Auf drei Säulen ruhen Demokratien schlecht
 

Auf drei Säulen ruhen Demokratien schlecht

Kolumne von Walter Braun.

Leider bedurfte es der Wahl einer unpopulären Person, um ungute Medienpraktiken aufzuzeigen. Aber die zurzeit heiß gehandelte Klage von der ‚Lügenpresse‘ geht zu weit. Vor lauter Schaum & Wut wird die simple Tatsache übersehen, dass es neben der blanken Lüge auch Irrtum, Fehleinschätzung und Gutgläubigkeit gibt. Kein Mensch möchte in einer ‚Post-Wahrheit-Welt‘ leben, also sollten wir sie auch nicht an die Wand pinseln.

Als Donald Trump vor zehn Jahren mit der TV-Serie „The Apprentice“ berühmt wurde, war angeblich einer seiner unerträglichen Aussprüche: „Wenn Ivanka nicht meine Tochter wäre, würde ich sie vielleicht begehren.“ Natürlich ist dieser uralte Ausrutscher im hysterischen US-Wahlkampf ausgegraben worden und durch die Veröffentlichungsschleuder gegangen. Als kürzlich ein leitender Redakteur der Londoner „Times“ Meldungen aus dem Jahr 2006 durchforstete, stieß er auf eine kurze Notiz seiner Zeitung. Nämlich eine Retorte von Ivanka Trump: „Wenn er nicht mein Vater wäre, würde ich ihm Mace ins Gesicht sprayen.“ Der Redakteur twitterte den Zeitungsausschnitt umgehend in den Äther hinaus.

Binnen zwölf Stunden hatte die Meldung den Erdball umrundet und wurde von führenden Medien (ohne Quellenangabe!) veröffentlicht, offensichtlich aus rein politischer Motivation. Bis die Aufdecker-Web-Site Snopes den Schwindel enttarnte: Der Ausspruch stammte von einem Komödianten.

Der Londoner Redakteur war ehrlich genug, sich in einem Kommentar als der unfreiwillige Urheber der Lüge zu outen. Er schloss seine Selbstentblößung mit einem Stirnrunzeln: „Ich habe aus dem Vorfall etwas gelernt, aber ich weiß nicht genau, was.“

Ich kann es ihm sagen: Seit dem Auftauchen des Webs behandeln wir die ganze Welt als unseren Hinterhof – eine verhängnisvolle Selbstüberschätzung. Der Journalist als herablassender Weltbeurteiler oder als getarnter Politaktivist ist eine unerträgliche Zeiterscheinung; aber deswegen braucht man nicht die Presse grundsätzlich zu verdammen.

Dringend korrekturbedürftig erscheint allerdings, dass einstens kritische – und auf diese Weise staatstragende – Medien nicht länger die Rolle einer Säule der Demokratie spielen, da sie zu Wasserträgern des Status quo herabgesunken sind. Kaum noch ein Verlag finanziert Aufdeckungsjournalismus. Das hat wohl mit der wirtschaftlichen Situation zu tun. In der Folge gehen aber Leser verloren und verschwinden im Schlund der Sozialmedien, wo es wenig redaktionelle Kontrolle gibt. Auf Facebook reagieren ungehemmte Gefühle, Spaß und gleichgeschaltete Anschauungen.

Die bei Online-Verlegern verbreitete Gläubigkeit, in der Nachrichtenauswahl könnte ein kritisch-beurteilender Verstand durch Rechenverfahren ersetzen werden, würde im Endeffekt die 4. Säule der Demokratie zum Einsturz bringen. Was wiederum eine Erklärung sein mag, warum autoritäre Tendenzen global so rasant zunehmen, besonders unter den Jungen. Laut einer aktuellen Erhebung der Universität Harvard sind für nur ein Drittel der US-Millennials Bürgerrechte „unverzichtbar“. Ein Drittel! Und 80 Prozent würden einen Militärcoup in einer Demokratie akzeptieren.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wachsender Zynismus mit der atemberaubenden Bequemlichkeit zu tun hat, die Welt mit einem simplen Klick verändern zu wollen. Geht das nicht, bin ich beleidigt. Was kann diese gefährliche Tendenz korrigieren? Nur eine engagierte Presse…

[Walter Braun]
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