„Da ist keine Magie in der Maschine“
 

„Da ist keine Magie in der Maschine“

John P. Johnson/HBO, FOX
Reinhard Karger ist Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, DFKI und seit 2014 auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen, DGI.
Reinhard Karger ist Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, DFKI und seit 2014 auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen, DGI.

Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz im Gespräch mit HORIZONT über KI-Hype und -Hoffnung sowie Superintelligenz und Siri.

HORIZONT: Warum gibt es gerade jetzt so einen Hype um Künstliche Intelligenz (KI)?

Reinhard Karger: Das hat mehrere Gründe. Es ist zum Beispiel so, dass man für maschinelle Lernverfahren sehr viele digitalisierte Trainingsdaten braucht – das hat das World Wide Web enorm vereinfacht. Und Unternehmen wie Google, Facebook und Yahoo! haben erkannt, dass man mit den richtigen Algorithmen offensichtlich sehr viel Geld verdienen kann. Außerdem kann man neuronale Netze heute effizient in Echtzeit verarbeiten. Es kommen also mehrere Faktoren zusammen: eine reifere wissenschaftliche Erkenntnis, deutlich mehr und bessere Trainingsdaten und bessere wirtschaftliche Aussichten.

Anfang der 90er-Jahre haben Sie sich intensiv mit Spracherkennung auseinandergesetzt. Was halten Sie heute von Tools wie Siri?

Ich bin wirklich beeindruckt von Siri im Kontext der Spracherkennung als Anwendung eines Diktiersystems.

Und darüber hinaus?

Als Dialog-Assistent überzeugt mich Siri weniger. Der Dialog ergibt sich nicht einfach, sondern man muss überlegen, was und wie man eine Frage stellen kann. Hier fehlt es an Alltagsintelligenz und Weltwissen. Siri ist ein gutes Beispiel dafür, was KI-Anwendungen im Alltag bereits leisten können – und wo derzeit ihre Grenzen liegen.

Man ist also noch weit entfernt von der KI als Freund und Partner im Alltag?

Der nächste Schritt wird nicht sein, dass diese Assistenten die schöneren Liebesbriefe schreiben. Aber sie werden hervorragende Dienste mit Informationen aus dem Internet leisten.

Zum Beispiel?

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Auto und unterhalten sich mit dem Internet. Vielleicht wollen Sie wissen, was eigentlich aus dem Telekom-Hack geworden ist. Dann sagt Ihr digitaler Assistent: Dazu gibt es eine neue Veröffentlichung im Spiegel. Soll ich mal vorlesen? Und zwar mit einer Stimme, die ganz natürlich klingt – und nicht so, dass man am liebsten schreiend aus dem Auto springen möchte. 

Für wie realistisch halten Sie eine Superintelligenz?

Es gibt kein Naturgesetz, das sagt, dass eine Superintelligenz oder maschinelles Bewusstsein grundsätzlich unmöglich sind. Ich beobachte seit Jahren, dass das immer dann Thema wird, wenn es in der KI-Forschung einen Erfolg gibt. Dabei geht es bei KI um konkrete Anwendungen, um Werkzeuge. Da ist keine Magie in der Maschine.

Superintelligenz und maschinelles Bewusstsein sind möglich, aber unwahrscheinlich?

Man kann das nicht berechnen. Was man sagen kann: Durch die schiere zunehmende Rechenkraft wird es immer wahrscheinlicher, dass digitale Assistenten sehr viel kompetenter werden. Aber Superintelligenz und maschinelles Bewusstsein? Da bin ich skeptisch. Wir sind ja noch weit davon entfernt, das menschliche Bewusstsein zu verstehen. Wenn Wissenschaftler etwas sagen wie „2038 wird man die Superintelligenz erreicht haben“, habe ich ein bisschen den Eindruck, das liegt bequem gerade so viele Jahre in der Zukunft, dass der Wissenschaftler dann wohl nicht mehr angerufen wird.

Der aktuelle KI-Hype ist nicht der erste. Wird auch diesem wieder eine Phase der Enttäuschung folgen?

Ich glaube, die Öffentlichkeit wird diesmal weiter an den Ergebnissen der KI-Forschung interessiert sein, weil die Ergebnisse zunehmend für jeden konkret erfahrbar sind.

Zur Person

Reinhard Karger ist Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz, DFKI und seit 2014 auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen, DGI. In den 90er Jahren beschäftigte er sich mit der maschinellen Verarbeitung von Spontansprache im Projekt Verbmobil.

[Lukas Plank]
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