Wo die goldene Werbe-Ära noch gelebt wird
 

Wo die goldene Werbe-Ära noch gelebt wird

Ein Rückblick auf das 62. Cannes Lions International Festival of Creativity, ein wenig Gossip inklusive

Dieser Artikel erschien bereits am 3. Juli in der HORIZONT-Printausgabe 27/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Gut eine Woche, nachdem die Cannes Lions zu Ende gegangen sind, ist es im ehemaligen Fischerdorf wieder ruhig und beschaulicher. Rund um das Palais des Festivals sind die Menschentrauben kleiner geworden, die von Facebook, Google und Co. reservierten Strandabschnitte wie leergefegt und die Preise für ein Hotelzimmer wieder auf halbwegs normalem Niveau.

Die 13.000 Delegierten haben ihren Weg nach Hause gefunden und haben  somit Zeit für einen Rückblick auf rund 500 Vortragende, sieben Young-Lions-Wettbewerbe, fünf Award-Shows, zwei Galas und unzählige Partys. Den Erinnerungen hängt allerdings auch ein bitterer Beigeschmack nach, denn zwei Gäste traten die Heimreise nicht mehr an: ein britischer Google-Executive erlag den Folgen eines Verkehrsunfalls, der Deutsche Michael König, Ressortleiter beim Kommunikationsfachtitel New Business, verstarb nach einem Kollaps im Pressezentrum. „Wir haben mit Michael König viel zu früh einen sehr kompetenten Kollegen verloren. Er hat sich weit über die Agenturbranche hinaus viel Anerkennung und eine hohe Wertschätzung erworben. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen und seinen vielen Freunden, die nun um ihn trauern“, so Peter Strahlendorf, Verleger und Herausgeber von New Business, über den Todesfall.

(In-)offizielle Austro-Erfolge

Zwei Tragödien, derer in Cannes immer wieder gedacht wurde, die aber nicht überschatten, dass es bei der 62. Auflage des Kreativfestivals auch Grund zur Freude gab. So auch für Österreich, vertreten durch Jung von Matt/Donau und Reichl und Partner – erstere Agentur holte sich in der Kategorie „Press“ einen und in „Outdoor“ gleich zwei bronzene Löwen, Reichl und Partner wiederum reichte zum ersten Mal ein und wurde dafür mit einem bronzenen „Press“-Preis belohnt.

Nicht offiziell zu Österreich zu zählen, aber nicht minder hervorhebenswert ist auch „The HIV+ Issue“, eine Sonderausgabe des heimischen Magazins Vangardist, betreut durch die Agentur Saatchi & Saatchi Switzerland, die insgesamt neun Trophäen für sich beanspruchen konnte, oder auch Jandl Bratislava, deren CCO Bernd Fliesser aus Österreich stammt. Denn: die Kampagne der Agentur zu „The New Samsonite Collection“ wurde mit einer bronzenen Trophäe im Bereich „Film“ ausgezeichnet.

‚Professioneller Jury-Prozess‘

In Cannes mit dabei waren aber nicht nur heimische Agenturen, sondern auch Juroren: Robert Dassel, Art Director & Digital Creative bei Demner, Merlicek & Bergmann in der Kategorie „Cyber“, Dian Warsosumarto, Creative Director bei Cheil Austria, in der Kategorie „Direct“ sowie Michael Göls, Geschäftsführer von Havas Media Aus­tria, in der Kategorie „Media“. Für Göls eine wertvolle Erfahrung, wie er gegenüber HORIZONT erklärt: „Der gesamte Jury-Prozess war sehr professionell organisiert – das muss es aber auch sein, wenn eine mehr als 30-köpfige Jury rund 150 bis 170 Cases pro Tag sichtet, diskutiert und bewertet.“ Uneinigkeiten, ja, die habe es gegeben – immerhin sitzen in so einer Jury doch Menschen aus aller Welt. Hier ging es laut Göls aber weniger um kulturelle Unterschiede, sondern um grundlegend verschiedene Ansichten, wie man den Bereich Media denn definieren solle. „Durch meine Erfahrung als Juror in Cannes habe ich so ­einiges mitgenommen, auf persönlicher Ebene, aber vor allem zahlreiche wertvolle Begegnungen“, fasst der Havas-Media-Austria-CEO abschließend zusammen.

Motivation für Newcomer

Nicht zu vergessen aber auch der österreichische Nachwuchs in Cannes, die Young Lions. Auch in diesem Jahr wurden junge Talente nach Frankreich geschickt, um ihr Können unter Beweis zu stellen. Im Gegensatz zu 2014  gab es heuer zwar keine Auszeichnungen für österreichische junge Löwen, ein Erlebnis war die Teilnahme für alle 13 von ihnen aber dennoch.

Stefan Hundlinger und Daniel Stock von FCB Neuwien traten in der Young-Lions-Kategorie „Print“ an und mussten – so das Briefing – für den Auftraggeber UNODC Awareness für das Thema „weltweite Korruption“ schaffen. „Das Brainstorming war anstrengend, wir hatten wenig Schlaf – 24 Stunden sind halt echt ein knackiges Timing. Bei so wenig Zeit muss man sich natürlich irgendwann für eine Idee entscheiden, damit die Umsetzungsqualität nicht darunter leidet. Korruption ist ja momentan sowieso ein großes Thema, deshalb haben wir beschlossen, nicht die Problematik zu verbildlichen, sondern zu zeigen, wie man dagegen vorgehen kann“, so die beiden unisono über ihre Idee.
Das Cannes Lions Festival hat bei den beiden jedenfalls einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie sie erklären: „Es war noch viel größer als erwartet! Wir konnten ja nur vermuten, was dort abgeht. Allein die Energie der großen Werbeikonen, die überall zu spüren ist – Wahnsinn. Man fühlt sich toll, dabei zu sein, aber gleichzeitig richtig klein. Es war einfach schön zu sehen, dass die goldene Ära der Werbung noch gelebt wird. Für Newcomer wie uns ist es eine enorme Motivation, zu sehen, wo die internationale Messlatte liegt.“

Auf die Frage, was die beiden während der Woche in Cannes gelernt haben, schmunzeln Stefan Hundlinger und Daniel Stock und sagen: "Nie wieder Rosé - zumindest bis nächstes Jahr! Abgesehen davon hat sich wiedermal gezeigt, dass unsere Zusammenarbeit einfach gut funktioniert, obwohl wir in der Agentur in unterschiedlichen Teams sitzen. Wir haben einen Haufen großartiger Menschen kennengelernt, die anderswo auf der Welt im selben Boot sitzen. Nicht nur bei der Competition, sondern auch bei den unzähligen Partys – es waren wirklich verflucht viele! Übrigens wollen wir uns für die tolle Zeit bei allen bedanken, die mit uns unterwegs waren, die wir getroffen und mit uns gefeiert haben. Natürlich ganz besonders bei Reini Schwarzinger von ORF Enterprise, der all das möglich gemacht hat und bei unserem Kreativchef Dieter Pivrnec, der uns all seinen lieben Leuten vorgestellt und unseren kulinarischen Horizont erweitert hat."

What happens in Cannes …

Wer sich an Cannes zurückerinnert, dem bleibt auch das Foto des Stelldicheins am roten Teppich unver­gessen (Siehe Bild 3/3). Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dieses im Netz – mit anschließender Verlobung inklusive, so erzählt man sich zu­mindest.
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