Das sind die Fernsehpläne der Fellners
 

Das sind die Fernsehpläne der Fellners

Elisabeth Kessler
Wolfgang und Niki Fellner im Gespräch mit HORIZONT-Chefredakteurin Marlene Auer.
Wolfgang und Niki Fellner im Gespräch mit HORIZONT-Chefredakteurin Marlene Auer.

oe24 LIVE soll ein österreichisches CNN werden, sagen die Fellners im exklusiven Interview mit HORIZONT.

Dieses Interview ist Teil der HORIZONT-Printausgabe 11/2016, die am 18. März erscheint. Hier geht's zum Abo

Das TV-Geschäft wird um einen Kanal reicher: Wolfgang Fellner launcht noch heuer einen eigenen Sender. Im Gespräch mit HORIZONT erzählt er zusammen mit seinem Sohn Niki alle Details zum Programm, den Zielen und zur Vermarktung.


HORIZONT: Jetzt ist es also soweit, Sie steigen ins TV-Geschäft ein. Interessiert daran waren Sie ja schon länger.
Wolfgang Fellner (WF): Ja. Wir steigen mit 1. September über oe24 ins Fernsehen ein. oe24 LIVE wird der Sender heißen, und die Zielgruppe der 20- bis 40-Jährigen ansprechen. Wir wollen spannendes, aktuelles Bewegtbild im Internet machen - und parallel auch linear damit starten. 


Mit welcher Ausrichtung?
WF
: Es wird ein Nonstop-News-Kanal sein, von einem Moderatoren-Paar live aus unserem Newsroom moderiert von 6 Uhr früh bis Mitternacht, also 18 Stunden Programm. Wir bieten Nachrichten, Wetter, viel Internet, Talk, Society und das jede Stunde neu. Entwickelt wird das Konzept von Katrin Lampe und dem oe24-Team.


Ist auch Medienmanager Tillmann Fuchs in die Konzeption involviert?
WF: Er war involviert, hat uns bei der Entwicklung der Idee und ersten Umsetzung geholfen ist jetzt aber als Politiker logischerweise ausgeschieden und kümmert sich um das Brauchtum Niederösterreichs. Sobald er die Politik wieder verlässt, freuen wir uns auf seine Rückkehr .


Klingt nach einem aufwändigen Projekt. Wie groß wird das Team sein?
Niki Fellner (NF): 50 Leute werden für den Sender arbeiten, 30 davon werden neue Mitarbeiter sein. 


WF: Katrin Lampe hat die Programm-Idee entwickelt, jetzt kommen Programmdirektor, Chefredakteur und Chefs vom Dienst dazu. Geschäftsführer sind Niki Fellner und Aline Basel. Alle Printredakteure werden auch Fernsehredakteure werden. Sie werden von ihrem Arbeitsplatz aus über Kameras in den Sender einsteigen und ihre Geschichten kommentieren. Wir werden auch Fotografen mit Videoequipment ausstatten damit sie mitfilmen können.


Trotzdem: Für einen 24-Stunden-Kanal ein überschaubares Team. Wie wollen Sie genug Content produzieren?
WF: Wir produzieren die aktuellen Video-Beiträge selbst mit unserem VJ-Team, dazu kommen Talkshows, Live-Streams etwa von Pressekonferenzen und Diskussionen zu aktuellen Inhalten. Der Nachrichten-Content selbst wird gespeist mit allem was im Internet verfügbar ist – von den wichtigsten Nachrichtenagenturen wie APA oder Reuters bis hin zu Facebook, Instagram und YouTube-Angeboten. Alles was live hereinkommt wollen wir ausspielen. 


… und wohl auch vermarkten?
WF: Ja, im linearen Fernsehen wird es wie bei allen TV-Sendern üblich Werbeblocks geben, das Hauptgeschäft liegt aber auf den PreRolls bei den Internetvideos – nicht nur bei der Desktop-Variante, sondern auch am mobilen Endgerät. Weiterer Einnahmekanal ist die Weiterverwertung von Videos.


Sie verkaufen Internetvideos weiter?
NF: Ja, wir wollen die von uns produzierten Online-Videos über die neuen Plattformen wie jene der APA auch den anderen Markt-Teilnehmern zur Verfügung stellen. Dazu wird es Partnerschaften geben.


