'AX' schreibt Artikel für einen Euro
 

'AX' schreibt Artikel für einen Euro

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Roboterjournalismus: Die Stuttgarter Kommunikationsagentur aexea bietet Verlagen eine Cloud-Lösung an, die selbstständig in Datenbanken recherchiert und Artikel verfasst. Kritiker sehen in automatisierten News-Maschinen jedoch einen Jobkiller für Journalisten

Wenn in Los Angeles die Erde bebt, dann schreibt der „QuakeBot“ innerhalb von wenigen Minuten eine entsprechende Kurzmeldung samt Uhrzeit, Stärke und betroffenen Gebieten auf die Webseite der Los Angeles Times. Entwickelt wurde die automatisierte Schreibsoftware von Redakteur Ken Schwencke – doch er ist nicht der ­Einzige, der sich mit dem Thema beschäftigt. US-Firmen wie Automated Insights oder Narrative Science lassen ihre schlauen Programme Daten recherchieren und daraus für Menschen lesbare Texte schreiben. Zu den Kunden zählen etwa "Forbes", "Bloomberg" oder "USA Today". Und der "Guardian" ­experimentiert in den USA mit einer Ausgabe, deren Storys nicht die Redaktion, sondern ein Algorithmus auf Basis von Social-Media-Daten aussucht.

Nun springt auch im deutschsprachigen Raum eine Firma auf das heiße Thema „Roboterjournalismus“ auf. Die Kommunikationsagentur aexea aus Stuttgart hat die Software AX präsentiert – eine „Nachrichtenmaschine“, die aus Daten News schreiben kann. Sie ­recherchiert in Datenbanken, bewertet die Information und formuliert aus den Daten „leserorientierte und verständ­liche Texte“, wie aexea-Geschäftsführer Saim Alkan zum HORIZONT sagt. Für seine Firma, die bereits vor sieben Jahren mit der Entwicklung der Software begann und seit vier Jahren automatisierte Texte für die Tourismusbranche liefert (zum Beispiel Hotelbeschreibungen auf Webseiten à la „dieses ­Hotel hat einen Pool und eine 24-Stunden-Rezeption“), soll sich AX zu einem neuen Geschäftszweig entwickeln.

Routinetexte aus der Cloud


Die Kundschaft: Verlage, die Routinetexte in die Internet-Cloud auslagern wollen. „Content As A Service“, kurz CAAS, nennt sich das Geschäftsmodell. „Der Verlag kauft keine Software, sondern bekommt die Texte über eine Pro­grammierschnittstelle in sein Content-­System“, sagt Alkan. Einen Kunden, ein deutsches IT-Magazin, hätte man ­bereits, ein zweiter Verlag aus dem Sportbereich hätte zudem Interesse ­bekundet. Die Kosten: Pro Artikel verlangt aexea einen Euro. Hinzu kommen Installationsgebühren, da die Software an die Wünsche des Kunden (Themengebiet, Tonalität, technische ­Anforderungen et cetera) an­gepasst werden muss. „Für ein ­Jahresgehalt bekommt man eine Maschine, die Routinetexte ­erledigt“, so Alkan.

Routinetexte, das sind laut ­Alkan in erster Linie Wetterberichte, Kurzmeldungen zu Sport­ergebnissen oder Berichte zu Kursentwicklungen von Aktien, die online, aber auch in Print ­veröffentlicht werden können. In sieben Sprachen soll AX bereits funktionieren, Ziel ist, die Software in mehr als 60 Sprachen und damit auf der ganzen Welt anzubieten. Die Qualitätsanforderungen seien hoch, so Alkan. „Plötzlich geht es nicht mehr um die Beschreibung eines Produkts, sondern der Text selbst ist das Produkt.“ Der Bot (Abkürzung für „Robot“) imitiere deswegen das redaktionelle Arbeitsprinzip: ­Zuerst würde in Datenbanken (zum Beispiel von Wetterstationen, Sportportalen oder Börsen) recherchiert, dann käme der schwierigste Teil: die Bewertung und Einordnung der Information.

Laut Alkan könne AX etwa aus den fünf letzten Begegnungen zweier Fußballmannschaften ableiten, ob ein Sieg als „sensationell“ beschrieben oder ob es „ein schweres Spiel“ werden wird. AX kann dann nach allen Regeln der Grammatik und den Wünschen des Kunden bezüglich Tonalität einen Text ausspucken – und sogar auf Zeile ­schreiben. Der fertige Text kann automatisiert online gestellt oder von ­einem Redakteur freigegeben werden.

