Aus der Ferne gesteuert
 

Aus der Ferne gesteuert

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Diese Woche geht´s bei Walter`s Weekly u.a. um die Gefahren der Vernetzung

Gläserner Bürger + total vernetzte Umwelt = ? 

Was in den vergangenen Monaten an dieser Stelle zart angedeutet wurde, ist überraschend schnell Wirklichkeit geworden. Vor zwei Wochen demonstrierten Computerspezialisten einem erstaunten Journalisten, dass sie in das Kontrollsystem eines Jeep Cherokee eindringen und das Auto in voller Fahrt von der Straße abbringen können. Dem Hersteller Chrysler blieb ein Herzinfarkt erspart (weil sie vorinformiert wurden) – aber der Rückruf von 1,4 Millionen Autos muss ein Vermögen kosten, auch wenn es sich nur um eine Softwarenachbesserung handelt, die installiert werden muss.

Die britische Firma NCC hat eine weitere Schwachstelle enthüllt: Sie vermochten via DAB (Digital Audio Broadcasting) ein Auto aus der Ferne zu steuern. Ja, selbst ein unschuldiges Radio kann missbraucht werden. Raffinierte Autodiebe brauchen nicht länger Fenster einzuschlagen und irgendwelche Drähte unter dem Armaturenbrett zusammenzufummeln, um das Ding zu starten. Moderne Diebe scannen ganz einfach die üblichen Frequenzen, die elektronisch versperrte Autotüren öffnen. Ein Ex-Hacker prahlte kürzlich in einem Interview mit der „Washington Post“, dass er einen Weg gefunden hat, so gut wie jede Autoverriegelung zu lösen – nur starten kann er nicht alle Typen.

Man könnte solche Ereignisse als Randerscheinung ignorieren, gäbe es nicht einen massiven Druck in Richtung Vernetzung der gesamten Welt. Wenn es Hackern gelingt, bei der NASA oder bei Polizeibehörden einzubrechen, werden sie wohl nicht große Probleme haben, Heimsicherheitsanlagen zu überwinden und sämtliche Geräte, die am Internet hängen, aus der Ferne zu übernehmen. Eine Goldgrube für Erpresser. Man stelle sich den Fall einer eleganten Luxuskutsche vor, die eines Tages nicht mehr anspringt, während auf dem Bordbildschirm diese Nachricht erscheint: „3.000 Euro an folgendes Nummernkonto – oder Ihr Fahrzeug parkt für immer“.

Schätzungen zufolge könnten im Jahr 2020 circa 25 Milliarden Dinge am Netz hängen. Das „Internet der Dinge“ wird dann eher als „Internet der Zielscheiben“ erscheinen. Je mehr wir darauf drängen, dass die Welt aus Gründen der Sicherheit bzw. Bequemlichkeit elektronisch überwacht wird, umso mehr Einfallstore öffnen sich für Manipulationen aller Art. Eine Welt, die sich vollkommen auf digitale Steuerung verlässt, erscheint als äußerst verletzlich.

Es geht hier nicht nur um Hacker bzw. kriminelle Elemente: Der digital durchleuchtete Bürger hängt wie eine Marionette am Datenstrom. Ein Forscher an der Universität Stanford behauptet, dass seine Datenanalysen Kriminalität besser vorhersagen können als Richter bei Kautionsanhörungen.

Versicherungen werden früher oder später systematisch Online-Profile erstellen. Wenn eine solche Auswertung ergeben hat, dass ein Neukunde beispielsweise wenig Bereitschaft zur Selbstkontrolle zeigt, wird die Prämie für eine Gesundheits- oder Autoversicherung entsprechend hinaufgehen.

Wem das zu weit hergeholt erscheint: Ein neuer Kreditverleiher namens Upstart benutzt Rechenverfahren, um den Charakter der potenziellen Kreditnehmer zu beurteilen. Dass ein solcher Ansatz funktionieren kann, ist vor kurzem wissenschaftlich demonstriert worden. Forscher ließen einen Computer Persönlichkeitsanalysen von Facebook-„Likes“ durchführen und verglichen das Ergebnis mit demographischen Angaben sowie einem Persönlichkeitstest der Nutzer.

Das Modell war extrem erfolgreich bei der Identifizierung von religiöser und politischer Orientierung; bei der Einschätzung des Intelligenzniveaus; der Wahrscheinlichkeit von Drogenmissbrauch und der Beurteilung von fünf bekannten Persönlichkeitsparametern. Stehen dem Rechner 300 „Likes“ zur Verfügung, fällt die Persönlichkeitsanalyse präziser aus als jene von Freunden und Ehegatten. Unsere vermeintliche einzigartige Individualität hinterlässt online also deutlich identifizierbare Muster, die Software mittlerweile identifizieren kann. Willkommen im Schaufenster!

Quellen:

http://www.wired.com/2015/07/jeep-hack-chrysler-recalls-1-4m-vehicles-bug-fix/

https://theconversation.com/online-carjacking-do-auto-manufacturers-realise-dangers-of-networked-motors-45079

http://www.washingtonpost.com/sf/business/2015/07/22/hacks-on-the-highway/

„Your money or your virtual life!“, Sunday Times „News Review“ (Paywall)

http://www.wsj.com/articles/when-computers-assess-personality-better-than-we-do-1437582242

http://bits.blogs.nytimes.com/2015/07/26/using-algorithms-to-determine-character/

Leser bevorzugen modernes Web-Design

Laut Erkenntnis des „Engaging News Project“ erhalten Nachrichten-Sites im klassischen Zeitungslayout weit weniger Pageviews und engagieren ihre Leser weniger als modular aufgebaute, stark bildlastige Einstiegsseiten. Leser einer klassischen Homepage merken sich um bis zu 50 Prozent weniger Details aus Artikeln.

Bei dieser Erhebung wurden zwei fiktive News-Sites verglichen, die beide 20 Geschichten (nicht ganz neu, aber inhaltlich von anhaltendem Interesse) zur Ansicht boten. In allen drei Studien mit 2.671 Teilnehmern erhielt die Website mit der moderneren Anmutung mehr Pageviews (um das 2- bis 3-fache), unabhängig vom Bildungsstand, Alter oder der Vertrautheit mit dem Seitendesign.

Die Studienautoren empfehlen übrigens, Designänderungen den Lesern zu erklären bzw. auf Feedbacks in einem Redesign zu reagieren.

Im Zeitalter der Oberflächenbehübschung spielt Aussehen eine gewichtige Rolle, egal wie sehr das Vertreter der alten Schule (= Inhalt geht vor) kränkt...

Quelle:

http://www.niemanlab.org/2015/07/modern-homepage-design-increases-pageviews-and-reader-comprehension-study-finds/

http://engagingnewsproject.org/2015/07/homepage-design-affects-page-views-learning-from-news-articles/

[Walter Braun]
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