Mit wem?
NF: Unter anderem mit deutschen Partnern, wo auch beide davon profitieren können – jene die Content besitzen der uns interessiert und vice versa. Wir wollen auch Dienstleistungen wie etwa Video- oder Spotproduktion anbieten. Hier gibt es viel Potenzial in Österreich, vor allem im KMU-Bereich.


Noch einmal zur Vermarktung. Bedeutet das, dass Content von Dritten vermarktet wird, Sie also Geld kassieren für Pre-Rolls, die vor Inhalten stehen, die gar nicht von Ihnen gemacht wurden?
WF: Das wird es nicht geben. Pre-Rolls stehen nur vor Beiträgen, die von uns gestaltet sind oder für die wir die Rechte haben. 

NF: Es gibt ja auch Agenturcontent, wie von Reuters oder der APA, den wir über unsere Verträge beziehen – da stehen natürlich auch Pre-Rolls davor.

Also stehen die Pre-Rolls doch zum Teil vor Fremdcontent. Sie wollen auch Inhalte von YouTube und Co dafür verwenden? Ein rechtlicher Graubereich.
NF: On air geht nur, wofür wir Rechte haben. Aber wir setzen auch stark auf User-generated Content, wenn uns die User die Rechte geben – so wie YouTube. oe24.tv soll auch ein wenig zum österreichischen YouTube ­werden. 

Die Rechte klären in jedem einzelnen Fall? Das ist zeitlich kaum machbar?
NF: Es gibt genug Content auf sozialen Netzwerken, den man übernehmen kann und auch vermarkten darf. 

Und im linearen Bereich?
WF: Zeigen wir den Content, der im Internet läuft, nur statt der Pre-Rolls gibt es die klassischen Werbeblöcke.

Wird der Inhalt auch über den neuen, umstrittenen A1-Dienst abrufbar sein? 
NF: Wir sind bei A1 Now von Anfang an dabei, auf A1 TV sind wir schon. 

ORF und VÖP verbünden sich dagegen – wir haben berichtet. Ist es für Sie kein Problem, weil Sie sich zum großen Teil an Fremdcontent bedienen werden?
NF: Im Endeffekt verwerten wir den Content, den wir sowieso linear zeigen und on demand abrufbar haben. 

Aber eben auch Content der nicht von Ihnen produziert wird.
NF: Agenturcontent, ja. Und User-generated Content sobald wir die Rechte haben.

ORF-Inhalte werden auch dabei sein? 
WF: Nur wenn der ORF dem zustimmt. Muss von uns aus nicht sein, weil das Ziel des Senders es nicht ist, den ORF wiederzugeben. Und einen Faymann, einen Kurz oder einen HC Strache ins Studio holen, das können wir auch selber. Da brauchen wir nicht „Im Zentrum“ dafür (grinst). 

Wie hoch soll der Anteil an Eigenproduktion dann sein?
WF: Wir rechnen mit deutlich mehr als der Hälfte Eigenproduktionen, die zweite Hälfte wird Agentur-Material, Beiträge von Partnern, Livestreams, Liveeinstiege von Partnern, die natürlich auch von uns bearbeitet werden. 

Wie werden Werber angesprochen? 
WF: Die Werbe-Szene bekommt mit oe24 LIVE einen neuen Bewegtbild-Kanal – am Handy, am Tablet und PC als auch am Fernseher. Die Werber können sich zusätzlich aussuchen, vor welchem Inhalt sie stehen wollen – von Politik bis hin zu Soft-Inhalten.

NF: Das Schöne ist, dass wir es auch targeten können und mit Retargeting arbeiten. Da haben wir mehr Möglichkeiten als ein linearer Sender. 

WF: Wir beginnen bewusst klein – wir starten sehr bescheiden in eine neue Ära, die weltweit gerade entsteht.

Das Wort „bescheiden“ würde man nicht unbedingt mit einem Fellner-Projekt in Verbindung bringen.
WF: Genau (schmunzelt). Deshalb haben wir es, auf Wunsch der Agenturen und Werber, ein bisschen größer angelegt als geplant. Wir haben die wichtigsten Kabelanbieter gewonnen: UPC, kabelplus aber auch die wichtigsten aus den Bundesländern. Der Sender wird auch von Beginn an auf Satellit ausgestrahlt werden. 

