Daten unter Spannung
 

Daten unter Spannung

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Interview mit Mirko Lorenz - Beim Global Editors Network Summit in Barcelona wurden zum dritten Mal die Data Journalism Awards (DJA) vergeben. Er fungierte als Direktor. Im Interview spricht Lorenz über die Zukunft dieser journalistischen Ausrichtung

Horizont: Herr Lorenz, was verstehen Sie unter Datenjournalismus?

Mirko Lorenz: Genauer hinschauen, besser erklären. Datenjournalismus übernimmt zunehmend die Verpflichtung, Zahlen und Daten so anzunehmen wie Text. Aus journalistischer Sicht geht es mir darum, dass die vielen quantifizierenden Argumente besser überprüft werden.

Horizont: Aus journalistischer Sicht  ist Datenjournalismus also nichts Neues?

Lorenz: Nein, allerdings explodieren die Möglichkeiten, wenn Verlage ihre Redaktionen mit Verständnis und Budgets ausstatten. Datenjournalismus ist dann eine große Chance. Um politische oder wirtschaftliche Veränderungen besser bewerten zu können, sind Zahlen und Daten nützlich. Sie helfen, die großen Themen zu durchdringen. ­Dabei muss man immer beharrlich nachfragen. Wer hat das gezählt und warum? Wer beobachtet wen? Welche Agenda steckt dahinter?

Horizont: Beweiskraft durch Zahlen – wo bleibt da die Geschichte?

Lorenz: Zum Journalismus gehört nicht nur die Kraft des Verbalen, sondern auch die Kraft der Argumentation. Mit Datenjournalismus ein Aha-Erlebnis zu bewirken, ist wichtig und neu, weil Journalisten hier wie selbstverständlich mit Excel-Tabellen und Zahlen arbeiten und damit Geschichten erzählen. Viele haben dies bisher nicht als ihr ureigenes Arbeitsfeld wahrgenommen. Datenjournalismus ist keine Heilslehre, aber auf jeden Fall Ergänzung, Verstärkung, Verdichtung.

Horizont: Spielt sich Datenjournalismus nur online ab?

Lorenz: Überhaupt nicht. Aber man muss vorsichtig sein, damit man das Feld des Journalismus nicht verlässt und nur noch Programmierer ist.

Horizont: Liegt hier die Grenze zwischen Daten- und Roboterjournalismus?

Lorenz: Mag sein, dass manche Tätigkeiten automatisierbar sind. Da­raus allerdings abzuleiten, dass wir gute Schreiber, Fotografen, Filmer und verständige Zahlenerklärer nicht mehr brauchen, halte ich für weit gefehlt. Ich finde es aus Verlagssicht seltsam, in teure Software zu investieren, dabei aber die Förderung und Stärkung der Redaktionen zu vernachlässigen. Ich halte wenig von Roboterjournalismus.

Horizont: Wer sind die Datenjournalisten von heute?

Lorenz: Wir haben hier im Global ­Editors Network, das die Data Awards vergibt, einen guten Überblick. Wir hatten heuer über 500 Einreichungen. Die Qualität insgesamt war hoch, aber es war nicht alles Gold. Die Spitzen­beiträge stammen von Teams, die Rückhalt in den Redaktionen haben. Es ist aber nicht so, dass die New York Times, der Guardian oder die NZZ ­Millionenbeträge ausgeben. Es gibt ein sehr breites Mittelfeld an Einzelgängern. Diese Beiträge entstanden in der Freizeit, und das finde ich ganz be­merkenswert. Das ist nicht immer preiswürdig, aber da opfern weltweit Hunderte von Jour­nalisten ihre Zeit. Datenjournalismus verbreitet sich, mit Schwerpunkt in ­Europa und Nordamerika. Und Kompetenz ermöglicht Profilierung.

Horizont: Also eine Möglichkeit zur Emanzipation von Medienhäusern?

Lorenz: Diese besteht schon lange. Als bloggender Journalist brauche ich rein theoretisch nicht mehr die Infrastruktur eines Medienhauses. Natürlich kann man jetzt nicht sagen: Macht alle Einzelblogs, das ist super und das lässt sich vermarkten. Das stimmt so nicht. Im Fall Datenjour­nalismus ist Emanzipation deshalb möglich, weil das Profil des Datenerklärers, Wissenschaftlers, Statistikers, des Datenwühlers, in sehr vielen Branchen nachgefragt wird. Beispielsweise für Unternehmen und Kommunen. Datenjournalisten bieten sich Gelegenheiten und sie sind glaub­würdig.

