'Thema Gratis-Pitch ist überstrapaziert'
 

'Thema Gratis-Pitch ist überstrapaziert'

Interview mit Niklas Duffek und Michael Nitsche - Bereits im März heuerte Duffek als Geschäftsführer bei Nitsche Werbung an. Ein Gespräch über das überraschende Leben auf Agenturseite und die Schuld an mangelnder Wertschätzung durch Kunden

HORIZONT: Im März, also vor mittlerweile einem halben Jahr, hat Niklas ­Duffek hier bei Nitsche Werbung als ­Geschäftsführer die Zelte aufgeschlagen. Sie beide kannten sich aus einer lang­jährigen Agentur-Kunden-Beziehung aus der Zeit als Sie, Herr Duffek, bei der mobilkom für die Marke A1 verantwortlich waren. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie auf die Agenturseite gewechselt sind?

Niklas Duffek: Ich habe im September 2013 nach fünf Jahren das Burgtheater verlassen, ohne ein konkretes Ziel zu haben. Dann kam eine Phase der Sondierung, in der ich mich auch mit Michael Nitsche zusammengesetzt habe. Er hatte das Ziel, die Agentur breiter aufzustellen, und nachdem wir ja über viele Jahre sehr gut und erfolgreich, wenn auch in einer anderen Konstellation, zusammengearbeitet hatten, machte er mir das Angebot, hier als Geschäfts­führer einzusteigen. Dazu habe ich mir Bedenkzeit ausbedungen – und nach zehn Sekunden habe ich ihm zugesagt.

Michael Nitsche: Das ging deshalb so schnell, weil wir beide wussten, dass
wir ein ähnliches Mindset haben, was ­Kommunikation und Markenführung betrifft. Das kommt ja nicht so oft vor …  Mir war es wichtig, Zeit für andere Dinge zu bekommen.

HORIZONT: Wie war die Reaktion bei A1, dem größten Kunden der Agentur, und Ihrem ehemaligen Arbeitgeber?

Duffek: Interessiert und erfreut, aber wir haben das natürlich mit A1 im ­Vorfeld abgestimmt.

Nitsche: Dadurch, dass Niklas in der Zwischenzeit eine mehr als fünfjährige Cooling-off-Phase im Burgtheater hatte, war das auch völlig problemlos.

HORIZONT: Die Arbeitsaufteilung ­zwischen Ihnen läuft wie?

Duffek: Wir wollten ursprünglich zwei Monate lang im Tandem laufen, aber schon nach zwei Wochen hat mir der Michael sehr viel Verantwortung für das Tagesgeschäft überlassen, weil bei ihm andere Projekte schlagend geworden sind.

HORIZONT: Was genau?

Nitsche: Darüber können wir gern bei anderer Gelegenheit sprechen, das würde hier den Rahmen sprengen, und dafür ist es auch noch zu früh. Sie ­kennen mich, ich rede nicht gern über ungelegte Eier. Jedenfalls war es eine glückliche Fügung, dass Niklas so schnell in die operative Führung der Agentur einsteigen konnte.

HORIZONT: Herr Duffek, was waren Ihre großen Erkenntnisse über das ­Leben und Arbeiten in einer Werbeagentur?

Duffek: Was ich auf Kundenseite nie so wirklich realisiert habe, ist, was eine kurze Ansage, ein vermeintlich kleiner Änderungswunsch, für einen Rattenschwanz an Arbeit in der Agentur auslösen kann. Das ist ein ungeheurer Aufwand, der für den Kunden einfach oft nicht sichtbar ist. Das Zweite ist: Man glaubt, die Agentur arbeitet immer nur an der großen Idee. Was da aber alles im ­Hintergrund dafür gearbeitet wird, welche Managementfähigkeiten und Kompetenzen dahinterstecken, damit letztendlich alles präzise und wie am Schnürchen läuft, wird oft ebenfalls komplett unterschätzt. Das war für mich persönlich ein Learning.

HORIZONT: Ist das eine späte Genugtuung, so etwas von einem ehemaligen Auftraggeber zu hören?

Nitsche: Genugtuung ist das falsche Wort, aber es zeigt, wie wichtig es ist, die andere Seite zu kennen und zu ­verstehen. Unsere Kunden erwarten ja zu Recht, dass wir auch ihr Geschäft, ihre Abläufe und Strukturen verstehen. Ich rede mit den Kunden relativ wenig über Werbekampagnen, sondern mehr da­rüber, welche Herausforderungen sie haben, damit wir ihnen dann eine Lösung anbieten, die sie auch wirklich auf den Boden bringen können. Das Wesentliche in diesem Geschäft ist, sich empathisch aufeinander einzustellen und so zu antizipieren, was ein Vorschlag oder eine Idee für die andere Seite wirklich bedeutet.

Duffek: Was mir noch aufgefallen ist, was aber vielleicht damit zusammenhängt, dass sich die Zeiten geändert haben: Ich erlebe die Arbeit in dieser Agentur als sehr uneitles Geschäft. Das war eine freudige Überraschung, weil ich finde, dass Eitelkeit in diesem Geschäft gar nichts verloren hat. Hier arbeiten ­lösungsorientierte Profis ohne Star­allüren. Das Klischee eines hysterisch-glamourhaften Lebens in einer Agentur erlebe ich hier überhaupt nicht.

