6 digitale Trends für 2016
 

6 digitale Trends für 2016

Auf der Digitalkonferenz DLD in München wurde diskutiert, warum und wie Netflix, Instagram, WhatsApp, YouTube und Tesla das laufende Jahr prägen

Galerie: 6 digitale Trends für 2016

Dieser Artikel erschien bereits am 22. Jänner in der HORIZONT-Printausgabe 3/2016. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Einmal mit nach vorne gestreckten Armen wie Superman über eine Berglandschaft dahinfliegen und die Blicke der anderen auf sich ziehen – dieses Erlebnis konnten sich diese Woche die Besucher der vom Burda-Verlag veranstalteten Digitalkonferenz DLD (Digital-Life-Design) holen. Möglich machte den Spaß das Start-up Icaros, das eine Virtual-Reality-Brille mit einem Flugsimulator koppelt, auf dem sich der Nutzer in liegender Position in alle Richtungen bewegen kann.

Auch sonst nahm sich die elfte Ausgabe der DLD, die durch ihre zeitliche und räumliche Nähe zum Weltwirtschaftsforum stets prominente Redner nach München locken kann, wie gewohnt sämtliche Technologie-Trends und digitalen Überflieger der Gegenwart und Zukunft zur Brust. Auch zahlreiche Vertreter österreichischer Medien, Agenturen und Unternehmen reisten nach Bayern und leisteten sich die bis zu 3.500 Euro teuren Tickets, um an dem Klassentreffen der digitalen Avantgarde mit etwa 1.500 Gästen und 150 Sprechern teilnehmen zu dürfen. Zurückgekommen sind sie wohl mit ordentlich viel Input, immerhin thematisierte die Konferenz unter dem Motto „The Next Next“ so ziemlich alles, was Medien und Wirtschaft in digitaler Hinsicht 2016 prägen wird. Die offensichtliche Marschrichtung: Facebook, Google, Uber und Netflix geben im ­Silicon Valley den Ton an und Europa hadert weiter mit sich selbst, weil es mit den rasanten Entwicklungen nur schwer mithalten kann. HORIZONT hat sich unter das DLD-Publikum gemischt und zeigt die sechs Trends auf, die dieses Jahr prägen werden.

1. Videostreaming und personalisierte Inhalte

Der wichtigste Stargast der diesjährigen DLD war Netflix-CEO Reed Hastings. War er zum Start in Österreich 2014 noch bescheiden und meinte, dass Netflix und andere Internet-TV-Anbieter friedlich mit dem klassischen TV koexistieren könnten, sagte er in München geradeheraus: „Lineares TV hat 50 Jahre dominiert, aber die Leute wollen On-demand-Fernsehen, sie wollen es auf jedem Bildschirm, und sie wollen personalisierte Inhalte.; s wie das Mobiltelefon das Festnetz ersetzt hat, wird Internet-TV lineares TV ersetzen.“ Nicht nur Netflix würde den Wandel treiben, auch große TV-Anstalten wie BBC oder ZDF würden mit dem Verfügbarmachen von Online-Inhalten wesentlich dazu beitragen. Hastings lässiges, selbstbewusstes Auftreten, dem sein Interviewer Claus Kleber vom ZDF wenig entgegenhalten konnte, wurde durch die beeindruckenden Geschäftszahlen von Netflix unterstrichen. Der Umsatz der börsennotierten kalifornischen Firma wuchs zuletzt dank 75 Millionen zahlenden Abonnenten und dem Launch in 130 Ländern (zusätzlich zu 60 bestehenden Märkten) auf der ganzen Welt. Einziger Wermutstropfen: In China hat Netflix noch keine Lizenz bekommen, aber man würde geduldig auf eine warten, so Hastings.

