,Bis jetzt war 2011 ein gutes Jahr‘
 

,Bis jetzt war 2011 ein gutes Jahr‘

Reinhold Gmeinbauer, CEO Die Presse, über die wirtschaftliche Entwicklung 2011, Überlegungen rund um die Media-Analyse, das Jubiläum 15 Jahre diepresse.com und das achte Mal „Österreicher des Jahres“.

Langfassung aus HORIZONT 44-2011 vom 4.11.2011.

HORIZONT: Wie wird das Anzeigen-Jahr 2011 aus Sicht der Presse?


Reinhold Gmeinbauer: Bis jetzt, Mitte Oktober, eigentlich gut! Wir hatten bis einschließlich September Wachstum, sowohl auf der Anzeigenseite als auch bei den Erlösen aus Abonnements und Einzelverkäufen. Wir haben in Zeitraum Eins bis Neun im heurigen Jahr – wir hatten ja im Vorjahr das historisch beste Ergebnis der Presse mit einem deutlichen Gewinn – ein noch besseres Ergebnis als im Vorjahr! Ich hoffe, dass nicht die Vorboten, von denen wir derzeit täglich lesen müssen, das noch gefährden. Von Kollegen höre ich, dass der September nicht so gut war und teilweise auch schon der August…ich kann nur für unser Haus sprechen, und für uns waren August und September Wachstumsmonate, auch bereinigt um die Wahlkämpfe im letzten Jahr. Das Haus präsentiert sich in einem sehr erfreulichen Zustand, aber: Wir haben noch drei Monate in diesem Jahr, ich will also den Tag nicht vor dem Abend loben.

HORIZONT: Gibt´s schon ein Gefühl für 2012?

Gmeinbauer:
Nein, das wäre jetzt im Oktober/November noch viel zu früh. Die Planungen sind extrem kurzfristig geworden, der Markt hält sich bis zum letztmöglichen Termin zurück. Daher sind Prognosen sehr schwierig zu machen, eine traue ich mir aber zu: 2012 wird kein Wachstumsjahr werden!

HORIZONT: Das soll heissen?

Gmeinbauer:
Nun, wenn ich an mögliche Entwicklungen in der Wirtschaft denke, die auf uns zukommen: Ich hoffe und wünsche, dass unseren Mitarbeitern auch in einer schwierigeren Phase, die da kommen könnte, die Freude am Arbeiten nicht verloren geht Wir als Geschäftsführung werden jedenfalls alles tun, dass auch in schwierigeren Zeiten die Motivation passt. Wie ja schon gesagt: Bis jetzt war 2011 ein gutes Jahr – es wäre wirklich schade, wenn das gefährdet wäre.

HORIZONT: Kommen wir zu den Wegmarken Anno 2011: In der Media-Analyse musste Die Presse im Gegensatz zu den meisten Kauftageszeitungen kein dickes Minus hinnehmen…

Gmeinbauer:
Unser Haus hat gegenüber der Media Analyse immer ein differenziertes Bild gehabt. Auch wenn Die Presse in der jetzigen Media Analyse stabil geblieben ist: In guten wie in schlechten Zeiten weise ich darauf hin, dass so wie die Media Analyse gemacht wird, sie nicht die geeignete Form ist, die Menschen, die lesen, auch zu erreichen und abzubilden. Was in der aktuellen Media Analyse das erste Mal sichtbar geworden ist: Auch die Massenzeitungen, die es in der Media-Analyse ja einfacher haben ihre Leser zu erreichen (sie sind zahlreicher zum Interview zu Hause erreichbar als etwa unsere Leserschaft der Mobilen, Hochgebildeten), verlieren Leser. Und andererseits sieht man natürlich, dass der Markt, soweit er sich in der Media Analyse darstellt, gegenüber früher, da jetzt auch die Gratiszeitungen erhoben und ausgewiesen werden, Reaktionen zeigt. Aber darüber hinaus bin ich der Meinung, dass man über die Form, in der die Media Analyse erstellt wird, nachdenken muss, und das passiert ja derzeit auch. Ich glaube, nach dieser Media Analyse habe ich mehr Mitstreiter.

