‚Auf den Kopf gestellt‘
 

‚Auf den Kopf gestellt‘

Der European Newspaper Congress 2015 zeigt, dass die Veränderungsprozesse in der traditionellen Printwelt an Fahrt gewinnen. Nichtsdestotrotz bleibt das Thema Transformation auf der Tagesordnung

„Wir bewegen uns nicht einmal annähernd mit der notwendigen Geschwindigkeit“, das war eine Grund­erkenntnis des Innovation Report der New York Times, der vor einem Jahr seinen Weg via BuzzFeed an die Öffentlichkeit fand und seither zwei Millionen Mal downgeloadet wurde, anstatt im stillen Kämmerchen die acht Researcher und ihre sechs Chefredakteure zu beschäftigen.

Das war völlig ungewollt, so Adam Ellick, Senior ­Video Correspondent NYT, damals selbst Teil des Innovation-Report-Teams, anlässlich seines Wien-Auftritts beim European Newspaper Congress 2015. Veränderung und Disruption bleiben das dominierende Thema, bei der NYT, in der (Medien-)Welt und beim Congress.

„Wenn man unser Dokument ganz simpel zusammenfasst, dann geht es um kulturelle Transformation, und zwar nicht einzig in der Medienbranche. Im Report verweisen wir ja auch auf Kodak, Kreditkarten­unternehmen, die Auto- oder Erdöl­industrie“, sagt Andrew Phelps, Senior Product Manager NYT, „und der Change Prozess hält bis heute an“, macht er keine Illusionen, dass Entwicklungen je abgeschlossen werden können.

Stichwort Mobile: „Das Internet hat unsere Branche in 20 Jahren verändert, mobile Smartphones haben es in den letzen zwei Jahren geschafft. Im Jänner kamen bereits 60 Prozent unserer Zugriffe via Mobile. Die nächsten großen Investitionen werden bestimmt in dieses Business fließen“, verweist Ellick auf aktuelle Herausforderungen.

Keiner habe die eine Lösung, aber viele haben schon Teile der neuen Weltordnung entziffert, so Ellick. Nachdem sich der Report im Vorjahr verbreitet hatte, schwenkte damals die Stimmung im eigenen Haus von „why should I care?“ zu „how can I help?“, erinnern sich die beiden Journalisten. Bei der NYT gilt heute: Social Media und Web vor Print.

Es gibt neue Abteilungen für Produktentwicklung und Coder. Data Analysts und Technical Engineers sind die neuen Stars. Phelps selbst gestaltet heute iOS-Apps und zeichnet etwa für die neue Strategie für das „Medium“ Apple Watch verantwortlich. Für diese wurde die „One-Sentence Story“ erfunden – sie hat wenig mit dem Abtippen von Überschriften zu tun, sondern erzählt eben eine Geschichte.

Weitere Erkenntnisse: Eine Million zahlende Digitalabonnenten wollen bei Laune gehalten werden, die beliebteste Plattform auch für langen Content sei heute das Smartphone und – das erfreut besonders – rund die Hälfte der NYT-Artikel werden bis zum Ende gelesen.

„Im Vergleich etwa zu YouTube, wo nur rund zehn bis 20 Prozent eines Videos angesehen werden“, so Ellick. „Traffic kommt nur noch in sehr geringem Ausmaß direkt über die Homepage“, ergänzt Phelps – die User erreichte das meistgeklickte Video des letzten Jahres über einen Iraki, der ein ISIS-Massaker überlebte, zu 95 Prozent via virale und Social-Kanäle.

„Der User und Leser ist uns immer voraus“, so Phelps. So freute er sich besonders über eine Mail mit dem Inhalt: „Sie haben News erfunden, bevor ich wusste, dass ich diese Art News lesen will“ – eine Reaktion auf die NYT-„One Sentence Stories“.

Ausprobieren, Scheitern, Lernen und wieder von vorne zu beginnen heißt die Devise: „Alle Silicon-Valley-Unternehmen machen es so, wir auch. Unsere Paywall ist 2007 gescheitert, aber seit dem zweiten Anlauf 2011 ist sie eine ­Erfolgsgeschichte“. Beweg dich schneller und, vor allem, beweg dich überhaupt, lautet das Fazit.

Multimediales ‚Handelsblatt‘

Sehr schnell bewegt sich auch ein deutsches Medienunternehmen. ­Gabor Steingart, Chefredakteur, wusste Spannendes vom Handelsblatt zu berichten, wo der renommierte Journalist und Autor heute in der Geschäftsführung der Verlagsgruppe sitzt und mitbeteiligt ist.

