AdBlock: "Niemand kauft sich ein"
 

AdBlock: "Niemand kauft sich ein"

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Exklusiv: Till Faida, Geschäftsführer des populären Werbe-Blockers, nimmt Stellung zu den schweren Vorwürfen von Blogger Sascha Pallenberg

AdBlock Plus ist mit 200 Millionen Downloads und etwa 50 Millionen Nutzern der beliebteste Werbe-Blocker im Internet - und steht seit einigen Tagen im Kreuzfeuer der Kritik. Denn Werbeunternehmen sollen sich in das “Acceptable Ads”-Programm, das akzeptable Werbung von der Blockade ausnimmt, eingekauft haben, kritisiert der deutsche Blogger Sascha Pallenberg. Im HORIZONT online-Interview nimmt Till Faida, Geschäftsführer des AdBlock-Plus-Betreibers Eyeo GmbH mit Sitz in Köln, Stellung zu den Vorwürfen - und erklärt, warum zahlende Firmen Teil des “Acceptable Ads”-Programms sind und dass man sich mit Werbetreibenden an einen Tisch setzen möchte.

HORIZONT online: Der Blogger Sascha Pallenberg hat gegen die Eyeo GmbH als Betreiber des Werbe-Blockers AdBlock Plus schwere Vorwürfe vorgebracht (HORIZONT online berichtete) und es als “mafiöses Werbe-Netzwerk” bezeichnet. Was stimmt an seinen Recherchen, und was stimmt daran aus Ihrer Sicht nicht?

Till Faida: Richtig recherchiert ist, dass wir Verbindungen zur Werbeindustrie haben, das haben wir auch nie geleugnet. Wir haben immer gesagt, dass es uns um einen Kompromiss zwischen Werbetreibenden und unseren Nutzern geht, weil wir auch künftig kostenlose Inhalte im Netz ermöglichen wollen und wir wissen, dass unsere Nutzer nicht generell gegen Werbung sind, sondern nur gegen aufdringliche Werbung. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen wurden, sind völlig abstrus, hier wurden Tatsachen verdreht und in ein kriminelles Licht gerückt, was einfach nur an den Haaren herbeigezogen ist.

HORIZONT online: Hat Sie Sascha Pallenberg eigentlich jemals um Stellungnahme zu seinen Recherchen gebeten?

Faida: Nein, er hat nie bei uns nachgefragt, aber wie der Artikel geschrieben ist, ist es ihm nie um Aufklärung gegangen, sondern es geht einfach nur darum, AdBlock Plus in ein schlechtes Licht zu rücken. Die Motivation dahinter ist nicht, beide Seiten anzuhören.

HORIZONT online: Werden Sie wegen dem Vorwurf “mafiöses Werbe-Netzwerk” rechtliche Schritte einleiten, oder belassen Sie es bei Richtigstellungen von Ihrer Seite?

Faida: Wir haben keine konkreten Pläne, Herr Pallenberg hat ja auch mehrfach betont, dass er sich nicht an deutsches Recht gebunden fühlt, da er im Ausland lebt. Generell ist das natürlich Verleumdung, aber ob wir da weiter dagegen vorgehen, kann ich jetzt noch nicht sagen. Das ist grundsätzlich nicht das, was wir gerne machen würden.

HORIZONT online: Das Vertrauen der Nutzer ist durch die Geschichte möglicherweise erschüttert. Wie wollen Sie das Vertrauen zurückgewinnen?

Faida: Es ist deutlich, dass es genau das Ziel war, das Vertrauen unserer Nutzer in die Software zu erschüttern, in der Hoffnung, dass weniger Nutzer die Werbung auf seinen Websites blocken. Wir können uns einfach nur weiter verbessern, indem wir in manchen Bereichen transparenter werden, und da hätten wir mit Sicherheit einige Sachen von vornherein klarer kommunizieren müssen. Generell denke ich haben wir noch großes Vertrauen, viele Leute werden sich von dieser stumpfen Polemik nicht beeindrucken lassen. Es wird auch künftig so sein, dass jene, die an unserer Kompromiss-Initiative teilnehmen, transparent gemacht werden und nichts hintenrum freigeschaltet wird. Es gelten die gleichen Regeln für alle, und das wird die Nutzer langfristig überzeugen.