Zuletzt hieß es noch, Satellit sei zu teuer. Woher das Umdenken? 
WF: Wir haben das mit den großen Werbe- und Mediaagenturen des Landes diskutiert und erkannt, dass der Bedarf nach Satellit eindeutig da ist. Wir bieten ein modernes Online-TV, das auch die Mehrzahl der Haushalte via Kabel und Satellit erreicht.

Lassen Sie sich im linearen Bereich dann auch messen? Stichwort Teletest?
WF: Ja. Wir werden uns von Beginn an beim Teletest beteiligen – obwohl ich betonen will, dass es nicht unser Hauptziel ist in einen Wettkampf zu Fernsehstationen wie ATV oder PULS 4 einzutreten. 

Was ist dann das Ziel?
WF: Von Beginn an modernes Streaming-TV für das digitale Internetzeitalter zu machen und in einen interessanten Wettbewerb mit Angeboten wie Huffington Post oder Vice zu treten. N24 entwickelt sich mit der Welt in eine ähnliche Richtung, Bild plant etwas ähnliches. Es wird in kurzer Zeit in Europa eine Vielzahl an modernen, digitalen Online-TV-Anbietern geben. Das ist die Zukunft.

Man hätte es aber auch als reines Internetangebot lancieren können.
WF: Das ist auch unser Hauptfokus. Das was für uns wirklich zählt, sind die Pre-Rolls und Videoabrufe, aber parallel wollen wir es als wirklichen Fernsehsender anbieten, damit es von Beginn an ernst genommen wird. Bislang legen die Agenturen Wert darauf, dass ein Angebot im Teletest ausgewiesen wird. Letztlich bekommt Österreich ein neues, mutiges und innovatives Fernsehprojekt. Ein Projekt, das auch mit viel Werbung verbunden ist. Es wird ein österreichisches CNN – das ist unser Ziel.

Wie hoch ist die Investition dafür? 
WF: Detailzahlen behalten wir für uns, aber Ziel ist, im ersten Jahr den Break-even zu erreichen. Was ein kleines Wunder ist, wenn es klappt. Wir starten den Sender deswegen im September, weil wir da mehr Werbevolumen generieren können als im Sommer.

Wie viel Marktanteil schwebt Ihnen vor? 
WF: Alles was über einem Prozent ist, wäre eine Sensation. Wir machen es mit bescheidenen Mitteln, mit etwa einem Zehntel von dem, was ServusTV oder ATV als Jahresbudget aufwenden. 

NF: Die Reichweite ist wichtig, aber es geht uns darum, wie viele Videos wir verbreiten können. Derzeit liegen wir bei sechs Millionen Videos, das wollen wir steigern auf neun bis zehn Millionen Abrufe im Monat. Dann sind wir auf Augenhöhe mit ProSiebenSat.1 PULS 4. Der ORF hat zwar rund 20 Millionen Videoabrufe, vermarktet davon aber nur einen Bruchteil. Das heißt wir sind dann ,was die Pre-Roll-Vermarktung betrifft, größer als der ORF im Online-Bereich. 

Was macht Sie sicher, dass Potenzial am Markt für dieses Format da ist?
WF: Weil die Zukunft dem Bewegtbild gehört. Das ist wie das Amen im ­Gebet. Der Meinung sind auch alle Mediaagenturen. 

Geht es also nur darum, mit dem neuen Kanal Mediaagenturen zu halten?
WF: Primär ist es ein journalistisches Unterfangen. Die Redaktion muss ­selektieren, die relevantesten Onlinecontents zusammensuchen. Das wird für uns ein journalistisches Abenteuer – erstmals wird unsere gesamte Redaktion multimedial arbeiten. Das bringt für den Fernsehsektor eine neue journalistische Qualität.

NF: Wir sind momentan ausgebucht was Bewegtbildinventar betrifft. Alles was wir zusätzlich produzieren, ist innerhalb kürzester Zeit belegt. Es gibt eine enorme Knappheit an Bewegtbildinventar, wir könnten sicher doppelt so viel Inventar verkaufen. 

