Von Nostalgie und Change­-Prozessen
 

Von Nostalgie und Change­-Prozessen

Fünf niederösterreichische Agenturen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, erzählen über ihr Bundesland sowie neue Herausforderungen und geben Einblick in aktuelle Trends

Dieser Artikel erschien bereits am 26. Juni in der HORIZONT-Printausgabe 26/2015. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Die NÖ-Werbeszene wird immer ­wieder mit dem Nachteil der Wien-Nähe konfrontiert, doch für Gert Zaunbauer, Geschäftsführer Eventmanagement & Live-Kommunikation und Gesellschafter der Agentur Putz & Stingl, ebenso einer der Preisträger, ist diese im Gegenteil eher ein Vorteil: „Wir haben vor der Haustür eine Kundenspielwiese mit dem Industriezentrum. Also wir fühlen uns im Speckgürtel Wiens wunderbar aufgehoben“, stellt er gut gelaunt fest.

Putz & Stingl, Agentur mit Sitz in Mödling und Fokus auf Eventmar­keting und Public Relations, gewann heuer Gold mit Ritter Sport, einem niederösterreichischen Kunden, und einer Eventumsetzung, die gerade auch für den Staatspreis Marketing nominiert war.

Mit Stihl Motorsägen, Berndorf, Hornbach oder Velux zählt Zaunbauer weitere Kunden aus dem Bundesland auf. Generell hält er fest: „Wer sich den aktuellen Gegeben­heiten anpasst, macht ein gutes Geschäft.“

So verstärkt Putz & Stingl gerade die Kombination seiner beiden Zugänge Public Relations und Eventmanagement und hat heuer ein neues wie umfassendes Tool entwickelt, um Events nicht nur live erlebbar zu machen, sondern die Botschaft von Veranstaltungen vielfältig zu transportieren und zu verbreiten.

„Insbesondere auf Kundenevents, Produktpräsentationen, B2B-Festen oder Konferenzen ist die steigende Drop-out-Rate spürbar“, informiert er über Entwicklungen. „So kommt dem Event Publishing ein wachsender Stellenwert zu – Events werden nicht mehr nur erlebt, sondern man hört, liest und redet von ihnen“, erklärt Zaunbauer.

So hat Putz & Stingl heuer ein Tool entwickelt, das von der Textaussendung plus Foto über Twitter live am Event, Audiodateien, Web-PR bis Social Media die Veranstaltung und ihre Botschaft an das Unternehmen, sein Netzwerk und alle Multiplikatoren verbreitet. „Es ist wie bei einem Kometen – am Himmel sichtbar bleibt der Kometenschweif, und das ist unser aktueller Zugang“, so Zaunbauer, der mit dem Tool spätestens im Herbst richtig durchstarten will.

ghost.company: ‚Das beste D-A-CH

Seit 25 Jahren mit der ghost.company in Perchtoldsdorf erfolgreich am Markt ist Werber Michael Mehler, Inhaber und Creative Director, mit seinem 22-köpfigen Team. Mehler freut sich über sechs neue Etats in den ­letzten zwei Monaten, darunter Hus­qvarna Automower, Pharmaselect oder Bayer und Renault Truck – und einen Goldenen Hahn in der Kategorie Dialog-Marketing, und das in Zeiten, in denen man als Agentur „hart kämpfen muss“ und die österreichischen Wirtschaftsdaten, vor allem aber „die Stimmung wenig erfreulich“ sei.

Insbesondere im Vergleich zu Deutschland bemerkt Mehler den Unterschied: „In unserer Agentur in München, die mit vier Mitarbeitern besetzt ist, merken wir eine deutlich positivere Stimmung“, so Mehler, der auch in Zürich aktiv ist.

Zum Standort NÖ meint Mehler: „Ich bin gebürtiger Deutscher, lebe aber seit meinem fünften Lebensjahr in Österreich und bin in Perchtoldsdorf aufgewachsen – ich mag die Nähe zu Wien, die Lebensqualität und Parkplätze wie die Heurigen hier draußen – die Kunden kommen gern zu uns.

Den Wasserkopf Wien, ja den gibt es, aber auch in anderen Bundesländern gibt es wenige große Agenturen, sondern wie auch in NÖ viele Ein- bis Drei-Mann-Agenturen“, beschreibt er die ­Situation. Mehler sieht die ghost.company als nationale Agentur, die internationale Highlights zu bieten hat, wie etwa die Umsetzung der weltweiten Kampagne für Leica.

Ein weiteres internationales Geheimnis werde im August gelüftet, dabei blickt Mehler über den großen Teich. „Unser USP bleibt: Das beste D-A-CH. Join the spirit!“, hält er fest. Generell sieht er Trends hin zu mehr Einheitsbrei, verstärkte Internationalisierung bei Kampagnen, Personalmangel und Budgetknappheit.

