30 Jahre HORIZONT: Der Scheinobjektivität wid...
 
30 Jahre HORIZONT

Der Scheinobjektivität widerstehen

APA-Fotoservice/Tanzer
Forgó ist Professor für Technologie- und Immaterialgüterrecht an der Universität Wien.
Forgó ist Professor für Technologie- und Immaterialgüterrecht an der Universität Wien.

Nikolaus Forgó über Verschwörungserzählungen, wie man diesen entgegentreten kann und welche Rolle die Medien dabei spielen (sollten).

Im Januar 2021 wurde das Kapitol in Washington gestürmt. Im August 2020 war dasselbe mit dem Berliner Reichstag versucht worden. Regelmäßig marodieren Horden von „Coronaleugnern“, „Reichsbürgern“, „Impfskeptikern“ durchs Internet oder auch über reale Straßen.


Wer nach „Erklärungen“ für Ursache und Verlauf der Covid-19 Pandemie im Internet sucht, findet, stets nur zwei Klicks entfernt, für jeden individuellen Mindset die passende Verschwörungserzählung: von der Idee, Bill Gates steuere die Impfkampagne zur persönlichen Profitmaximierung bis zur These, das Grundgesetz (Art. 20 Abs. 4) erlaube oder verlange gar (bewaffneten) Widerstand in dieser Krise, weil gerade (wahlweise von der Regierung, der globalen Finanzelite, dem Bilderberger Kreis, den Freimaurern et cetera) unternommen werde, die verfassungsmäßige Ordnung zu gefährden.

Wer sich dann organisieren will, findet Demonstrationsaufrufe, vorgeplante Demo-Reisen, Unmengen an Merchandising-Produkten, zahllose Internetkampagnen, die mit eingängigen Hashtags versehen sind, kann sich auf YouTube oder, wenn es etwas konspirativer sein soll, auf Telegram vernetzen und landet, irgendwann, auch beim Aufruf zum (bewaffneten) Widerstand.

Die einschlägige Szene ist hervorragend vernetzt und verfügt über technisch professionell gemachte digitale Medien, die mehrfach täglich Inhalte referieren und aufbereiten – technisch State of the Art, nicht zu unterscheiden von „klassischen“ Medienprodukten. Einschlägige deutschsprachige Videos erzielen – buchstäblich – Millionen an Aufrufen, die Kanäle haben Hunderttausende Abonnenten, wer in der Echokammer Platz genommen hat, wird zuverlässig mehrfach stündlich mit neuen, weltbildkonformen Inhalten beschallt und kann in den passenden Gruppen die Weltverschwörung nachzeichnen, die nächste Demo planen oder auch einfach nur Zuspruch suchen, weil wahlweise die Familie, der Arbeitgeber, der Freundeskreis so verständnis- und herzlos sind.

Was tun? Während es inzwischen eine große Zahl qualitativ hochwertiger Ratgeber gibt, die der einzelnen Person Hilfsmittel in die Hand geben, wie man sich im eigenen Umfeld gegen verschwörungstheoretische Zumutungen wehrt, wie man Kontakt hält gegenüber Personen, die in einem Rabbit Hole verschwunden sind und wann es Zeit wird, die Diskussion wegen Aussichtslosigkeit abzubrechen, existiert auf gesellschaftlicher und rechtspolitischer Ebene, wie wir gesellschaftlich und rechtspolitisch reagieren können, noch wenig Problemverständnis.
„Von der Kaffeetasse bis zum Jahresgoldpremiumabo findet man alles, was das Unterstützerherz begehrt.“

Dabei beginnt das Problem schon dort, dass die Multiplikatoren dieser Szene ein offenbar oft viel erfolgreicheres Geschäftsmodell entwickelt haben als ihre Gegner. Wer einen verschwörungstheoretischen Kanal betreibt, wendet sich einfach gegen die „Altmedien“ oder „Leitmedien“ und deren „Zwangsfinanzierung“ und bittet die Zuseherinnen und Zuseher hartnäckig um eine Direktspende. Bei einem Millionenpublikum kommt da genug Geld zusammen, um vielen dieser Verschwörungserzählern ein sehr auskömmliches Einkommen zu sichern und sie einen „Campus, auf dem man endlich die Wahrheit sagen kann“ bis zu eigenen Fernsehsendern planen zu lassen. Von der Kaffeetasse bis zum Jahresgoldpremiumabo findet man alles, was das Unterstützerherz begehrt. Wie viel fragiler ist da das Geschäftsmodell der „Faktenchecker“, die – ja von wem eigentlich? – Umwegfinanzierungen in Anspruch nehmen müssen.

Ausgerechnet die Plattformen werden in dieser Gemengelage dann zu den Verbündeten der Vernünftigen. Während die Verschwörungsideologen von Zensur faseln, weil Videos gesperrt werden und beginnen, eigene Peer-Video-Netzwerke aufzubauen, in denen „endlich die Wahrheit gesagt werden kann“, betont die Europäische Kommission zu Recht die enorm wichtige Rolle, die Plattformen bei der Bekämpfung von Desinformation (noch) spielen. (1)

Wo aber bleiben die „klassischen“ Medien und wie stellen wir sicher, dass die Menschen ihren journalistischen Inhalten auch in Zukunft mehr vertrauen als dem der Ex-Journalisten, die das verschwörungstheoretische Gesellschaftsmodell übernommen haben und den „gleichberechtigten“ Diskurs aller Meinungen einfordern – auch auf der Bundespressekonferenz oder in einer klassischen Fernsehsendung?

Welcher Laie soll sich da noch auskennen?

Christian Drosten hat in einem Interview die Problematik der „false Balance“ treffend umschrieben.(2) Damit ist gemeint, dass medial eine völlig überwiegende wissenschaftliche Mehrheitsmeinung auf eine exotische Mindermeinung trifft. Beide werden dann ausgeglichen dargestellt (und verteilt), als beanspruchten beide mit gleichem Recht Gültigkeit. Welcher Laie mit knappem Zeitbudget soll sich dann noch auskennen?

Dieser Scheinobjektivität (Stand­punktlosigkeit) kann nur widerstehen, wer über die Kompetenz verfügt, eine eigene, wissenschaftlich fundierte Position zu bestimmen, von der aus man Plausibilitäten einordnen und einfordern kann. Die Entwickung dieser Standhaftigkeit wiederum hat zwei Voraussetzungen: ein auf Dauer ökonomisch tragfähiges Geschäftsmodell und eine funktionierende Kommunikation des Wissenschaftssystems.
Meine persönliche Corona-Lehre und zugleich Medienvision ist: An diesen beiden Voraussetzungen müssen wir in Österreich in den kommenden Jahren sehr dringend sehr stark arbeiten.

(1) https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/reports-january-actions-fighting-covid-19-disinformation-monitoring-programme
(2) https://www.republik.ch/2021/06/05/herr-drosten-woher-kam-dieses-virus

Dieser Kommentar erschien in der Jubiläumsausgabe zu 30 Jahre HORIZONT. Noch kein Abo? Hier klicken.

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