Das Dumme am Algorithmus
 

Das Dumme am Algorithmus

Editorial von Rainer Seebacher (HORIZONT 22/2013)

Our Jihad Duty: To convert the whole World to Islam.“ Der Inhalt dieses auf YouTube abrufbaren Videobeitrages des mittlerweile verstorbenen islamistischen Extremisten Anwar al-Awlaki, der alle Moslems zum „Heiligen Krieg“ auffordert, muss an dieser Stelle nicht ­näher erläutert werden. Daneben fragt eine Anzeige von Vodafone: „What type of free SIM would you like?“ Die britische Daily Mail berichtete am 27. Mai in ihrer Online-Ausgabe auch über weitere Fälle, bei denen auf YouTube digitale Anzeigen von bekannten Marken neben Terror-Videos zu finden waren.
Die Frage, warum YouTube (Google) seinen Usern solche Videos überhaupt zugänglich macht, soll hier nicht diskutiert werden. Als Fachmedium über Werbung, Medien und Marketing stellt der HORIZONT eine ganz andere Frage: Haben Werbungtreibende auf YouTube überhaupt keine Kontrolle darüber, in welchem Umfeld ihre Marken zu sehen sind? Entscheidet hier lediglich der Algorithmus nach der einfachen Rechnung: Wo die Aufmerksamkeit der User zu finden ist, kann ich auch gleich Werbung platzieren? Egal, welche Inhalte die Videos ­haben, und völlig wurscht, wofür die Online-Werbemittel werben?

Die Antwort von YouTube auf eine entsprechende HORIZONT-Anfrage lässt diesen Schluss zu, klingt sie doch selbst wie vorgefertigt, um im Fall des Falles aus der Krisen-PR-Schublade ­gezogen zu werden. Ein kurzer Auszug daraus: „Wir haben ferner strenge Richtlinien in Bezug auf Werbung auf unserer Plattform und können uns auch dafür entscheiden, die Anzeigenplatzierung in Videos oder Kanälen zu stoppen, wenn wir feststellen, dass die Inhalte für unsere Werbepartner ungeeignet sind.“ Auf den Bericht  von Daily Mail geht Google mit keinem Wort ein. Mit einer solchen Antwort werden sich die Marketer der betroffenen Marken wohl dann doch nicht zufrieden geben.

Der Fall zeigt aber gleichzeitig auch ein riesiges Dilemma von Werbung auf, bei der kein Mensch, sondern nur noch Algorithmen entscheiden, wo und wann sie erscheint. Und nicht nur Google läuft Gefahr, in diese Fall zu tappen.

Ein Beispiel: Gesetzt den Fall, der Papst würde heute Opfer eines Anschlags werden, dann würde etwa der ORF die Werbeschaltungen rund um seine Berichterstattung über diese Tragödie aussetzen. Ein Akt, den nur ein Mensch setzen kann. Online-Werbung, so sie nur algorithmusgesteuert ausgeliefert wird, würde nicht gestoppt.
Bei allem, was der Algorithmus kann – und das ist mehr, als wir alle wahrhaben wollen –, eines hat er sicherlich nicht. Das Gespür dafür, was geht und was nicht. Das haben nur wir Menschen. Und für uns ist die Werbung ja auch gemacht.
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