„Wir bräuchten ein paar gute Wirtschaftszahlen, die zumindest die Stimmung anwärmen, anheizen wäre schon zu viel verlangt“, meint er. Was Mehler noch auffällt: „Print ist wieder gefragt wie auch Direct Mailings. Wir sind mit 32 Prozent Umsatzanteil stark in ­Online, aber das Niveau scheint sich einzupendeln.“

Gugler: Nachhaltigkeit wirkt


Auf den richtigen Trend nach einem Change-Prozess scheint das (Marken)Kommunikationshaus Gugler mit seinen 30 Mitarbeitern und Fokus auf Innovation und den Cradle-to-Cradle-Gedanken gesetzt zu haben – übrigens beim Goldenen Hahn siegreich in den Kategorien Anzeigen wie Broschüren.

Erfolgskonzept, so Ursula Pritz, Agenturleitung brand und Michael Schützenhofer, Agenturleitung digital, seien einerseits Diversität und auch die Verknüpfung von Storytelling und technischen Touch-Point-Kompetenzen: „Es geht um Relevanz, mehr Werte und weniger Worte“. Die Agentur bekennt sich mit der Übersiedlung nach St. Pölten auch klar zu NÖ – „hier finden wir entspannte Urbanität neben ­einem Spielplatz für Ideen und Aufbruchsstimmung“, stellt Pritz fest.

Die beiden Agenturleiter wünschen sich markenrelevantere Entscheidungen: „Die Einzelmaßnahmen-Denke ist immer noch stark aus­geprägt, aber auf diese Weise verschenken Unternehmen Budgets.“ Für Pritz gibt es drei große Entwicklungen: von der Zielgruppe zur Community, von der 360-Grad-Denke zur Customer Journey, vom Kanal zum Touchpoint – „wo der Mensch auf Marke trifft, muss Nutzen entstehen“, so lautet der Zugang von Pritz, Schützenhofer und ihrem Team.

Nexus: Werbung braucht Querdenker

Klein, aber oho tritt die Waldviertler Full-Service-Agentur Nexus auf; sie ist heuer mit einer Eigenwerbung beim Goldenen Hahn erfolgreich. Das Kernteam, das nur Kunden aus NÖ betreut, besteht aus Agenturlei­terin Monika Geisberger, Grafikerin Andrea Haselmayr und Marketerin Katharina Schabauer und profitiert von einem großen Netzwerk.

„Wir sind überzeugt, dass Werbung, die an Emotionen gekoppelt ist, die die Sinne und das Unterbewusstsein anspricht, zielführend und nachhaltig wirkt“, erklärt Geisberger ihren Zugang.

Durchdachte und ausgeklügelte Strategien und Konzepte sind die Grundlage für gezielte Kommunikation in einer Welt mit mannigfaltigen komplexen Kanälen, findet sie. „Werbung braucht Mut und Querdenker“, ist Geisberger überzeugt, ­genau da ist auch die mit Gold aus­gezeichnete Eigenkampagne angesiedelt, mit der Nexus beim Goldenen Hahn aufzeigt.

Retro-Chic und klare Sprache

Ebenso fokussiert tritt werbereich unter der Ägide von Florian Mainx, eine Agentur, die vor allem Projekte im Web und im Bereich Branding und Corporate Design umsetzt, auf. Mit der Kampagne für die Jedlersdorfer Alm freute sich Mainx mit seinem Team über einen Goldenen Hahn.

Der Kreative fühlt sich in der Region Carnuntum regional verwurzelt. „Aber je überregionaler der Projektflow, desto mehr merken wir auch die Konkurrenz aus dem Wiener Raum“, bemerkt er.

„Konkurrenz belebt natürlich das Geschäft, andererseits ist speziell in schwierigeren Zeiten in unserer Branche eine ­gewisse Kannibalisierungstendenz kaum zu übersehen. Wir versuchen dem mit Einsatz und individuellen, frischen Zugängen sowie viel Flexibilität und gelebter Nähe zum Kunden zu begegnen“, so sein Zugang.

Neben den Schlagwörtern Relevanz und Content erkennt Mainx im kreativen Zugang ein Revival des Retro-Chics, „teilweise mit sehr nostalgischen Zügen“, was er auch auf die aktuelle Stimmung von Mangel und Unsicherheit in der Gesellschaft zurückführt.

Dem will Mainx entgegensteuern mit aktiver, motivierender und positiver Kommunikation unterstützt von der Stärke der Agentur, die auf einer aussagekräftigen klaren Symbol- und Bildsprache fußt. NÖ hat also einiges an vielfältigen Agenturen mit kreativen wie unterschiedlichen Ansätzen zu bieten. Eines wird deutlich: Hier ist eine lebendige Szene mit Zukunft aktiv.

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