Angst vor dem Jobkiller

Laut Alkan bietet Roboterjournalismus einige Vorteile: Artikel könnten so stark personalisiert werden, wie es bei menschlichen Schreibkräften nicht möglich wäre. Entsprechend optimiert, könne die Software jedem Besucher eines Online-Nachrichtenportals einen maßgeschneiderten Wetterbericht schreiben, der nicht nur auf den Wohnort, sondern auch auf Lebensumstände wie Kinder, Garten oder Haustiere Rücksicht nimmt. Auch in Sachen Hyperlokalisierung könne AX dienen und Nachrichtenlücken schließen – etwa wenn Feste oder Baustellen für einzelne Bezirke oder Straßen ­verkündet werden müssten. „Die Software übernimmt den Routinemist, den kein Redakteur machen will“, sagt ­Alkan. „Der Journalist gewinnt so wertvolle Zeit, um sich auf die großen, wichtigen Geschichten konzentrieren zu können.“

Generell will man bei aexea die Text-Software nicht als Jobkiller für Journalisten verstanden wissen, sondern als tüchtiges Helferlein in der Redaktion. „Die Software gefährdet nicht den ­Arbeitsplatz des Redakteurs, sondern ergänzt den Content der Redaktion“, sagt Alkan. „Mit Routinetexten kann man heute keine Zeitung füllen, es wird immer den Menschen brauchen, der große Hintergrund-Storys recherchiert oder Interviews macht.“ Die Software hingegen könne ihre Stärken bei der Übernahme von Daten ausspielen und dabei teilweise höhere Qualität ­liefern, weil es quasi keine Vertipper gebe.

Fehlermeldungen können passieren


„Automatisierung bedeutet nicht zwangsläufig schlechtere Qualität, die Automobilindustrie ist das beste Beispiel dafür“, so der aexea-Chef. Wenn dann doch einmal ein Fehler publiziert wird, sieht Alkan die Schuld allerdings nicht bei AX, sondern beim Publisher. „Schuld ist der Verlag, der die Meldung publiziert“, das sei nicht anders, als wenn Redakteure Falschmeldungen aus anderen Quellen übernehmen oder Praktikanten Fehler machen. Dann sei eben eine Richtigstellung zu machen. Wichtig sei jedenfalls, dem Leser verständlich zu machen, woher der Text stammt. Alkan: „In den USA werden die Artikel von Robotern auch als solche gekennzeichnet.“

Auf der nächsten Seite finden Sie zwei Probetexte von AX:


Probetext 1: Sport

Warriors deklassieren Nowitzkis Mavericks
Mit 85:108 haben die Dallas Mavericks um Allstar Dirk Nowitzki gegen die Golden State Warriors verloren. Die Mavericks steigen damit auf Platz 8 in der Western Conference ab. Die Warriors steigen auf Rang 6 auf. Sie knüpfen damit an die guten Platzierungen vom Saisonbeginn an. Nach den Siegen gegen Phoenix und Atlanta ist dies für die Warriors der dritte Sieg in Folge.

Crawford überrascht bei den Warriors
Topscorer für die Siegermannschaft ist mit 19 Punkten Jordan Crawford. Das erst 2010 in die NBA gedraftete 89 Kilo-Leichtgewicht stellt in diesem Spiel sogar den Topscorer in der Saisonstatistik, Stephen Curry, in den Schatten. Ob dieses Leistungshoch anhalten wird, ist angesichts von Crawfords bisherigem Saisonschnitt von 11,3 Punkten pro Spiel jedoch fraglich.

Ellis bleibt hinter den Erwartungen zurück
Die meisten Punkte für Dallas kommen heute von Monta Ellis, der 15 Zähler für sein Team erzielen konnte. Damit bleibt Topscorer Ellis, der 2005 von der Lanier Highschool zu den Mavericks gedraftet wurde, hinter seinem Saisondurchschnitt von 18,8 Punkten pro Spiel zurück.



Probetext 2: Wetter



Das Wetter am 9.4.2014
Zwiebellook ist in Stuttgart Süd angesagt
Wenn Sie heute Stutt­gart besuchen, ­dürfen Sie sich auf einen grundsätzlich sonnigen Tag einstellen, der aber auch kalte Passagen hat. Regnen wird es voraussichtlich den ganzen Tag nicht, so dass Sie auf Funktionsgewebe getrost verzichten können. Die ideale Kleidung umfasst lange Hosen, geschlossene Schuhe und einen Pullover. Wer morgens unterwegs ist, sollte sich bei zu erwartenden 7°C allerdings zusätzlich noch etwas Warmes anziehen. Den ganzen Tag über bleibt es übrigens mäßig windig, so dass sich ein Schal oder sogar eine Mütze als ­Accessoire durchaus empfehlen.

Allergiker sollten vorausschauend planen
Allergiker müssen sich leider auf einen starken Pollenflug einstellen. Besonders wer auf Birkenpollen reagiert, hat in den kommenden Tagen zu leiden. Nehmen Sie Ihre Allergiemedikamente gegebenenfalls schon abends ein, um der ermüdenden Wirkung bei Tage zu entgehen. Nasenduschen und eine Haarwäsche am Abend befreien Sie von den Pollenrückständen des Tages und lassen Sie entspannter schlaf
en.

Dieser Artikel erschien bereits am 18. April in der HORIZONT-Printausgabe 16/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.

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