HORIZONT: Die Presse und Die Presse am Sonntag haben innerhalb der statistischen Schwankungsbreite ihre Position gehalten – zufrieden mit dem Ergebnis?

Gmeinbauer:
Die Position der Presse war in den letzten Jahren schon gut und ist auch heuer gut. Die Zukunft hängt ja von ganz anderen Faktoren ab – da werden wir uns über die Media Analyse nicht so viele Gedanken machen müssen als wir uns Gedanken machen müssen, wie es wirtschaftlich weitergeht… . Für uns ist einmal erfreulich, dass wir im Rahmen der Media Analyse stabil geblieben sind. Aber ich bin offen und ehrlich genug zu sagen: Wir hätten gern mehr! Und wir hätten auch gern – und das wird einer der nächsten Vorschläge sein, die wir in die Media Analyse einbringen – dass man Vergleichbarkeiten schafft. Derzeit ist die Media Analyse so konstruiert, dass man sich bei der sogenannte Wochenendreichweite entscheiden muss, ob dies der Samstag oder der Sonntag ist.

HORIZONT: Soll heissen…?


Gmeinbauer:
In diesem Segment ist es sehr wichtig zu unterscheiden: Das Wochenende ist ein Wochenende – wieviele Leser hast du am Samstag, wieviele Leser hast du am Sonntag. Oder eben Samstag und Sonntag. Das ist ein gewaltiger Unterschied, und das gehört dringend geändert. Wir sind mit einem Wettbewerber konfrontiert, der seine Samstag und Sonntag Ausgabe mit unserer Sonntag-Ausgabe vergleicht und unsere Samstag Ausgabe unter den Tisch fallen lässt. Es gehört also seitens der Media Analyse auch das präzisiert, sodass die Werbewirtschaft weiß: Am Wochenende erreiche ich entweder am Samstag oder am Sonntag oder am Wochenende eine bestimmte Anzahl an Lesern. Also beispielsweise die Sonntagszeitungen sind eine Kategorie und müssen entsprechend differenziert werden. Diese Klarheit in der Unterscheidung und in der Vergleichbarkeit sollte seitens der Media Analyse geschehen.

HORIZONT: Wirkt sich das MA-Ergebnis auf die Preispolitik aus?

Gmeinbauer:
Wir hätten heuer die Preise schon erhöhen müssen, da wir voriges Jahr eine knapp 30prozentige Papierpreiserhöhung gehabt haben. Das haben wir nicht getan, obwohl wir, so wie wir produzieren, sehr von der Rohstoffpreisentwicklungen abhängig sind und das in unser Preisgefüge einfließen lassen sollten. Wir haben unsere Preise also nicht erhöht, da wir grundsätzlich eine konstante Preispolitik verfolgen, ganz unabhängig, ob wir in der MA gefallen oder gestiegen sind. Ich möchte dem Wettbewerber zwar nicht das Gefühl geben, dass er so wichtig wäre, wenn ich auf ihn anspiele, aber: In einer Aussendung hab´ ich gelesen, dass er geschrieben hat, die Presse am Sonntag hat nicht mehr so viele Leser wie die Presse am Samstag, aber die Preise wären so hoch – der Wettbewerber hat jetzt auch verloren, und nun bin ich gespannt, ob er seine Preise jetzt senkt…

HORIZONT: Naheliegende Überlegung, wenngleich nicht wirklich realistisch

Gmeinbauer:
Oft im Leben ist es so: Wenn man zu vorlaut ist, erwischt es einen einmal auch selbst und dann muss man sich rechtfertigen mit den gleichen Argumenten, die man vorher als Beschuldigungen ausgesprochen hat. Es gilt für alle das Gleiche. Eines möchte ich zum Thema Media Analyse aber deutlich dazusagen: In der Nachberichterstattung zur Media Analyse sehe ich, dass zwischen Kauf- und Gratiszeitungen kaum ein Unterschied gemacht wird, das fließt so alles ineinander. Es ist doch wohl klar, dass der Käufer einer Zeitung eine andere Bindung zum Titel hat als der Leser einer Gratiszeitung! Es wird viel zu wenig darauf hingewiesen, wie wesentlich dieser Unterschied ist. Ich wünsche mir auch, dass dies in der Ausweisung ganz klar ist: Die Kaufzeitungen haben diese Reichweite und die Gratiszeitungen haben diese Reichweite. Überall lese ich: Kronen Zeitung verliert, aber Heute ist in Wien die größte Zeitung… . Ich glaube da müssen wir alle sehr aufpassen, dass die Qualitätsunterschiede schon auch deutlich gemacht werden – bei aller Wertschätzung der Gratiszeitungen.

