"AdBlock Plus hat Marketing-Macht"
 

"AdBlock Plus hat Marketing-Macht"

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Blogger Sascha Pallenberg spricht im Interview über die Auseinandersetzung mit dem weit verbreiteten Werbe-Blocker und würde sich einer gerichtlichen Konfrontation stellen

Der Deutsche Sascha Pallenberg, Betreiber von Mobilegeeks.de mit zehn Mitarbeitern, hat seinen Status als einer der bekanntesten Blogger im deutschsprachigen Raum mit seinen Recherchen zu den Hintergründen des Werbe-Blockers AdBlock Plus gefestigt. Pallenberg, der von Taipeh in Taiwan aus bloggt, hat per Skype-Telefonat HORIZONT Online die schweren Vorwürfe gegen HORIZONT Online über die Eyeo GmbH, die AdBlock Plus betreibt, bekräftigt.

HORIZONT Online: Fangen wir vorne an: Wie sind Sie auf AdBlock Plus gekommen, und warum wollen Sie die Vorgänge im Hintergrund aufdecken?


Sascha Pallenberg: Das letzte Mal, als ich einen Werbe-Blocker verwendet habe, war vor fünf oder sechs Jahren. Auf das Thema bin ich erst wieder aufmerksam geworden, als deutsche Online-Publikationen eine Anti-Ad-Blocker-Kampagne gestartet haben (HORIZONT berichtete, Anm.). Ich fand das ziemlich dämlich, man sollte nicht den eigenen Nutzern vorschreiben, welche Tools sie verwenden und welche nicht. Auf AdBlock Plus bin ich gekommen, weil die Jungs einen sehr süffisanten Tweet veröffentlicht haben und sich dafür bedankten, weil die Downloads um 129 Prozent zugenommen hätten. Da fragte ich mich: Wer ist das überhaupt?

HORIZONT Online: Und dann?

Pallenberg: Ich hab mich mal hingesetzt und recherchiert, und bin auf Till Faida gestoßen, der früher Gewinnspiel-Seiten gemacht hat. Ich kenne diese Szene, und die packe ich alle in eine Schublade, dazu bin ich schon zu lange im Internet. Das war ausschlaggebend. Ich habe dann mehrere Wochen weiterrecherchiert, und die Story, die ich vergangenen Mittwoch veröffentlicht habe, war schon seit zwei Wochen fertig. Ich hab sie immer wieder von mehreren unserer Blogger querlesen und gegenchecken lassen. Ich lege mich hier immerhin mit dem größten Browser-Plugin der Welt mit sehr potenten Geldgebern aus der deutschen Start-up-Szene an.

HORIZONT Online: Warum haben Sie nie bei AdBlock Plus um Stellungnahme gefragt?

Pallenberg: Ich bin bei der Recherche auf gelöschte Einträge, gefakte Identitäten, gefakte Blogs, gefakte Communities gestoßen. Hätte ich das denen einen Tag vorher gesagt, dass wir mit der Story online gehen, dann hätten die eine ganze Reihe an Möglichkeiten gehabt, Spuren zu verwischen, und diese Chance wollte ich ihnen nicht geben.

HORIZONT Online: Kommen wir zu den Geldgebern im Hintergrund. Wer sind diese Firmen? Gegenüber Horizont Online wollte AdBlock-Plus-Chef Till Faida keine bekannt geben.

Pallenberg: Die Hintermänner haben wir ganz klar in unserem ersten Artikel genannt. Was nach wie vor nicht bekannt ist, und das ist ja das Spannende daran, wer diese Firmen sind. Faida sagt auf der einen Seite, dass man sich nicht von der Blockade freikaufen kann, und auf der anderen Seite, dass strategische Partner davon ausgenommen sind. Die Investoren sind eng mit der Werbeindustrie verknüpft, und das bei einem Tool, das vorgibt, Werbung zu filtern.

HORIZONT Online: Wie verdienen Sie Ihr Geld? Till Faida von AdBlock Plus kritisiert Sie für den Einsatz von Werbetechnologien auf Ihrem Blog MobileGeeks.de.

Pallenberg: Ich bin sehr transparent, was mein Geschäft angeht, ich habe sogar meine Jahreseinnahmen veröffentlicht, das kann jeder in Wikipedia nachlesen. Wir listen sogar minutiös auf, welcher Sponsor welchen unserer Blogger von A nach B geflogen hat. Wir müssen das machen, sonst verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit beim Leser, dann sind wir innerhalb von 24 Stunden weg. Ich bin niemand, der im Hintergrund eine Scam- oder Gewinnspiel-Seite laufen hat, das Bloggen ist mein täglich Brot. Werbung gibt uns die Möglichkeit, kostenlose Inhalte zur Verfügung zu stellen und sie nicht hinter einer Paywall verstecken zu müssen. Aber nur, weil unsere Einnahmen aus der Werbung stammen, heißt das nicht, dass wir nicht in diese Richtung recherchieren dürfen und eine Firma zu offenbaren, die ein getarntes Werbe-Netzwerk ist.

