,Vermarktung muss auch förderbar sein‘
 

,Vermarktung muss auch förderbar sein‘

Auftakt einer Interviewserie im Vorfeld der Wirtschaftskammer-Wahlen: Birgit Kraft-Kinz, Obfrau der Fachgruppe Werbung in Wien und Kandidatin des Wirtschaftsbundes

HORIZONT: Sie sind seit einem Jahr die Obfrau der Wiener Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation. Ihre persönliche Bilanz fällt wie aus?

Birgit Kraft-Kinz: Also ich finde, es war ein gutes Jahr. Wir haben sehr intensiv daran gearbeitet, die Branche neu auszurichten und ihre Zukunft zu gestalten. Unser Ziel ist, aus den großen Veränderungen, die allgegenwärtig sind, konkrete Business-Chancen für unsere Mitglieder abzuleiten.

HORIZONT: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den anderen Frak­tionen – ist die Stimmung konstruktiver geworden?

Kraft-Kinz: Natürlich ist das ein politisch besetztes Gremium, das heißt auch, dass es ideologische beziehungsweise wertmäßig Differenzen gibt. Das ist ganz normal. Mit unserem Koalitionspartner, der Grünen Wirtschaft, haben wir ein sehr gutes Klima. Der SWV (Sozialdemokratischer Wirtschafts­verband, Anm.) ist in der Vergangenheit sehr kontroversiell aufgetreten, was aber heute nicht mehr so der Fall ist.

HORIZONT: Der Großteil der Mitglieder sind Ein-Personen-Unternehmen – EPU. Von außen hat man den Eindruck, dass Sie deren Anliegen mehr Aufmerksamkeit widmen als dies früher der Fall war …

Kraft-Kinz: Hier geht es einfach um die Realität unserer Branche. Und auch die Einzelunternehmer müssen wirtschaftlich erfolgreich agieren, sonst halten sie es nicht durch. Da setzen wir an, wir wollen alle Mitglieder vertreten – groß und klein, entsprechend ihrer Bedürfnisse qualifizierter und professioneller zu werden. Und wir wollen der gestiegenen Anzahl kleiner Unternehmen auch in der Erstellung unserer Liste für den Fachgruppenausschuss gerecht werden, das heißt, nicht mehr nur Persönlichkeiten aus großen Unternehmen der Branche. Zusätzlich installieren wir ­einen eigenen EPU-Sprecher.

HORIZONT: Was sind eigentlich die zentralen Vehikel für eine Standesvertretung? Man hat den Eindruck, das meiste läuft über Events und Diskussionsveranstaltungen – ist das wirklich effektiv?

Kraft-Kinz: Unsere Mitgliederbefragung hat ganz klar ergeben, dass politische Forderungen für unsere Mitglieder das Wichtigste sind. Aktuell setzen wir ganz stark auf das Thema Abschaffung der Werbeabgabe. Das ist zwar nichts Neues, aber es bedeutet eine Entlastung von 47 Millionen Euro im Jahr allein in Wien, und 100 Millionen in ganz Österreich. Diese Strukturreform ist überfällig. Ein zweites wichtiges Thema, das wir künftig noch stärker nach vorne treiben wollen, lautet: Mehr Rechtssicherheit bei Werk- und Dienstverträgen.

HORIZONT: An der Abschaffung der Werbeabgabe sind schon so viele gescheitert. Wie soll es gehen?

Kraft-Kinz: Es geht um die Schaffung einer breiten Front, etwa gemeinsam mit meinen Kollegen und Kolleginnen aus den Fachgruppen anderer Bundesländer. Parallel dazu habe ich die Präsidentinnen und Präsidenten der freien Branchenverbände, also IAA, DMVÖ und andere, kontaktiert. Ziel muss es sein, mediale Aufmerksamkeit für dieses Anliegen zu bekommen. Laut einer Untersuchung von Eco Austria würden ohnehin rund 40 Millionen Euro wieder zurück an den Staat fließen. Es wäre ein ganz wichtiges Symbol einer längst überfälligen Strukturreform und ein Bekenntnis für den Medien- und Kommunikationsstandort Österreich.

HORIZONT: Ihr erster Wahlkampf steht bevor – wie legen Sie es an?

Kraft-Kinz: Wir wollen die Mehrheit der Fachgruppenmitglieder mit unseren Themen überzeugen und werden jedenfalls unser Bestes geben. Unsere Liste ist fertig. Wir haben auch ein Personenkomitee gebildet mit sehr vielen Unterstützern.

HORIZONT: Was sind die Eckpfeiler ­Ihres Wahlprogramms?

Karft-Kinz: Wir haben fünf Punkte definiert: Erstens, wie bereits erwähnt, die Rechtssicherheit bei Werk- und Dienstverträgen, die in der derzeitigen Form praktisch nicht vorhanden ist, was ein enormes Risiko für Unternehmerinnen und Unternehmer darstellt. Zweitens eben die Abschaffung der Werbeabgabe. Drittens, und aus meiner Sicht ganz entscheidend: Die Digitalisierung beziehungsweise die Professionalisierung unserer Mitglieder im Umgang mit den Folgen und Chancen dieses Paradigmenwechsels. Hier schlummern viele Business-Chancen für unsere Mitglieder, und letztlich geht es da auch um den Wirtschaftsstandort Wien. Außerdem fordern wir, dass bei diversen Förderungseinrichtungen künftig auch Vermarktungsausgaben gefördert werden dürfen. Meistens sind derzeit nur Forschung und Entwicklung förderungswürdig, und die Vermarktung nicht. Das halten wir für falsch – denn was bringt die Ent­wicklung eines tollen Produktes, wenn danach niemand von dessen Existenz erfährt? Fünftens wollen wir die Schaffung eines Bildungsschecks für KMU und EPU, das heißt, dass Weiterbildung gefördert wird.

