Breaking News: Twitter ist King
 

Breaking News: Twitter ist King

Editorial von Philipp Wilhelmer (HORIZONT 16/2013)

Eigentlich hätte an dieser Stelle ein Kommentar stehen sollen, wie schlimm es die Politik wieder mit dem ORF treibt, nachdem sich die Regierungsparteien nicht entblöden, via Medien Wünsche an die ORF-Wahlberichterstattung abzugeben. Es wäre aber schade um den Platz. Denn: Diese Woche passierte weit Wichtigeres. Twitter löste nämlich die herkömmlichen Nachrichtenmedien im Bereich Breaking News endgültig als First Responder ab. Mit Folgen, die spannend werden könnten.

Man soll ja nicht von sich auf andere schließen, vor allem wenn man ein professioneller Newsjunkie mit entsprechend geordneten Nachrichtenfeeds ist, die einen in Form einer schwarz glänzenden Dauerversuchung in Hemdtaschengröße auf Schritt und Tritt begleiten. Der Anschaulichkeit halber aber sei hier beschrieben, wie mein Boston-Abend verlief: Vertieft in ein abendliches Gespräch in ­einer netten Bar erreichte mich ein SMS etwa diesen Inhalts: „Boston, Anschlag, Marathon!“ Eine Sekunde später durchforstete ich die Timeline, die schon überquoll mit ersten Infos und Spekulationen.

Es ist frappierend: In dieser klassischen Breaking-News-Situation, in der der Rezipient Sekunde für ­Sekunde nach Neuem lechzt (und sei es nur eine neue Schätzung der Opferzahlen, die dann eh nie stimmt), bietet der Kurznachrichtendienst Twitter den größtmöglichen Thrill. Schneller dreht sich das Newskarussell nirgends weiter. Und wer meint, dass hier nur noch mehr unbestätigte Informationen den Blick aufs Tatsächliche trüben, ist noch nie in einer Nachrichtenagentur gesessen, als eine Katastrophe nachrichtentechnisch abgewickelt werden musste. Hier wie dort kämpft man sich durch einen Wust von Anfangsspekulationen, die möglichst klug gewichtet ein Gesamtbild ergeben sollen. Nur kratzt das den Leser? Wohl kaum. Der sitzt ohnehin mit offenem Mund da und wartet auf weitere News.

Wild ist auch die Tatsache, dass die Twitter-Timeline im Katastrophenfall in Boston völlig ohne Medienmarken auskommt. Dies liegt daran, dass viele Infos nur aus Einzeilern bestehen (eine adäquatere Form gibt es nicht für ein solches Ereignis) und Links, sofern sie eingebettet sind, meist mit speziellen Diensten gekürzt wurden, damit sie im Tweet Platz haben. Statt „washingtonpost.com/boston/breaking.“ steht dann einfach „bit.ly/xy“ oder ähnlich Kryptisches. Soll heißen: In dieser Welt braucht es Nachrichtenmarken streng genommen nicht mehr. Es gibt sie aber natürlich. Auch in meiner Timeline fand sich am Ende des Abends der Feed der US-Agentur AP.

Ich kam jedenfalls den ganzen Abend nicht in die Verlegenheit, ein klassisches Newsportal zu öffnen – ein österreichisches schon gar nicht, ein amerikanisches aber ebenso wenig. Umso mehr zählten die renommierten US-Journalisten, die wie verrückt News recherchierten, weitergaben oder Fotos posteten. Als die Twin Towers im Jahr 2001 einstürzten, waren die farblich hinterlegten Blitz- und Eil-Meldungen der Nachrichtenagenturen noch der Takt der News-Welt. Heute gibt es nur mehr einen Strom. Und die großen Marken schauen zu, wie die Aufmerksamkeit der User mitgeschwemmt wird.

Besonders tückisch ist die Macht der sozialen Netzwerke in Kombination mit Smartphones: Kaum eine Nachrichtenwebsite kann ihr Format so unangestrengt auch den kleinsten Screens anpassen wie Twitter. Wer also bei allem Drama in der Welt da draußen noch in Ruhe sein Glas Wein fertig trinken möchte, bleibt einfach sitzen und umschließt den News-Wahnsinn lässig mit einer Hand. Die ewiggleichen Dauerloops von CNN laufen schließlich in ein paar Stunden auch noch.

stats