HORIZONT online: Haben Sie einen Rückgang in der Nutzung von AdBlock Plus bemerkt?

Faida: Nein, das haben wir nicht gesehen, aber natürlich ist es ein Image-Schaden, der uns wehtut, weil wir alle mit Herzblut an der Sache dabei sind. Ich denke, dass viele Nutzer AdBlock Plus einsetzen, gerade weil wir diesen Kompromiss suchen, weil es ja im Interesse der Nutzer ist, dass es die Websites, die sie regelmäßig und kostenlos verwenden, auch weiterhin gibt. Wenn Werbung komplett geblockt wird, wird es für einige Websites schwer sein, weiterhin guten Content kostenlos anzubieten. Deswegen ist dieser Mittelweg, den wir versuchen zu etablieren, auch im Sinne unserer Nutzer.

HORIZONT online: Fünf der Eyeos GmbH nahestehenden Webseiten, darunter GMX.de, Web.de und 1und1.de, sind in dieses “Acceptable Ads”-Programm aufgenommen worden. Machen Sie bitte transparent, wie es dazu gekommen ist.

Faida: Kurz zum Prozess: Jede Website kann sich bei uns bewerben, die die Werbekriterien einhalten. Dann wird eine Ankündigung in unserem Forum gemacht, wo die Community überprüfen kann, ob wirklich alle Kriterien eingehalten sind. Die Websites müssen proaktiv auf uns zukommen, um freigeschaltet zu werden, und da ist es nicht verwunderlich, dass die allerersten, die an der Initiative teilnehmen, aus unserem persönlichen Netzwerk kommen. Da jetzt eine Verschwörung zu konstruieren, ist schon sehr abenteuerlich. Das ist ganz normal, dass die aus dem persönlichen Netzwerk am schnellsten überzeugt werden können.

HORIZONT online: Nehmen wir das Beispiel GMX.de. Warum hat die Community dafür gestimmt, dass die Werbung dort nicht nervig und deswegen akzeptabel ist?

Faida: Da ist wichtig zu sagen, dass wir nicht jede Werbung von GMX freigeschaltet haben, sondern nur die Werbung, die unseren Kriterien entspricht. Da geht es nur um statische Textanzeigen, also die am wenigsten nervige Anzeigenform überhaupt. Alle Banner auf GMX bleiben weiterhin blockiert.

HORIZONT online: Gehen wir weg vom Einzelfall in die Vogelperspektive. Wie muss aus Ihrer Sicht Online-Werbung gestaltet sein, damit sie nicht nervt? Pop-ups, Werbebanner und Videowerbung verstoßen ja gegen die Richtlinien der “Acceptable Ads”.

Faida: Grundsätzlich darf die Werbung nicht stören und ablenken. Sie muss vom Inhalt der Seite getrennt werden und klar als Werbung gekennzeichnet sein, und sie darf nicht animiert sein. Freigeschaltet wird dezente Werbung, die nicht um Aufmerksamkeit schreit.

HORIZONT online: Wie steht es da mit den Ads der beiden Online-Werberiesen Google und Facebook? Sind deren Werbeformen akzeptabel? Viele Nutzer erkennen diese Online-Anzeigen gar nicht als bezahlte Inhalte.

Faida: Die Kennzeichnung dieser Werbung ist dezent, aber vorhanden. Deswegen würde ich diese Werbung grundsätzlich als gut einstufen.

HORIZONT online: Werden Google- und Facebook-Anzeigen derzeit durch Adblock Plus blockiert?

Faida: Suchanzeigen und gesponsorte Suchergebnisse auf Google und den Adsense for Search Partnerseiten sind geeignet für das Acceptable Ads Programm von Adblock Plus.

