun ist der ehemalige IP-Chef Gerhard Riedler Mediaprint-Geschäftsführer - wie sieht es mit diesen Plänen aus?

Zinggl (amüsiert): Das gab es?

Skala: Das war eine Idee von Herrn Huttarsch. Natürlich versucht die Krone ihre Beteiligungen auszunutzen. Der Werbekunden, der da Synergien sieht mit one face to the customer für Print, Online, Radio und TV, für den klingt das interessant.

Zinggl: Fakt ist, dass eine der Tochterfirmen aus dem Mediaprint-Imperium eine Beteiligung an der IP hält. Die operative Führung der IP liegt aber eindeutig bei der RTL Group und ich müsste mich sehr täuschen, wenn es Pläne gäbe diese Führung abzugeben. Ich wage eine Vermischung der Medienvermarktung auszuschließen. Dass wir alle gut miteinander reden, dass ist klar und dass wir crossmedial vermarkten können und es Anfragen von Kundenseite gibt dieses Potenzial zu heben. Das wird aber immer Kunden spezifisch ablaufen, aber die große Hochzeit ist das nicht. Das Wort Crossmedialität höre ich seit 1986 - alle Agenturen und Medien sind crossmedial aufgestellt, aber beim Kunden sitzen oft sechs Abteilungsleiter von Online-, Sponsoring-, Direktmarketing- bis Marketing und die von diesen jeweils bestellten Kreativ- und Mediaagenturen. Crossmedialität muss beim Kunden beginnen, unabhängig von Medienschranken - mit einem Konzept und einer Positionierung.

HORIZONT: Und das gibt es selten?

Zinggl: Das gibt es fast nie - egal ob Markenartikler, Mobilfunker, Handel. Der Anstoss muss vom Kunden kommen - wie bei allem: am Ende des Tages ist er es der zahlt und vorgibt.

HORIZONT: Seit kurzem ist auf der TVThek des ORF eingeschränkt Werbung erlaubt, das Facebook-Verbot ist ebenso aufgehoben. Wie geht es Euch damit?

Skala: Kurz Zusammenfassung: Es gibt Parteien in einem Verfahren, diese Parteien der ORF und die Bundeswettbewerbsbehörde haben sich nach der Urteilsverkündung noch einmal zusammengesetzt, damit keiner beruft und man sich ein bissl was ausmacht, damit jeder happy ist. Solche Entscheidungen zu ändern und eine BWB zur Berufung zu bewegen, das wäre Weihnachten und Ostern an einem Tag. Ich bin trotzdem schockiert, wenn auch nicht überrascht. Es macht mich traurig, dass es wieder ein Mosaiksteinchen mehr in einer verfehlten Medienpolitik und einer völligen Schieflage eines dualen Rundfunksystems in Österreich gibt.

HORIZONT: Es geht also mehr um die Psychologie der Entscheidung als um echten Geld für Euch?

Skala: Das halte ich für den Kardinalfehler. Und die Besprechungen zwischen den Parteien, die hier nach der Bescheidverkündung stattgefunden haben, die geben mir recht. Der Fehler ist die generelle Öffnung - In spätestens drei Jahren werden alle Restriktionen vom Tisch sein. Das ist das wahre Problem. In den nächsten Jahren wird man sehen, dass diese nun festgelegten Bestimmungen aufgeweicht, erweitert oder abgeschafft werden und dann erst kommt das Aha, die dürfen alles - aber dann handelt es sich um ein paar Millionen und nicht mehr um 800.000 Euro.

Zinggl: Das eigentliche Thema ist, dass Medienpolitik in Österreich nicht vorhanden ist. Ich kenne die Branche seit 1981 und Medienpolitik findet nur statt wenn es um die Gebührenerhöhung des ORF und die Presseförderung geht. Bei diesen Themen wissen dann plötzlich alle was Medien sind und warum sie wichtig sind. Aber es gibt null profunde Kenntnis, null Verständnis und kein Interesse an den Themen dazwischen. Das Ergebnis sind Gesetze, die zwischen der 2. und 3. Lesungen in Nebenräumen modifiziert werden und für die Gerichtshöfe so formuliert sind, dass die Auslegung schwierig ist, weil die Juristen, die das Gesetz ursprünglich gestalteten im Nebenraum nicht dabei waren. Das ORF Gesetz ist ein handwerklich schlecht gemachtes Gesetz. Ein Beispiel: Wir haben zur TVThek einen Kompromiss, der sagt Informationssendungen und Nachrichten sind ausgenommen von einer kommerziellen Nutzung. Dann gibt es aber einmal im Jahr eine Parlamentssitzung, wo das Programm des ORF im abgelaufenen Jahr diskutiert wird. Da könntet man dann daraufstossen, dass zum Beispiel:"Harrys liabste Hütte"in der Vergangenheit nicht in der TVThek vermarktet hätte werden dürfen, weil das 2007 noch eine Informationssendung war. Aber niemand führt die vorhandenen Informationen zusammen. Man könnte die Dinge klar regeln: Sprich, es gibt den öffentlich-rechtlichen Auftrag, dann muss dessen Finanzierung aus dem Budget oder aus einer Haushaltsabgabe gesichert werden, und zwar in einer würdigen Art und Weise und nicht so, dass das jeweilige Management des öffentlich-rechtlichen Senders regelmäßig in Geiselhaft genommen wird. Wenn die Finanzierung gesichert ist, wie in 90 Prozent der Demokratien auf der Welt, dann muss es klarerweise beim zweiten Incomestream nicht gleich ein Verbot, aber doch eine Reglementierung geben. Oder ich sage es gibt viele Fernsehsender und jeder, der öffentlich-rechtliche Inhalte bereitstellt und diese Inhalte auf diesem Sender von den Zusehern auch konsumiert wird, erhält seinen Anteil an der Finanzierung und ansonsten ist alles für die Kommerzialisierung frei. Ein bissl öffentlich-rechtlich und ein bissl dual geht nicht, sagt der idealistische Zinggl, der realistische nimmt es hin, dass wohl nach der Wahl ein paar Regelungen für alle, ein bissl Geld für jeden gefunden werden und eine Evaluierung hier und da passiert und schließlich überlegt wird, ob der arme ORF seine Onlineregelungen nicht doch aufweichen darf.