HORIZONT: Stichwort Digitalisierung. Wie steht es um die Professionalität der Mitgliedsbetriebe in Wien?

Kraft-Kinz: Meine Wahrnehmung ist, dass die Chancen entdeckt werden. Natürlich sind viele schon voll auf dem Thema drauf. Als Fachgruppe haben wir die Initiative des „Digital Fitness Friday“ ins Leben gerufen. Anhand der Reaktionen sehen wir, dass dieses Service gut angenommen wird. Wir müssen es schaffen, dass die Digitalisierung als das wahrgenommen wird, was sie ist, nämlich als riesige Chance.

HORIZONT: Wobei die tatsächliche Wertschöpfung hierzulande noch gering ist … Worauf kann sich ein Kommunikationsdienstleister stürzen, wo er auch mit Digital Geld verdient?

Kraft-Kinz: In drei konkreten Bereichen: In der strategischen Beratung, in der Content-Erstellung und im Videobereich. Da kann man sich super etablieren. Als Fachgruppe haben wir jetzt die Initiative gesetzt, eine Ausbildungsstudie zu machen, das geht auf eine Idee des Ausschussmitglieds Marcus Arige vom SWV zurück. Karin Lehmann und Bettina Pepek setzen das nun um. Hier geht es vor allem darum, herauszufinden, welche Skills und überhaupt welche Formen der Ausbildung von unseren Mitgliedern benötigt werden. Das ist der erste Schritt. Der zweite wird sein, das Thema Ausbildung unter Zuhilfenahme von internationalen Benchmarks abzuleiten, wo und wie sich die Wiener Wirtschaft am besten profilieren kann und welche Akzente in der Ausbildung gesetzt werden müssen.

HORIZONT: In der Fachgruppe ist eine Diskussion um die Anzahl der einzeln definierten Berufsbilder ausgebrochen.  Was erachten Sie als zeitgemäß?

Kraft-Kinz: Es gibt aktuell 14 Berufsgruppen, das sind definitiv zu viele. Zuständig dafür ist der Fachverband, also die österreichweite Interessenvertretung. Er hat die Initiative gesetzt, das zu reduzieren – wir unterstützen das als Wiener Fachgruppe und wollen, dass das wirklich sehr vereinfacht wird. Und ich denke, das wird auch passieren. Ich persönlich halte maximal fünf Berufsgruppen für ausreichend.

HORIZONT: Sie haben sich vor wenigen Jahren auch selbstständig gemacht. Was sind die größten Stolpersteine für Start-ups in der Kommunikationsbranche bei denen die Fachgruppe helfen kann?

Kraft-Kinz: Was jedenfalls gut ankommt, ist unser Gründerservice. Ein ganz wichtiger Punkt ist das Thema Selbstvermarktung, hier gibt es ein sehr großes Potenzial, insbesondere was Positionierung und damit einhergehend Differenzierung betrifft. Betriebswirtschaft und das Thema Pricing sind ebenfalls entscheidend – hier stärken wir unsere Serviceleistungen und werden das noch weiter ausbauen.

HORIZONT: Was hat in der nun zu Ende gehenden Periode nicht funktioniert?

Kraft-Kinz: Was uns besser gelingen muss, ist, die Anliegen unserer Mitglieder in prägnante politische Forderungen zu formen und mit entsprechender Vehemenz zu platzieren. Wir müssen noch genauer hinhören, wo unseren Mitglieder der Schuh drückt, und diese Themen verdichten und weiterreichen, an die Spitze der Wirtschaftskammer und letztlich bis zur Regierung. Unternehmer sind das Rückgrat der Wirtschaft – dieses Bewusstsein muss noch stärker verankert werden. Also werden wir nicht aufhören, das zu erzählen.

HORIZONT: Seitens des SVW gibt es auch immer wieder Kritik an der Vergabepolitik der Fachgruppe selbst.

Kraft-Kinz: Transparenz und Offenheit ist uns wichtig. Wir haben – letztlich auch auf Initiative von Marcus Arige – das Vergabeprozedere komplett neu aufgestellt. Freiwillig, wohlgemerkt, denn unter 100.000 Euro könnte man auch frei vergeben. Wenn wir Aufträge vergeben, schreiben wir die alle auf unserer Website sehr unkompliziert aus. Es kommt dann zu Screening und einer Shortlist. Es gibt eine Abschlagszahlung für die Unternehmen der Shortlist, die nicht zum Zug kommen. Und die Entscheidung wird von einer  Kommission getroffen, in die alle Fraktionen des FG Auschusses entsenden können. Der SWV hat sich aus dieser Kommission nach den ersten zwei Vergaben ausgeklinkt und heftig Kritik geübt. Wobei diese Kritik in der jüngeren Vergangenheit deutlich zurückgegangen ist, was mich sehr freut, weil wir uns wirklich bemühen, alles ordentlich zu machen.
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