Wolfgang Rosam: ,Das wird sich in den nächste...
 

Wolfgang Rosam: ,Das wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen'

Ian Ehm
"Die Agenturen sind gut beraten, wenn sie ihr Geschäftsmodell und Content-Angebot neu überdenken", so Wolfgang Rosam.
"Die Agenturen sind gut beraten, wenn sie ihr Geschäftsmodell und Content-Angebot neu überdenken", so Wolfgang Rosam.

Der Geschäftsführer von Rosam.Grünberger Change Communications im HORIZONT-Interview über Paradigmenwechsel und Marktverschiebung im PR-Agenturensegment.

Während die PR-Branche wächst, wird der Markt kleinteiliger und die großen Agenturen verlieren stetig Umsätze. Wohin diese Gelder fließen – und wer davon profitiert, darüber sprach HORIZONT mit Branchenvertretern, unter anderem mit Wolfgang Rosam, Geschäftsführer von Rosam.Grünberger Change Communications.

HORIZONT: Wie sehen Sie die derzeitige und künftige Umsatzentwicklung des PR-Marktes in Österreich? 

WOLFGANG ROSAM: Der PR-Markt in Österreich hat sich vollkommen verändert. Während vor einigen Jahren Agenturen noch Pressestellen-Funktionen übernommen haben, ist das heute so gut wie gar nicht mehr der Fall. Das erkennt man an den Umsatzentwicklungen. Als ich vor 14 Jahren die Pléon Publico verkauft habe, hatten wir 12,5 Millionen Nettohonorarumsatz. Als meine Nachfolger Harald Mahrer und Markus Schindler die Agentur übernommen haben, lag der Umsatz bei 15,5 Millionen Euro Nettohonorarumsatz. Heute hat der Marktführer Grayling knapp über sechs Millionen Euro Umsatz.  Damit sind alleine an der Spitze neun Millionen Euro nicht mehr vorhanden. Der Markt ist nach wie vor in Klein- und Kleinstagenturen aufgeteilt. So hat sich auch eine Verschiebung der Betreuung ergeben.

In welche Richtung?

Die größeren österreichischen Agenturen konzentrieren sich primär auf strategische, konzeptionelle Arbeit, Coaching und Lobbying. Die kleineren Agenturen sind nach wie vor mit Events und Pressearbeit beauftragt. Allerdings sind die Honorare überall geringer geworden. Denn heute gibt es kein mittleres Unternehmen mehr ohne Pressestelle. Es wird wahnsinnig viel inhouse gemacht. Ähnlich wie bei den Mediaagenturen, die damals die Einbuchung von den Werbeagenturen übernommen haben, passiert bei den PR-Agenturen gerade ein Paradigmenwechsel und eine Marktverschiebung. Das wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Die Agenturen sind gut beraten, wenn sie ihr Geschäftsmodell und Content-Angebot neu überdenken. 

Wie entwickelt sich der österreichische PR-Agenturenmarkt im Vergleich zum europäischen und zum deutschen? 

Es ist in Österreich dramatischer als in den anderen Märkten. Die einstige Sonderstellung der Publico hat über zwei Jahrzehnte den Markt geprägt. Der österreichische Markt heute ist vergleichbar mit dem europäischen. Er ist in Kleinagenturen aufgeteilt. In Deutschland etwa sind die ersten zwei, drei Agenturen in der strategischen Unternehmensberatung, im Lobbying und Financial-Communications-Bereich zuhause, wo sie immer noch sehr gute Honorare machen. Die Wiener Börse ist nicht vergleichbar mit Frankfurt, Zürich oder London, Financial Relations daher praktisch nicht vorhanden. Es bleiben somit der unternehmensstrategische und politische Bereich. Und vom Produktbereich kann eine mittlere bis größere Agentur nicht wirklich gut leben. Somit gibt auch hier einen Paradigmenwechsel und eine Verschiebung der Anforderungen der Märkte. 

Welchen Einfluss hat denn die Social-Media-Kommunikation auf den Umsatz der Agenturen? 

Social Media ist ähnlich vergleichbar mit den Onlinemärkten im Printbereich. Online setzt nicht annähernd um, was Print umsetzt. Und Social Media kann nicht annähernd umsetzen, was die klassische PR oder Lobbying erreichen. Natürlich ist Social Media wichtig. Aber die Beraterfunktion zählt mehr als die Durchführungsfunktion. Die Agenturen sind hier gefordert, Konzepte und Strategien aufzusetzen. Der tägliche Social-Media-Einsatz wird dann vom Unternehmen selbst gemacht. Im Umsatzvergleich ist das aber keine Substitution zur klassischen PR.

Das Interview erschien bereits im HORIZONT Nr. 37. Noch kein Abo? Hier klicken!
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