HORIZONT: Die Agentur Nitsche ist die Versinnbildlichung für den Niedergang der Network-Agentur. Saatchi & Saatchi ging in Österreich wie viele andere Network-Agenturen den Weg alles Irdischen. Der ehemalige CEO Michael Nitsche gründete eine eigene Agentur und startete mit A1, einem der größten österreichischen Werbekunden, mit einer neuen ­eigentümergeführten Agentur auf den Markt. Wie ist die Agentur eigentlich positioniert?

Nitsche: Wir stehen für pragmatische und wohldurchdachte Lösung von komplexen kommunikativen Herausforderungen. Egal ob Telekommunikation, Handel, IT oder Dienstleistungssektor – das sind Bereiche, wo man nicht einfach ein gut designtes Produkt schön abfotografieren und ­einen ­flockigen Text dazustellen kann. Bei uns geht es meist um komplexe ­Serviceleistungen – und das ist der Bereich, wo wir aufgrund unserer 20-jährigen Erfahrung wirklich gut sind. Manches davon ist nach außen hin unspektakulär, wie etwa die Markenpositionierung, die wir mit dem internationalen Softwareunternehmen Emarsys umgesetzt haben. Bei solchen teilweise hochkomplexen Aufgaben sind wir richtig gut.

Duffek: Was wir nicht sind, ist die nächste Agentur, die behauptet: „Wir sind eine 360-Grad-Agentur und bieten alles von Events bis zu Facebook-Werbung an.“ Wir konzentrieren uns auf die Beratung bei Markenaufbau und -führung, für alles Weitere arbeiten wir mit jeweils hervorragenden Spezialisten ­zusammen. Wo wir uns sicher nicht hervortun, ist das Eigenmarketing für die Agentur. Wir gehören bestimmt zu den Leisen der Branche, nicht zu den Lauten. Das ist vielleicht gar nicht so schlau, aber wohl auch eine Frage der Persönlichkeit. Wir sind eine solide Agentur, stellen unsere Mitarbeiter in aller Regel an und betreiben ein ordentliches Unternehmen. Was wir jedenfalls vorhaben, ist, uns als Agentur breiter aufzustellen. Wir sind nicht nur die A1-Agentur und wollen auch in Zukunft nicht so wahrgenommen werden.

HORIZONT: Breiter aufstellen heißt New Business, heißt Teilnahme an ­Pitches. Um jeden Preis? Also auch bei ­Gratispräsentationen …

Nitsche: (lacht) Ich wusste, dass das kommt! Darf ich dazu einmal was ­sagen? Ich halte dieses Thema Gratis-Pitch für ein völlig überstrapaziertes. Diese Branche, das weiß ich jetzt nach monatelangen Gesprächen mit den Chefs anderer Agenturen, hat einige echte Probleme. Die Gratispräsentation und auch die Werbeabgabe sind keine davon. Das sind die falschen Themen!

HORIZONT: Was sind die richtigen?

Nitsche: Wie bekommen wir überhaupt eine Wertschätzung in der Branche? Davor muss sich aber die Agenturszene selbst einmal die Frage beantworten: Wie sieht es denn mit der eigenen Qualität aus? Wie mit Preisdumping? Wie sieht es mit prekären Arbeitsverhält­nissen aus? Wie steht es um die Weiterentwicklung von Mitarbeitern? Das sind die Themen, mit denen sich die Agenturen befassen sollten, und nicht mit Abstandshonorar. Wir haben uns als Branche in den vergangenen Jahrzehnten selbst zum Kasperl gemacht. Wir erzählen andauernd was von lustigen Werbepreisen, feiern tolle Feste, aber wer von den Agenturchefs redet heute noch mit CEOs auf Augenhöhe?

HORIZONT: Wie sieht das bei Ihnen aus?

Nitsche: Bei uns haben die Leute normale Arbeitszeiten und es gibt eine ­geringe Fluktuation. Wir bezahlen die Praktikanten und versuchen, zu ermöglichen, dass Mitarbeiter auch einmal eine Auszeit nehmen können, um sich persönlich weiterzuentwickeln gehen. Ein Kopf der kreativ sein soll, braucht auch geistige Nahrung. Und wir leisten nachweislich gute Qualität und sind dennoch profitabel. Das ist ein solides Unternehmen, und ich möchte mit Kunden arbeiten, die das zu schätzen wissen. Nur, bevor ich diese Wertschätzung einfordern kann, muss ich ­meinen eigenen Laden ordentlich führen.

HORIZONT: Herr Duffek, man erzählt, dass Sie schon als Kunde immer die – durchaus spezielle – Musikauswahl für A1-Spots getroffen haben. Tun Sie das jetzt auch wieder?

Nitsche: Nein, offiziell nicht … (lacht).

Dieses Interview erschien bereits am 12. September in der HORIZONT-Printausgabe 37/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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