HORIZONT Online: Sollte AdBlock Plus doch rechtliche Schritte gegen Sie einleiten, sehen Sie sich in Taiwan in Sicherheit?

Pallenberg: Till Faida konnte mit seinen Aussendungen keine meiner Aussagen widerlegen. Das ist eine deutsche Webseite, ich habe einen deutschen Anwalt. Ich würde in jede gerichtliche Auseinandersetzung mit den AdBlock-Plus-Leuten gehen, weil ich genau weiß, dass das, was wir veröffentlicht haben, niet- und nagelfest ist. Sonst hätten wir das nicht getan.

HORIZONT Online: Sie sagen auch, dass die AdBlock-Plus-Community, die über die Aufnahme von Webseiten in die “Acceptable Ads” bestimmt, gefälscht sein soll. Worauf stützen sie diese Behauptung? Laut AdBock Plus lesen dort bis zu 11.000 Menschen mit.

Pallenberg: AdBlock Plus hat 200 Millionen Downloads und 50 Millionen aktive Nutzer, aber nur ein Forum, mit 27.400 angemeldeten Nutzern. Zu Hochzeiten waren gerade einmal hundert Leute eingeloggt. Meine Webseite hat auch ein Forum, und da sind bis zu 900 Leute gleichzeitig online, und wir haben keine 50 Millionen aktive Nutzer. Das ist, als hätte Österreich bei der nächsten Wahl eine Beteiligung von 0,01 Prozent und diese Leute darüber bestimmen, was passiert und was nicht passiert.

HORIZONT Online: Wie laufen dann diese Abstimmungen im AdBlock-Plus-Forum wirklich ab, die darüber entscheiden, welche Ads auf die Whitelist kommen?

Pallenberg: Die Eingaben in diesem Forum kommen zu 99 Prozent von AdBlock-Plus-Mitarbeitern. Das sind alles Forenmoderatoren oder Angestellte. Und außerdem ist das ein Support-Forum für die Software, wo generell darüber diskutiert wird, was auf die Blacklist soll, und nicht, was auf die Whitelist darf. Bei der Abstimmung über reddit, wo angeblich 11.000 Leute mitgeschaut haben, sind lediglich 32 Kommentare drinnen, und selbst da stammt der Großteil von AdBlock-Plus-Mitarbeitern. Da hat ja jedes Überraschungsei-Mini-Forum mehr Traffic.

HORIZONT Online: Bleiben Sie dabei, AdBlock Plus als “mafiöses Werbe-Netzwerk” zu bezeichnen?

Pallenberg: Ich weiß, dass AdBlock Plus proaktiv auf Vermarkter zugegangen ist und ihnen angeboten hat, sie auf die Whitelist zu setzen. Ich habe ihnen ja auch nie Erpressung unterstellt, sondern immer nur gesagt, dass dieses Werbe-Netzwerk die Möglichkeit zur Erpressung gibt. Das ist ein ganz großer Unterschied. AdBlock Plus hat im deutschsprachigen Raum mehr als zehn Millionen User. Wer da kontrollieren kann, welche Werbung durchkommt und welche nicht, hat eine wahnsinnige Marketing-Macht. Und mal ehrlich: Diese Investoren stecken ihr Geld doch nicht in ein gemeinnütziges Open-Source-Projekt, wo hinten nichts rauskommt.

HORIZONT Online: Wie macht AdBlock Plus diesen Verkauf von Whitelist-Plätzen in der Praxis?

Pallenberg: Dazu kann ich leider überhaupt keine Stellung nehmen. Ich habe jedoch schon in meinem ersten Artikel anklingen lassen, dass dies Verlagen und Vermarktern gegenüber durch "die Blume" kommuniziert wurde. Dies ist mir von mehreren unabhängigen Seiten mitgeteilt, wobei nun auch Spiegel Online und die Süddeutsche meine Recherche-Ergebnisse bestätigen.

HORIZONT Online: Welche Alternativen zu AdBlock Plus können Sie verunsicherten Nutzern empfehlen?

Pallenberg: Ich will klarstellen: ich habe überhaupt nichts gegen Werbe-Blocker, jeder soll sie verwenden können. Unsere Stammleser, die wissen, wie wir uns finanzieren, blocken uns nicht. Ich würde AdBlock Edge und AdBlock empfehlen. Da kann man sich, Stand heute, sicher sein, dass da keine windigen Investoren drinnen sind.
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