Trotz großer Worte über die TV-Zukunft redete Hastings seine Firma aber auch klein. „Der Gorilla im Raum ist YouTube, die haben pro Monat mehr als eine Milliarde Seher.“

YouTube-Manager Robert Kyncl konterte, dass man Netflix als großen Konkurrenten wahrnehme, doch kleinreden konnte er die Google-Tochter, die in den USA seit Kurzem eine kostenpflichtige, werbefreie Version anbietet, nicht wirklich. Aktuell hält YouTube bei 20 Millionen Content-Partnern, pro Minute werden 400 Stunden Videomaterial auf die Plattform hochgeladen. Was Kyncl auf keinen Fall verraten wollte: Umsatzzahlen.

2. Google im Visier der EU-Wettbewerbshüter

Im Understatement übte sich auch Philipp Schindler, als Chief Business Manager die Nummer zwei bei Google hinter CEO Sundar Pichai. „Die Konkurrenz zwischen Technologieplattformen ist so intensiv wie nie zuvor“, so Schindler, und zwar auch im eigenen Revier. „WhatsApp oder Instagram sind wesentliche Konkurrenten für uns“, und auch die „Apples, Facebooks und WeChats dieser Welt“ würden seinen Konzern immer stärker unter Druck setzen. Nicht zu vergessen Amazon. „Wenn die Nutzer die Produktsuche auf Amazon starten, dann werden sie nicht nachher zu uns kommen. Amazon ist insofern natürlich ein großer Rivale für uns“, so Schindler.

Das ständige Betonen, dass Google mit Konkurrenten um Marktanteile raufen muss, ist natürlich Teil der Kommunikationsstrategie des Internetriesen. Nach wie vor läuft ein Wettbewerbsverfahren der EU gegen Google, in dem geprüft wird, ob der Konzern seine marktdominierende Position zu Gunsten eigener Produkte ausgenutzt hat. EU-Kommissarin Margrethe Vestager, wollte auf der DLD nicht die Spielverderberin sein, hielt aber fest: „Wenn nur einige wenige Firmen die Daten kontrollieren, können sie kleine Mitbewerber aus dem Rennen drängen.“ Als eine dieser Firmen sieht sich die Lokalsuchmaschine Yelp, deren CEO Jeremy Stoppelman sich offen über Google beklagte: „Google ist speziell in Europa extrem dominant. Vor eineinhalb Jahren haben sie uns den Hahn abgedreht, und deswegen haben wir aufgehört zu wachsen.“ Fortsetzung folgt in Brüssel.

3. Messaging-Apps als E-Mail-Ersatz am Smartphone

Der zweite heiß erwartete Sprecher der diesjährigen DLD neben Netflix-Chef Reed Hastings war WhatsApp-Gründer Jan Koum, der seine Messaging-App mit fast einer Milliarde monatlicher Nutzer 2014 um 19 Millarden US-Dollar an Facebook verkaufte. Er nutzte die Konferenz für eine wichtige Ankündigung: „In einigen Wochen wird WhatsApp für die Nutzer komplett gratis ein“, so Koum. Bis dato mussten User nach den ­ersten kostenlosen zwölf Monaten den Minibetrag von 89 Cent pro Jahr zahlen, um unbegrenzt Nachrichten, Fotos oder Videos zu versenden. ­Einnahmen will sich die Facebook-Tochter künftig bei Firmenkunden holen, denen man spezielle Software und Funktionen zur Kommunikation mit ihren Kunden anbieten will. „Man wird einem Restaurant einfach eine Nachricht schicken können, um einen Tisch für fünf Leute um 8 Uhr abends zu reservieren“, so Koum. Werbung werde es weiterhin keine in der App geben.

Facebook selbst, in den Vorjahren auf der DLD breit aufgestellt, überließ ­dieses Jahr neben WhatsApp seiner zweiten Tochter Instagram die Bühne. Die Foto-Video-App hält in Deutschland bei nunmehr neun Millionen Nutzern und ist laut ihrer Managerin Marne Levine einer der Treiber des „Iconic Turn“. „Die nächsten fünf Jahre werden von einem Wechsel von Wörtern zu Bildern bestimmt werden“, so Levine über das sich veränderende Kommunikationsverhalten im Smartphone-Zeitalter.