Horizont: Wie sieht es mit dem Einkommen aus?

Lorenz: Neulich hat mich ein erfahrener Kollege gefragt: Wie verdient man Geld mit Datenjournalismus? Meine Antwort war: Gar nicht. Denn man bietet eigentlich Software an, und für diese wird heutzutage Geld bezahlt. Weil Software mit einem Zukunftsversprechen verknüpft wird. Der Trick ist: Wir verpacken das Berichten, das Übersicht-Schaffen in technische Kons­trukte. Es kann natürlich auch ein Text sein oder ein Video mit erzählerischer Qualität. Gut erklären, begreifbar zu machen, das ist die große Chance.

Horizont: Zur wirtschaftlichen Emanzipation werden die neuen technischen Möglichkeiten also mit dem ­Verkauf von Software?

Lorenz: Wenn wir die Geschichte ­anschauen, sieht man, dass Information immer eine bestimmte Form und Verpackung hat. Wohin es geht, ist oft schwer vorherzusehen. Zum Beispiel unser Datawrapper: Das ist eine Software, mit der Redaktionen und Journalisten leicht und schnell Diagramme erzeugen können. Wir decken damit eine Nische ab, weil wir die Erfordernisse in den Redaktionen kennen und er speziell dafür gebaut ist.

Horizont: Welche Trends sehen Sie im Datenjournalismus?

Lorenz: Tendenz Nummer eins ist: ­besondere Einsichten und Druck er­zeugen, wie das auch bei Wikileaks geschah. Das zweite Trendfeld ist die Bildung von Kollektiven. So sollten Planer, Texter, Erzähler und Programmierer ein Team bilden. Der dritte Trend ist die Abspaltung und betrifft die Verleger. Gute Datenjournalisten können sich die Jobs im Moment aussuchen. Wir hatten mehrere Bewegungen in der Branche, beispielsweise beim Guardian Datablog. So ziemlich jeder, der dort länger als zwei Jahre war, ist mittlerweile bei einem anderen, wahrscheinlich besser zahlenden Medium. Alle Leute wurden abgeworben.

Horizont: Wie sehen Sie den Datenjournalismus im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu Amerika?

Lorenz: Da würde ich fast von Europa reden. In Europa wartet man ab, blickt auf die USA und schaut, ob’s dort funktioniert. In Europa neigt man zu langen Diskursen. Das ist nicht unbedingt schlecht. Man muss nicht alles kritiklos übernehmen. Zum Beispiel die zu starke Orientierung am Kapitalmarkt hat sowohl in Großbritannien als auch in den USA für einen Kahlschlag gesorgt. Das wird überdeckt vom Erfolg innovativer Unternehmen wie Google und Apple. In Europa leisten wir uns mehr Pluralismus, und das ist im Prinzip eine gute Sache. Extreme sind letztendlich nicht die Lösung, denn Google und Apple können schließlich nicht die ganze USA anstellen. Das Wichtigste ist der Mut, neue Wege zu gehen.

Horizont: Was tut sich im deutschsprachigen Raum?

Lorenz: Im Moment scheint ein sehr individualistischer Ansatz vorherrschend zu sein. Die kleine Gemeinde der Datenjournalisten kennt sich untereinander und ist gut unterwegs. Es gibt Sylke Gruhnwald bei der NZZ, Florian Gossy beim Standard oder Sascha Venohr bei Zeit Online.

Horizont: In der Finalrunde der Data Awards waren 13 Länder vertreten: Ist Datenjournalismus ein elitärer Hype?

Lorenz: Die Zahl der Teilnehmer ist von über 300 im Vorjahr auf 520 ge­stiegen. Wir hatten viele Einreichungen aus Afrika. Was auffällt, ist, dass Asien nicht richtig auftaucht,obwohl sich in Pakistan und Indien einiges ­bewegt.

Horizont: Das heißt, man ist noch am Anfang?

Lorenz: Wir sind jetzt in der Phase, in der jeder davon gehört hat, aber kaum jemand es macht. Die Datenmengen werden wachsen, die Software zur Analyse wird sich verbessern. Datenvisualisierung bereichert den Journalismus. Spannend ist, ob jene, die jetzt schon im Datenjournalismus tätig sind, profitieren werden, weil sie immer ein Stück weit die Nase vorn ­haben.

Dieses Interview erschien bereits am 20. Juni in der HORIZONT-Printausgabe 25/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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