HORIZONT: Nichtsdesotrotz: Die Presse hat in high-end Produkte wie „Luxury“ investiert…

Gmeinbauer:
Ja, Ende Oktober ist die zweite Ausgabe erschienen: Luxury Living, im Frühjahr war es zum ersten Mal das Luxury Estate. Wir bilden damit ganz klar die Lebenswelt unserer Leser ab .

HORIZONT: Sind Werbungtreibende im Luxussegment krisenresistenter als andere?

Gmeinbauer: Nein. Die meisten sitzen noch dazu im Ausland und werden von Brand-Managern geleitet, die entscheiden, ob eine Publikation passt oder nicht. Das wird hochprofessionell gemacht und unterscheidet sich nicht zu anderen Werbungtreibenden. Wenn aber in den Nachbarländern, die auch größere Märkte sind, die Konjunktur schwächer wird und daher weniger abgeliefert wird, dann schlägt das auf die Budgets natürlich durch. 2009 war das bei der Autoindustrie zu sehen, als es nicht so schick erschien, Luxusautos zu kaufen. Aber das Luxussegment ist grundsätzlich von hoher Konstanz geprägt, und 2011 war auch diesbezüglich ein gutes Jahr. Für uns ist die Luxusindustrie ein wesentlicher Kundenzweig. So wie die Massenzeitungen den Handel haben, ist die Luxusindustrie für uns als Qualitätszeitung ein wesentlicher Faktor.

HORIZONT: Wie entwickelt sich der Stellenmarkt?


Gmeinbauer: Im Executive Bereich besteht nach wie vor für Unternehmen das Problem, genug qualifiziertes Personal zu finden. Daher verzeichnen wir eine relativ konstante Nachfrage auch in Print mit leichten Steigerungen, wobei der Stellenmarkt zunehmend von Online-Anbietern umkämpft wird. Wir haben vor zwei Monaten unsere gemeinsame Plattform mit der Kleinen Zeitung und willhaben.at online eröffnet, um dieser Nachfrage noch besser gerecht werden zu können. Speziell für Jobsuchende haben wir mit JOB NAVI3 ein Tool eingerichtet, das derzeit ausschließlich wir anbieten können: Der Suchende kann seinen Lebenslauf hochladen und mittels selbstlernender semantischer Suche wird abgeglichen, welche Jobs derzeit auf der Plattform sind und geeignet sein könnten. Für Firmen, die Personal suchen, soll das die Auswahl vertiefend erweitern. Insgesamt zum Job- beziehungsweise Stellenmarkt: Der ist auch in Print recht stabil, aber nicht mehr so stark zurückgekommen wie er einmal war. Die Selbstdarstellung der Unternehmen, die Personal suchen, wird ja auch immer werblicher, spezieller. Wir versuchen diesen Markt mit einer Reihe von Aktivitäten und Veranstaltungen zu begleiten: seit einigen Jahren mit der „Karriere-Lounge“, die höchst erfolgreich High Performer und High Potential miteinander vernetzt. Seit letztem Jahr auch im Bereich der Juristen und Rechtsanwälte mit unserer Veranstaltungsreihe „Kanzlei und Karriere“ und demnächst wird es auch eine Bildungsveranstaltung geben: ,Fast Forward‘, wo wir als Impulsgeber fungieren wollen.

HORIZONT: Mit Oktober hat Die Presse im App-Bereich die Kostenpflicht eingeführt?

Gmeinbauer:
Wir haben derzeit circa 127.000 Downloads, was für sich spricht. Wir sind bescheiden erzogen und loben uns nicht selbst, sondern lassen lieber die User sprechen: Wir hatten mit der ersten Version viereinhalb Sterne, mit der Version 2.0 haben wir fünf Sterne – das gibt es fast nie.