4. Native Advertising oder doch lieber Paid Content?

Auf der Burda-Konferenz fehlen durfte nicht die Diskussion zur künftigen Monetarisierung von Online-Medien. Gastgeber Hubert Burda hielt zu Beginn fest, dass sein Medien­konzern mehr Umsatz mit Digitalprodukten mache als mit Analogmedien. Dem neuen, vermeintlichen Heilsbringer „Native Advertising“, auf den nicht nur BuzzFeed, Vice und Co sondern mittlerweile auch viele österreichischen Online-Medien setzen, erteilte Economist-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes eine ordentliche Abfuhr. Die Tarnung von Werbung als redaktionelle Artikel sei gefährlich. „Bei Native Advertising bin ich sehr skeptisch. Das wichtigste, das wir haben, ist das Vertrauen der Leser, und dieses Vertrauen dürfen wir nicht verspielen“, so Beddoes. Sie sieht, zumindest für ihre Publikation, vielmehr enorme Chancen für bezahlte Digitalprodukte. „Es gibt bis zu 70 Millionen Leute auf der Welt, die als potenzielle Leser in Frage kommen. Derzeit haben wir 1,55 Millionen Abonnenten, da gibt es enorm viel Raum zu wachsen.“

5. Europa zwischen Sudern und Start-up-Einhörnern

Auf die Frage nach der Innovationskraft Europas in einer digitalen, ­globalisierten Wirtschaft bekam man auf der DLD auseinandergehende Meinungen. „Tesla hätte in Deutschland nie eine Finanzierung bekommen“, sagte der deutsche Internetunternehmer Oliver Samwer (Rocket Internet) über die Standortnachteile. „Die USA haben zigfach mehr Kapital zur Verfügung. Man darf nicht annehmen, dass man da mithalten kann, nur weil man smarter ist.“

Andere, allen voran Tech-Journalist Mike Butcher (TechCrunch), wollten das ewige Sudern über den Start-up-Nachzügler Europa nicht mehr hören und verwiesen auf erfolgreiche Start-ups wie Spotify aus Schweden oder BlaBlaCar aus Frankreich. „Wir werden Firmen aus Europa haben, die dutzende Milliarden Dollar wert sind“, zeigte sich auch Skype-Gründer Niklas Zennström überzeugt, der heute mit Atomico einen der wichtigsten Start-up-Fonds betreibt und forderte eine längst überfällige Änderung des Mindset: „Unsere Politiker reden immer über die Probleme, sie sollten lieber über die Möglichkeiten reden.“

6. Transport und Logistik als nächstes Disruptionsopfer

Zennströms ehemalige Kollegen, die beiden Skype-Mitgründer Ahti Heinla and Janus Friis, nutzten die DLD als Bühne für ihren Paket-Roboter ­Starship. Er soll den Preis pro Zustellung in Vororten auf einen Euro senken und mit sechs km/h am Gehsteig fahren – in Österreich könnte der ­automatisierte Paketbote 2017 auf den Straßen zu sehen sein.

Wie drastisch die Digitalisierung das Transport- und Logistikwesen auf den Kopf stellt, zeigt ein Vergleich zwischen dem US-Start-up Uber und Airbus, Europas größtem Luft- und Raumfahrtkonzern. Uber wird von Privatinvestoren mit 62,5 Milliarden US-Dollar bewertet, ­Airbus ist an der Börse derzeit etwa 44 Milliarden Euro wert. „Ehrlich gesagt haben wir Elon Musk am Anfang nicht ernst genommen“, so Airbus-Group-CEO Thomas Enders über den Silicon-Valley-Unternehmer, der nicht nur Tesla Motors gründete, sondern mit SpaceX mittlerweile wiederverwendbare Raketen zur Erde zurückkehren lässt. Heute kommt aber selbst der Flugzeughersteller nicht mehr ohne Silicon Valley aus: In einem Deal mit Uber will man Airbus-Hubschrauber als Lufttaxis bei Events zur Verfügung stellen und außerdem 150 Millionen US-Dollar in Start-ups investieren.
stats