Alter schützt vor WWW nicht
 

Alter schützt vor WWW nicht

Immer mehr ältere Menschen kommen in den Sog des Online-Lebens - und nehmen aktiv daran teil. Die Angst vor dem Einstieg ins Internet ist anfangs aber groß.

Wenn Karl Blecha online ist, ist er ganz der Alte: Er hält per E-Mail Kontakte mit Geschäftsfreunden im Nahen Osten aufrecht, studiert die sozialdemokratische Korrespondenz oder hält sich über aktuelle Parlamentssitzungen auf dem Laufenden. "Internet und E-Mail sind inzwischen wichtige Arbeitsinstrumente für mich", bekennt der Chef der größten österreichischen Seniorenvereinigung, des SPÖ-nahen Pensionistenverbands. Aber auch E-Shopping hat der Ex-Innenminister schon entdeckt: Vor kurzem hat er seine erste CD geordert - "bei Amazon".



Blechas Gegenstück, Stefan Knafl, ist noch nicht ganz so weit. Knafls Haus in St. Veit an der Glan in Kärnten hat zwar einen Internet-Anschluss, den nutzen aber bisher nur die Enkeln des Seniorenbund-Chefs (ÖVP). "Bei mir ist es sich bisher aus zeitlichen Gründen nicht ausgegangen", beteuert Knafl. Künftig werde er sich aber, "zum Beispiel zur Durchführung von Bankgeschäften", mit den Grundregeln des Online-Lebens vertraut machen.



Immer mehr ältere Menschen in Österreich werden mit dem Internet konfrontiert. Ob in den Medien, ob in der Familie - es scheint, als führt kein Weg an dem schon nicht mehr ganz so jungen World Wide Web vorbei. Galt es vor einigen Jahren noch als eine Art Avantgarde-Medium der Jungen, so haben die Senioren in den letzten Jahren aufgeholt. Das einschlägige Kursangebot wächst, mehr und mehr Homepages werden eigens für Senioren kreiert.


Der Austria Internet Monitor (AIM), der regelmäßig statistische Daten über die Internetnutzung in Österreich erhebt, weist im zweiten Quartal 2000 elf Prozent der über 50-Jährigen als Surfer aus - vor zwei Jahren waren es erst magere drei Prozent.


"So wie die Senioren das Reisen für sich entdeckt haben, sind sie auch dabei, das Internet und seine Möglichkeiten allmählich für sich zu entdecken", konstatiert Gerhard Majce, renommierter Wiener Altersforscher. Dabei sei klar, dass das Web umso öfter konsultiert wird, je mehr es mit dem Fernsehen verwächst und so die Vertrauenswürdigkeit des älteren Mediums quasi übertragen bekommt. "Mit der wachsenden Benutzerfreundlichkeit, zum Beispiel durch die Möglichkeit der Spracheingabe, wird auch die Bereitschaft der Senioren steigen, sich damit zu beschäftigen", meint Majce.





Alte Neueinsteiger


Höchste Zeit, meinen die Experten - im Vergleich zu den USA sind europäische Senioren nämlich geradezu Internetmuffel. Manfred Tautscher vom Marktforschungsinstitut Integral, das gemeinsam mit Fessel + GfK die AIM-Zahlen ermittelt: "Wir haben eine extrem hohe Penetration, was die Gesamtbevölkerung betrifft, aber vor allem in der Bevölkerung unter 40. In den USA sind die Internetnutzer hingegen quer durch alle Altersschichten verteilt und eher sozial gestaffelt."

Die höchsten Zuwachsraten verzeichnet der Integral-Chef derzeit bei den 45- bis 60-Jährigen. Das seien Leute, die im Arbeitsprozess nicht mehr umhin könnten, sich mit den neuen Technologien zu beschäftigen. Zu drei Viertel sind die späten Neueinsteiger Männer, auch deshalb, "weil hier das alte Rollenspiel zu greifen beginnt. Alles, was mit Technik zusammenhängt, ist in diesem Alter Sache der Männer. Frauen haben eine größere mentale Sperre" (Tautscher).



Angst vor dem PC


Geht es nach Hans Michalec, wird der männliche Überhang - langsam, aber sicher - kleiner. Der Wiener Kursveranstalter hat seit 1995 schon 3.000 Menschen über 50 mit speziell auf Senioren abgestimmten EDV-Kursen an den Computer und in den Cyberspace gelotst. "Bei den Damen orte ich in letzter Zeit verstärktes Interesse, sie stellen schon fast drei Viertel der Teilnehmer", registriert Michalec. "Die Motivation, sich mit dem PC auseinander zu setzen, hat durch das Internet eine ganz besondere Schubkraft bekommen." Dass zwischen jüngeren und älteren Menschen getrennt wird, ist wesentliche Voraussetzung für den Lernerfolg. "Ältere Menschen haben ganz spezifische Lernbedürfnisse", sagt Michalec. Die Schlüsselfrage sei nämlich, ihnen die Einstiegsangst zu nehmen.