Wie wird das Projekt finanziert?
WF: Aus der oe24-Gesellschaft heraus, zur Gänze. Wir bringen es in eine eigene Gesellschaft Austria Digital ein, in der das Fernsehen ein treibender Effekt sein soll. Wir sind schon jetzt als einer der wenigen in Österreich im Onlinegeschäft klar in der Gewinnzone, das wollen wir verstärken. Ohne Bewegtbild könnten wir unser Onlinegeschäft nicht ausbauen.

Beziehen Sie Startförderungen? 
NF: Eine Förderung der RTR haben wir, ein paar andere Dinge sind im Plan.

Und wie viel soll eingenommen werden? Wenn wir uns N24 ansehen, dem Sie in gewisser Form nachfolgen, lagen die Bruttowerbespendings 2014 bei 192 Millionen Euro. Rechnet man Österreich zu Deutschland im Verhältnis ein zu zehn, lägen wir bei 19,2 Millionen Euro. Ist das denn realistisch?
WF: Mit 20 Millionen Werbeumsatz wären wir schon hoch profitabel – unser Businessplan rechnet mit deutlich weniger für den Break-even. Wir werden bei etwa einem Zehntel der österreichischen Privatfernsehanbieter starten – sowohl von den Kosten als auch von den Einnahmen. Wir starten bewusst als Internet-TV, das ist nicht vergleichbar. Der ORF mit Hunderten Angestellten gibt vermutlich für die Beleuchtung so viel aus wie wir für den ganzen Sender (lächelt). Es geht vielmehr darum: Wer ist in Österreich als Erster mit Online-TV am Markt, und das sind jetzt wir. 

Ist eine Querfinanzierung – etwa zur Tageszeitung – angedacht?
WF: Nein. Wir führen die Tageszeitung getrennt, die mittlerweile solide in der Pluszone ist. Auch von oe24 soll nicht querfinanziert werden, das ist ein eigenes Profit-Center, das für sich selber lebt. 

Die Kredite für die Tageszeitung sind aber immer noch nicht abbezahlt.
WF: Stimmt, die werden nach Plan abbezahlt – vom Gewinn.

Wie sieht dieser Gewinn für 2015 aus? 
WF: Wir errechnen derzeit die Bilanz. Zuletzt standen wir bei einem Jahresumsatz von circa 100 Millionen Euro, oe24 mitgerechnet. Nächstes Jahr hoffen wir auf ein deutliches Plus. Etwa ein Drittel des Umsatzes soll dann aus dem Digitalgeschäft kommen.

In Deutschland liegt der Anteil bei manchen Medien bei 50 Prozent oder mehr.
WF: So weit sind wir in Österreich noch nicht, da sind die Werbe­spendings noch zu klein. Wir haben das Modell so gerechnet, dass es wasserdicht ist, weil es mehrere Einnahmequellen hat. Nur über Werbeblöcke zu finanzieren ist fast unmöglich. Mit Pre-Rolls schaut es ganz anders aus. Von den täglichen 700.000 Visits auf oe24 nehmen wir an, 100.000 auch für den Sender ­begeistern zu können.

Es werden also zwei Typen von Werbespendings angesprochen.
NF: Ja, um als Onlinemedium zu TV-Budgets zu kommen. Bei den Agenturen ist Online und TV meist noch getrennt. Wir wollen bewusst diese beiden Töpfe angehen.

Ist auch eine App geplant – und deren Vermarktung?
NF: Wir haben mobilen Fokus, ja, und überlegen mobile Werbeformen. Da kann man Inhalte personalisieren.

Werbung auch?
NF: Ja, auch Werbung.

Mit welchen Reaktionen rechnen Sie?
WF: Mit Überraschung. Es ist ein Coup. Das hätte uns in der Geschwindigkeit niemand zugetraut. Wir beginnen nach Ostern mit dem Werbeverkauf, für das zweite Halbjahr. Wir brauchen aber nicht gleich Neuwahlen im Herbst um das Projekt zu popularisieren (grinst, denkt kurz nach).Die reichen uns auch 2017. 

Die Branche wird Sie beobachten.
WF: Alle werden schauen, ob wir auf die Nase fallen. 

Und werden Sie?
WF: Na, schauen wir mal. Aber wir haben die Zeitung in den Gewinn geführt, oe24 sowieso. Also: Warum soll uns nicht auch beim TV ein Erfolg gelingen. Wir sind jedenfalls wieder mal mutig.


stats