Am Ende der Aufmerksamkeit
 

Am Ende der Aufmerksamkeit

Kolumne von Walter Braun.

Ein spannendes, neues Buch endet mit einer beinharten Warnung: Ein langsamer, folgenschwerer Kulturkrieg zerstört allmählich unser Bewusstsein. Um die Welt wahrnehmen zu können, müssen wir aufmerksam und konzentriert sein.

Geht man durch eine heutige Großstadt, ist diese Qualität des Wachseins in nur wenigen Bürgern zu finden. Alles in unserer Umwelt versucht, sich brutal in unsere Aufmerksamkeit zu drängen – Medien, Waren, Werbung, Mode, selbst die Architektur. Look at me! 


Timothy Wu, Professor an der Columbia Law School, verfolgt in seinem Buch „The Attention Merchants“ die Spur der Aufmerksamkeitsräuber, beginnend mit einem New Yorker Massenblatt, das ­billig angeboten wurde und voller Schundgeschichten war, um die Reichweite zu maximieren und Anzeigen zu bekommen. Die Jagd nach Aufmerksamkeit hat sich mit jeder neuen Medientechnologie verstärkt und in der digitalen Parallelwelt vervielfacht. So, wie sich das Web ­heute präsentiert, bräuchten wir einen Kopf mit Dutzenden Augen und Parallelhirnen. 


Haben wir aber nicht. Weshalb permanente Geistesabwesenheit zum Normalzustand geworden ist. Handy-Wahnsinnige starren Hunderte Male pro Tag auf ihren Winzigbildschirm. Die moderne, immersive Technik verändert sogar die Gehirne – nicht zum Besseren. Die Aufmerksamkeitspanne ist auf das Niveau eines Zierfisches abgesunken, weshalb von einer „Generation Goldfisch“ die Rede ist.

Gefangen in den Traumwelten von Twitter, Snapchat und Instagram, ist für die Realwelt weder geistige, noch emotionale Kapazität übrig. Vermutlich rührt daher die explodierende Wehleidigkeit. Auf US-Unis hat man für die Kind-Erwachsenen „Schutzzonen“ eingerichtet, damit sie sich vor der Welt verstecken und in ihrer Egonische einnisten können. 


Bisher richteten sich die kargen Versuche, etwas gegen das permanente Abgelenktsein zu tun, auf Meditationsangebote. Doch Mindfulness und Digital-Detox-Camps haben keine Chance gegen potente Technik. Tristan Harris, ehemaliger „Produktphilosoph“ bei Google, weiß genau, wie die „Aufmerksamkeitsernte“ systematisch angegangen wird.

Facebook wird nie davon abrücken, darauf beruht ihr Geschäftsmodell, weshalb Harris die „Time Well Spent“-Bewegung ins Leben gerufen hat. Damit sollen Konzerne wie Apple und Google motiviert werden, Geräte zu entwerfen, die unseren Umgang mit der Digitalwelt verbessern. 


Ob das reicht? Ohne Gegenwehr, fürchtet Tim Wu, droht Schlimmes: „Die Zukunft unserer Kultur steht auf dem Spiel. Die Zukunft der Menschheit.“

[Walter Braun]
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