Übereinstimmend berichten Kursveranstalter von einer regelrechten Blockade der Senioren zu Beginn ihrer Kurse, die Integral-Mann Tautscher als historisch gewachsen erklärt: "Im Gegensatz zu den USA wechseln wir in Europa im Lauf des Lebens kaum einmal unseren Wohnort. Mobilität aber macht flexibler und aufgeschlossener." Tautscher sieht in dieser Zögerlichkeit sogar die Hauptursache für die vergleichsweise kleine Zahl der Cyber-Oldies in Europa.


Sei es durch Spiele oder ein Gläschen Sekt - die Strategien zum Angstabbau sind von Veranstalter zu Veranstalter unterschiedlich. Der Seniorenbund Wien setzt ganz allgemein auf ein günstiges mediales Umfeld: "Wir versuchen durch regelmäßige Berichterstattung über Internet-Themen im Seniorenblatt Angst zu nehmen", sagt Thomas Hos, stellvertretender Landesgeschäftsführer. Überdies bietet der Seniorenbund Wien täglich betreute Chats für Senioren an, die gut angenommen werden. Hos: "Es kommen mit jedem Mal zwei, drei neue Teilnehmer dazu." Natürlich erkennt man, so Hos, am zögerlichen Formulieren die Unsicherheit im Umgang mit Tastatur und Medium. In der Chat-Gemeinsamkeit wird dieser Unsicherheitsfaktor gewissermaßen neutralisiert. Wichtig ist auch das Lernen in Kleinstgruppen. Die Obergrenze für Kurse in Michalecs SeniorNETclub etwa liegt bei sechs Teilnehmern.


Auf Kaffeehausatmosphäre setzt der Internet-Provider Netway: In speziellen Kursen für die "50-plus"-Generation werden zu Kaffee und Kuchen in ausgewählten Cafés auch die Elementarkenntnisse für das World Wide Web mitserviert.





Hohe Kaufkraft


Ist die Angst überwunden und der Einstieg geglückt, steht dem Surfen oder lustvollen Chatten nichts mehr im Wege. "Die Themen gehen quer durch den Gemüsegarten, von Wetter über PC-Probleme bis zum Einkaufen und zur Urlaubsberatung", berichtet Chat-Betreuer Hos von seinen Erfahrungen in den Seniorenbund-Kursen. Die häufigsten Suchbegriffe in den Seniorenkursen fallen in die Bereiche Wellness, Reisen, Kulinarisches und Erwachsenenbildung. Auch im

E-Shopping liegt Seniorenzukunft. Alterssoziologe Majce ortet in bisher seniorenspezifischen Services wie Hauszustellungen à la Billa und Meinl, die nun allmählich ins Internet wandern, ein großes Potenzial: "Was die Kaufkraft betrifft, hängen die Senioren die Jungen ja um Längen ab."

Vor allem werden aber die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten des Webs genutzt. Sich verabreden, Gleichgesinnte kennen lernen und in Echtzeit treffen - der Online-Seniorenclub bietet neue Chancen für neue Bekanntschaften. Wolfgang Schaffer vom BIT-Schulungscenter in Graz, das PC- und Internetkurse für ältere Menschen anbietet, hat bei den Teilnehmern vor allem Interesse an einer Hobby-Erweiterung registriert: "Ein Jäger etwa hat versucht, über das Internet Jagdkontakte zu knüpfen. Ein anderer wiederum hat neue Möglichkeiten für seinen Schachclub entdeckt."


An einem der Chats des Seniorenbunds Wien nimmt auch regelmäßig eine in die USA emigrierte Österreicherin teil, die so neue Bande mit ihrer alten Heimat knüpft. Die Seniorenclub-Funktion ist evident: "Um das Internet als Kommunikationsmedium", ist Altersforscher Majce überzeugt, "kommen die Alten nicht herum."


Den Anstoß zur ersten Bekanntschaft mit dem Web geben indirekt oft die eigenen Familienmitglieder. Wenn die Angst, den Techno-Talk der Jungen nicht mehr zu verstehen, die Einstiegsangst übersteigt, stehen die Chancen zu einem ersten Internet-Stelldichein gut. Pensionistenverbands-Chef Blecha über altersgleiche Neo-Surfer: "Eine sehr starke Motivation ist, mit den Enkerln mitreden zu können." Blecha selbst hatte eine höchst private Lehrerin: Er wurde durch seine jüngere Frau, eine Grafikdesignerin, in die hohe Kunst des WWW eingeführt. (be)



Die besten Websites für das reifere Alter


Seniorenclubs online:


www.50plus.at


www.seniorentreff.at


www.seniorworld.at


www.seniorweb.at


www.adis.at/senioren


www.netclub.at



Interessenvertretungen:


www.seniorenrat.at


(Dachorganisation)


www.seniorenbund.at


www.pvoe.at


(Pensionistenverband)



Weitere Links:


www.aon.at/surfguide


senioren/links.html


www.phone-soft.at/cyber-world/o1193.htm


www.a-site.at/Freizeit/


Seniorenthemen/


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