Hier wurde alles auf den Kopf gestellt: Die Anwesenheitspflicht in der Redaktion gibt es nicht mehr. Redakteure entscheiden selbst, wo sie ihre Arbeitszeit verbringen. 50 von 300 Stellen wurden neu ausgeschrieben. Journalisten arbeiten in Teams und bestimmen eigenverantwortlich, welche Texte auf welchen Plattformen angeboten werden. ­

Digitalredaktion und Printredaktion sind endgültig verschmolzen. „Wir sind eine Gemeinschaft zur Verbreitung des wirtschaftlichen Sachverstandes“, sagt Steingart.

Er übt in seiner mitreißenden Rede veritable Kritik an der alten Garde von Journalisten, deren Handeln zum Nachteil der Produkte und Medien gerät: „Journalisten agieren hierarchisch, das verhindert Innovation. Wir sind zu verquatscht: Sehen Sie sich die Seiten eins an mit ihren 15 Themen, es fehlt der Fokus. Medien sind gleichgeschaltet: Alle Tageszeiten berichten über dasselbe Thema und innerhalb von drei Tagen haben alle die gleiche Meinung zu was auch immer. Es grassiert die Angst vor dem Agenda Setting. Medien sind nicht intuitiv gestaltet: Wir schreiben nichtssagende Vorspänne, bringen fade Bilder und zu wenige Grafiken. Journalisten sind unnahbar. Der Leser ist uns im Alltag lästig.“

Danach zählt Steingart einige Umsetzungen und aktuelle Pläne des Handelsblatts auf: Journalisten begegnen Lesern via App live auf ­Augenhöhe, und sie bietet personalisierte Information. Man verkaufe im Handelsblatt Research Institute Fachkompetenz.

„Das haben wir ab­geschaut vom Economist“, lacht ­Steingart. So entstand eine Gemeinschaftsstudie der Luftfahrtindustrie, die Kanzlerin Angela Merkel unterbreitet wurde. „Das treibt politische Entscheidungen voran“, meint der Deutsche.

Ganz aktuell arbeite man an einem rein intuitiven Produkt, der Zeitung ohne Worte: „Infografiken sind die Zukunft.“ Dafür sitze die verantwortliche Designerin in New York, dem derzeitigen Zentrum der Visualisierung. „Ich will zehn Themen, aber die so hochwertig wie nirgends sonst“, erklärt Steingart.

Außerdem meint er: „Fachzeitschriften haben es besser als General Interest und regionale Medien besser als überregionale“. Und er schließt mit einem Appell: „Wir denken über rein gar nichts umsonst nach, schließlich ist im echten Leben nicht mal der ­Toilettenbesuch gratis.“

Brücken bauen

First Mover, digitale Berater und Medien, die dem Zug der Zeit hinterherlaufen – im Rathaus wurde einiges geboten. Auch der Newspaper Award wurde heuer zum 16. Mal vergeben, die europäischen Preisträger bekamen Raum auf der Bühne (zu den Siegern lesen Sie das Dossier Tageszeitungen).

Ebenso am Podium gab ORF-General Alexander Wrabetz Einblick zum Eurovision Song Contest, und meinte: „Ob Printmedien oder Broadcaster, für alle stehen die Zeichen auf Veränderung und wir sind im gleichen globalen Wettbewerb.“

Passend zum ESC-Slogan „Building Bridges“ im Hinblick auf die höchst Google-kritische Rede von Kongressorganisator Johann Oberauer, Chef des Salzburger Medienfachverlags, bemerkte er: „Wir brauchen eine neue Agenda der EU, aber es gilt vor allem, Divergenzen untereinander zu überwinden und neue Allianzen zu schmieden zwischen Zeitungen und TV, öffentlichen und privaten Medienunternehmen.“

Michael Fleischhacker nutzte den European Newspaper Congress, um eine erste NZZ.at-Zwischenbilanz zu ziehen. Ein Bezahlmedium zu etablieren sei „brutal, aber die Brutalität tut gut“, erklärte er.

Alles drehe sich um die Frage: „Wie erkläre ich dem Nutzer, dass das, was wir anbieten, es wert ist, Geld dafür zu bezahlen?“ Seit dem Launch von NZZ.at wurde das Onlinemedium von 800 Beta-Usern begleitet, die online und an 22 Club­abenden Feedback gaben.

Das spreche für eine starke Leserbindung, die durch Newsletter und kuratierte Inhalte, ermöglicht werde. Leserbindung funktioniert über einzelne ­Phänomene und Autoren und „Kuratorenschaft ist mindestens ebenso wichtig“.

Die Arbeit für ein Online-Bezahlmedium sei von Geschwindigkeit geprägt, von raschem und flexiblem Agenda Setting hin zu einer zügigen Produktentwicklung im Live-Betrieb. Fleischhacker hofft, dass NZZ.at auch weiterhin leben und Dinge bieten kann, „die sonst niemand macht“.

Dieser Artikel erschien bereits am 8. Mai in der HORIZONT-Printausgabe 19/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

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