Ich zitiere nur zwei Statements: ,Einfach genial. Genau was gebraucht wird!‘ und ,Könnte mir nicht vorstellen, wie man es besser machen könnte‘. Auch Apple selbst hat uns im Apple-Store schon gratuliert.

Die App gab es bis Mitte Oktober für iPhone , iPad und iPod kostenlos, nun haben wir den e-paper-Part mit einer Zahlfunktion versehen. Abonnenten, die mindestens sechs beziehungsweise sieben Tage die Woche Abos haben, erhalten den Zugang kostenlos, alle anderen Abonnenten – also fünf und weniger Tage - einen verbilligten Zugang. Für alle Noch-nicht-Abonnenten kostet der Zugang pro Ausgabe 1,59 Euro, oder monatlich 14,99, im Quartal 29,99 und im Jahr 109,99 Euro.

Diese Preispolitik ist auch ein klares Bekenntnis zur Unterstützung unserer journalistischen Qualität: Für die geben wir sehr viel Geld aus, die journalistische Leistung soll für den Leser eine wertvolle Anregung sein. Was unverändert unentgeltlich zugänglich bleibt, sind die allgemeinen Nachrichten auf der Desktop-Version. Und im Jänner kommt unsere Version für die Android-Welt als eigene App. Ich glaube, da ist uns etwas gelungen und wir spielen ganz vorne mit – und anhand der Zahlen der Downloads und Zugriffe meine ich, dass sich soviele Menschen mit der Marke Presse beschäftigen wie noch noch nie. Wir wollen dieses Angebot mit weiteren Extensions noch erweitern, um unseren Premium-Abonnenten für ihr Geld wirklich umfassend Originäres bieten zu können.

HORIZONT: Wie läuft die Vermarktung – neuerdings gibt es ja die Styria Digital Medien in der ÖWA Basic als Vermarktungseinheit?

Gmeinbauer:
Wir haben ja ein relativ großes Verkaufsteam für Online und bieten die Vermarktung der mobilen Angebote aus eigener Hand an, auch in Kooperation mit der interactive.agency beziehungsweise den genannten Styria Digital Medien. Gerade für mobile Werbeformen, wie auch Bewegtbild, sehen wir sehr starkes Interesse und Nachfrage seitens der Werbewirtschaft – im Bereich Bewegtbild wollen wir daher auch unsere Angebote erweitern. Aber ganz wichtig ist mir auch die interactive.agency, deren Styria Digital Median-Angebot ja erstmals im September in der ÖWA Basic ausgewiesen wurde. Wir sind als Styria Medien nach dem ORF das zweitgrößte Medienangebot in Österreich im Online-Bereich! Das zeigt sich nun in der ÖWA und wird uns sicher auch helfen. Aber ich will nicht verhehlen, dass der Online-Werbemarkt nicht mehr so wächst, wie das seit Jahren der Fall war – der September war gar kein guter Monat.

HORIZONT: Am Nationalfeiertag übertrug der ORF die Gala zu den Austria 11 der Presse – wie funktioniert das?

Gmeinbauer: Das ist eine Veranstaltung der Presse – heuer zum achten Mal! –, die der ORF dankenswerter Weise aufzeichnet und ausstrahlt. Wir zahlen dafür. Das gesamte wirtschaftliche Risiko und alles, was diese Veranstaltung beinhaltet, liegt ausschließlich bei der Presse. Heuer hatten wir erstmals auch eine Kategorie Mut dabei und ehren das neue Projekt Westbahn, das uns als sehr auszeichnungswürdig erscheint.

HORIZONT: Ihre Position zum Thema Regierungsinserate?

Gmeinbauer: Ich glaube, dass heute viele froh sind, dass eine Neuordnung kommt, gerade unter dem Aspekt, was derzeit rund um dieses Thema an Vorgängen diskutiert wird. Außer Streit und Frage steht hoffentlich, dass auch Regierungsbehörden legitimer Weise ihre Aktivitäten bewerben sollen beziehungsweise ihrer Informationspflicht nachkommen. Die andere Seite ist die Verteilung der Gelder. Für uns ist der öffentliche Bereich ein wesentlicher Kundenbereich und wir wollen auch hier ein seriöser Partner sein: Als journalistische Begleiter genauso wie im Werbebereich.
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