HORIZONT online: Und Facebook?

Faida: Facebook-Werbung wurde von der Community nicht überprüft und ist daher nicht freigeschaltet.

HORIZONT online: Google hat sich also beworben?

Faida: Google hat wie jeder andere auch die Suchanzeigen in das öffentliche Forum zur Freischaltung eingestellt. Die Anzeigen entsprechen den Acceptable-Ads-Kriterien.

HORIZONT online: Kommen wir zu der AdBlock-Plus-Community, die über die Freischaltung der Werbung bestimmt. Was sind das für Nutzer?

Faida: Sie ist öffentlich, jeder kann sich, ohne sich zu registrieren, daran teilnehmen. Wenn es eine Bewerbung gibt, wird in unserem Forum ein Thread eingerichtet, und die Community kann dort kommentieren. Natürlich gibt es viele Fälle, die wenig Aufmerksamkeit auf sich ziehen, andere Fälle werden lebhafter diskutiert. Wir haben etwa die Werbung auf reddit.com freigeschaltet, und das war eine Diskussion, die über 11.000 Menschen gelesen haben. Generell prüfen wir nicht, wer da teilnimmt. Wenn jemand einen begründeten Grund hat, warum etwas nicht aufgenommen werden soll, dann kommt es nicht auf die Liste.

HORIZONT online: Es entscheidet also nicht eine Mehrheit in einer Abstimmung.

Faida: Wenn jemand einen Grund findet, warum die Kriterien nicht eingehalten sind, dann wird es nicht freigeschaltet.

HORIZONT online: Und wer bestimmt diese Kriterien? Ihre Firma, oder kommt das aus der Community?

Faida: Auch da haben wir die Community befragt, die Formulierung ist aus einem Prozess mit der Community entstanden. Was die Kriterien angeht, wollen wir auch einen Dialog haben, wir wollen auch Werbe-Netzwerke, Websites, Werbekunden und Technikanbieter an einen Tisch bekommen, einen Mittelweg etablieren und vernünftige Kriterien haben, die sowohl Websites helfen, sich auch bei steigender Nutzung von AdBlock Plus weiter zu finanzieren, als auch unseren Nutzern die Sicherheit bietet, dass nichts, was sie wirklich stört, auf die Freischaltungsliste kommt. Da möchte ich aber noch betonen, dass die Nutzer, die sich von den Acceptable Ads gestört fühlen, diese jederzeit mit einem Klick zu deaktivieren.

HORIZONT online: Es gibt keine Registrierungspflicht für die Community. Ist sie dadurch nicht anfällig für Manipulationen?

Faida: Dadurch, dass es keine Mehrheitsentscheidung ist, würde eine Manipulation nichts bringen. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, ob es einen begründeten Grund gibt, warum eine bestimmte Werbung nicht den Kriterien entspricht. Da bringt es auch nichts, zehn Fake-Accounts anzulegen.

HORIZONT online: Eine Gegenstimme kann also zur Blockade einer Werbung führen.

Faida: Wenn eine Werbung den Kriterien nicht entspricht, dann wird sie nicht freigeschaltet.


HORIZONT online: Kommen wir zu Ihrer Eyeos GmbH selbst, die AdBlock Plus betreibt. Was ist das Geschäftsmodell, wie verdienen Sie ihr Geld?

Faida: AdBlock Plus ist unser einziges Produkt, wir arbeiten alle an AdBlock Plus. Das ist ein ambitioniertes Projekt, das mit sehr hohem manuellen Aufwand betrieben wird. Natürlich müssen wir auch wirtschaftlich nachhaltig arbeiten, damit wir dieses Projekt langfristig betreiben können. Wir werden daher finanziell von größeren Firmen unterstützt, die unaufdringliche Werbung einsetzen und an der Acceptable Ads Initiative teilnehmen möchten.

HORIZONT online: Können Sie transparent machen, wer diese Partner sind?