HORIZONT: Wie sehr freuen Sie sich dann, dass Sie bei der IP sitzen?

Zinggl: Ich freue mich, dass ich bei einer Vermarktungsgruppe sitze, wo man Dinge umsetzen kann, an die man glaubt, wo man nicht von Junktimierungen mit dem Ausbau der burgenländischen Autobahn abhängig ist, wo man nicht sich mit einem Aufsichtsrat auseinandersetzen muss, der aus 35 Menschen besteht, deren Know how in Mediathemen vorsichtig ausgedrückt ausbaubar wäre, und wo man nicht von Verdauungssystem eines Programmchefs abhängig ist, sondern wo Entscheidungen auf Basis klarer Fakten getroffen werden und wo die Entscheidungsgeschwindigkeit so schnell ist, dass ich - wenn sie kommt- noch weiß, was mein Problem war.

HORIZONT: Ihr seid ein wendiges Boot mit 30 Mitarbeitern. Was sehen Sie an Verbesserungspotenzial?

Zinggl: Die IP ist ein hocherfolgreiches Unternehmen nach jeder Definition. Ich habe schon viele Organisationen übernommen und jede lässt sich auf ihre Art auch verbessern, es wird schon das eine oder andere passieren, was keine Kritik am Management der vergangenen Jahre sein soll. Es sind schlicht Anpassungen an die Veränderung der Märkte. Wir werden unsere Präsenz im Markt im Sinne der Verkaufsstruktur verbessern, wir werden unseren Fokus auf Sonderwerbeformen schärfen. Am wichtigsten ist: die IP, auch in Deutschland, und die RTL Group haben eine einfache, unkomplizierte Unternehmenskultur, was bei anderen Vermarktern nicht so einfach sein soll.

HORIZONT: Florian Skala - wie tickt Herr Zinggl - Sie waren mit Herrn Riedler ja ein gut eingespieltes Team?

Skala: Wir sind keine Unbekannten, wir kennen uns seit zehn Jahren. Der Walter war damals noch übermächtiger Mitbewerber, er war Kunde als Geschäftsführer einer Mediaagentur, ist nun Kollege, Vorgesetzter und Geschäftsführer. Wir respektieren einander seit langem. Es funktioniert hervorragend.

Zinggl: Ich fühle mich dort wohl, wo ich bin. Was man im Kopf und auch im Herzen und im Bauch hat, kann einem keiner wegnehmen. Ich weiß heute wie Vermarkter ticken, ich weiß wie Agenturen ticken und auch über Kunden habe ich in den vergangenen 32 Jahren ein bisschen was gelernt. Es geht nicht um die Verhandlung von Konditionen, sondern darum zu sehen, was sind die Herausforderungen des Gegenübers, sich in seiner Welt zurecht zu finden. Auf diese Art kann ich sehr gut mit allen arbeiten.

Ad personam:
Walter Zinggl
startete seine Karriere 1987 bei der Publicitas-Werbeagentur und schloss parallel dazu den Universitätslehrgang für Wirtschaftswerbung und Verkauf ab. 1995 wechselte Zinggl zu Ogilvy & Mather, schließlich lenkte er die Geschicke der Publicis. Der 51-jährige gebürtige Steirer verantwortete die Ausgründung der ehemaligen Media-Abteilung Opti Media, heute Vivaki. Es folgte die siebenjährige Geschäftsführung der ORF Enterprise mit damals 250 Mitarbeitern. Zuletzt war Zinggl drei Jahre lang mit den Geschäften der WPP-Mediaagentur Maxus betraut.
Florian Skala
ist seit 2003 bei der IP Österreich beschäftigt. Der 35-Jährige leitete ab 2004 die Research-Abteilung, 2006 wurde er Mitglied der Geschäftsleitung und ist Prokurist sowie Verkaufsleiter TV und Online.

stats