Faida: Über einzelne Verträge können wir uns nicht äußern.

HORIZONT online: OK, aber aus welchen Branchen kommen diese Firmen?

Faida: Es geht im Grunde darum, dass sehr große Websites, die damit ihre Einnahmen steigern, ein Interesse daran haben, dass die Initiative nachhaltig betrieben wird. Das können Sie aber auch auf unserer Webseite nachlesen.

HORIZONT online: Aus welchen Ländern kommen diese Partner?

Faida: Zu einzelnen will ich mich nicht äußern.

HORIZONT online: Sind die zahlenden Partner bereits in die Acceptable Ads aufgenommen?

Faida: Es gibt Seiten, die da vertreten sind, das ist richtig. Aber auch für die gelten die gleichen Kriterien, es kauft sich hier niemand auf die Liste ein, sondern es gibt für alle Webseiten den gleichen Prozess und die gleichen Kriterien.

HORIZONT online: Es steht eine neue EU-Datenschutzverordnung an, die die Online-Werbe-Branche in Aufregung versetzt hat. Auf der anderen Seite stehen riesige Internet-Firmen, die ganz genaues Nutzer-Profiling machen. Wie wird sich Online-Werbung weiter entwickeln?

Faida: Es ist deutlich, dass sich Online-Werbung vom Nutzer entfremdet hat, dass sich Werbeformen nicht verbessert haben, und dass es ein grundsätzliches Misstrauen und Ablehnung bei den Menschen gibt. Das sollte ein Weckruf für die Online-Marketing-Industrie sein, Werbung nicht immer auffälliger und störender zu machen, sondern Werbung zu gestalten, die die Akzeptanz der Nutzer hat, unterhält, Mehrwert bietet und nützlich ist. Das Gleiche gilt für den Datenschutz: Die Nutzer müssen wieder das Gefühl haben, die Kontrolle zu behalten. Da wollen wir als AdBlock Plus ansetzen und dem Nutzer die Wahlfreiheit und die Kontrolle geben, auch was Tracking angeht.

HORIZONT online: Online-Werbung bewegt sich derzeit stark hin zu großen Bildern (z.B. bei Facebook) und Videos (z.B. bei YouTube). Ist das die falsche Richtung, die die Online-Werber einschlagen?

Faida: Wir wissen, dass Videowerbung für sehr viele Nutzer sehr störend ist, deswegen ist das nicht teil der Acceptable Ads. Generell wollen wir aber, dass AdBlock Plus so genutzt wird, das jeder selbst entscheidet, was er toleriert und was nicht. Ich will jetzt keine einzelnen Werbeformen bewerten, da hat jeder seine eigenen Präferenzen.

HORIZONT online: Ihr Gegner Sascha Pallenberg hat auch an Ihrem Werdegang Kritik geübt. Wie sind Sie nun in die Online-Werbe-Branche gekommen?

Faida: Ich habe in der Online-Werbung für unterschiedliche Firmen gearbeitet und weiß aus eigener Erfahrung, dass vieles, was in der Branche gemacht wird, nicht funktioniert und nicht nutzerfreundlich ist. Wir haben diese großartige Technologie Internet, und bisher gelingt es Werbetreibenden oft nicht, Dinge zu gestalten, die vom Nutzer akzeptiert werden. Wenn man sich Umfragen ansieht, hat Bannerwerbung fatale Akzeptanzwerte, sehr viel schlechter als TV-Werbung. Einer Adobe-Studie zufolge hat nur SMS-Werbung höheres Störpotenzial, und genau hier muss man ansetzen. Man kann dem Nutzer nicht etwas aufzwingen, wir müssen bessere Angebote machen, damit Online-Werbung nachhaltig funktioniert. Wir haben hier eine Negativ-Spirale in Gang gesetzt, wir haben fatal niedrige Klickraten auf Banner, die Einnahmen gehen runter, und die Werbeindustrie reagiert darauf, indem sie die Banner noch größer und auffälliger gestaltet.
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