,Ruppigkeit ist kein Selbstzweck‘
 

,Ruppigkeit ist kein Selbstzweck‘

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Interview: HORIZONT besuchte DDFG zu einem Gespräch über die Stellung der Agentur, den Mut von Kunden und den fehlenden Ehrgeiz beim Nachwuchs

HORIZONT: Christian Schmid ist seit Mitte Oktober hier Partner und in der Geschäftsführung. Wie kam es dazu?

Christian Schmid: Wenige Tage, nachdem der HORIZONT berichtete, dass ich Ogilvy & Mather verlasse, um mich selbstständig zu machen, hat mich Marco de Felice angerufen und gemeint: Wenn du dich selbstständig ­machen willst, warum nicht bei uns als Geschäftsführer und Partner?

Peter Dirnberger: Wir haben jemanden für die Leitung der Kundenberatung gesucht, nachdem sich Sabine ­leider zunehmend zurückziehen muss. Marco und ich sind ja nach wie vor sehr stark in der Kreation, unsere Stärke ist es, Werbung zu erfinden, und weniger, die Agentur zu managen und die Mitarbeiter zu entwickeln. Durch unsere ­extrem operative Tätigkeit haben wir auch nicht die Möglichkeit, jemanden aus der eigenen Mannschaft über Jahre hinweg zum Partner aufzubauen, daher haben wir jemanden wie Christian gesucht, der eine extreme Erfahrung in der Kundenberatung und bei der Weiterentwicklung von Mitarbeitern vorweisen kann.

Sabine Grüber: Ich werde mich aus ­gesundheitlichen Gründen aus dem ­Tagesgeschäft zurückziehen, und möchte möglichst schnell die operativen Agenden an Christian übergeben. Natürlich bleibe ich als Gesellschafterin dem Management als strategische Beraterin erhalten.

HORIZONT: Die ganze Übung wurde schon einmal unternommen – mit Raffaele Arturo – und hat nicht funktioniert. Was soll jetzt anders werden? Was haben Sie aus der Episode gelernt?

Marco de Felice: Dass die Zusammenarbeit mit Raffaele Arturo nicht funk­tioniert hat, finde ich nach wie vor ­traurig. Letztendlich mussten wir aber akzeptieren, dass seine Sehnsucht nach mehr Unabhängigkeit mit un­serem Verständnis nicht zusammenpasste. Wir haben eine sehr eigene Art zu arbeiten, sowohl was die Kreation als auch die Beratung angeht.

Dirnberger: Im Nachhinein muss man sagen, dass wir bei Raffaele noch nicht bereit waren, jemandem Einfluss zu gewähren, der anders denkt als wir. Heute sind wir diesbezüglich sicher weiter, insofern ist die Zusammenarbeit mit Christian erfolgversprechend. Für uns bleibt aber eines immer wichtig: Wir sind ein sehr überschaubarer Kosmos. Jemand, der hier sehr viel verdient, muss auch sehr viel leisten und ­entsprechende Wertschöpfung bringen. Bei uns kann man sich nicht hinter aufgeblasenen Hierarchiesystemen verstecken, wie in manch anderen Agenturen.

De Felice: Ich denke mir das immer bei den Kampagnen-Geschichten im HORIZONT, wo elendslange Credits angeführt sind. Wie soll sich jemand verantwortlich fühlen, wenn bei jeder kleinen Kampagne gleich einmal vier Kreativdirektoren dabei stehen?

Grüber: Das gilt auch für die Kundenberatung. Ich glaube, gemessen an den Kunden haben wir mit zehn Mitarbeitern die kleinste Beratung Österreichs. Da fällt es sofort auf, wenn man es nicht bringt.

HORIZONT: Herr Schmid, Sie sind also nicht als Weichspüler an Bord gekommen. Haben Sie die notwendige Ruppigkeit, um hier mitzuhalten?

Schmid: (lacht) Ich erlebe das eher als Klarheit. Diese Agentur beherrscht, worauf es in der modernen Werbewelt ankommt. Die Kunden haben in den seltensten Fällen ein Werbeproblem, meistens haben sie ein Businessproblem. Und hier wird ganz direkt und klar daran gearbeitet, wie dieses Businessproblem gelöst werden kann.

Dirnberger: Ruppigkeit ist doch kein Selbstzweck. Wir kämpfen für die ­Sache. Wir wollen nicht von unseren Kunden gelobt werden, weil wir so höflich mit ihnen essen gegangen sind, sondern weil wir ihre Probleme besser lösen als andere. Daher haben wir auch kein Problem mit mangelnder Wertschätzung durch die Kunden, so wie andere Agenturchefs immer wieder lamentieren: Wir erarbeiten uns diese Wertschätzung.

De Felice: Diejenigen, die über die mangelnde Wertschätzung jammern, sind auch die, die sich darüber be­klagen, dass die feigen Kunden keine ­mutige Werbung zulassen; was ein riesiger Blödsinn ist, weil die Agenturen sich gar nicht trauen, den Kunden ­etwas Ordentliches vorzulegen.

HORIZONT: Was ist Ihre größte He­rausforderung derzeit?

De Felice: Das ist ganz sicher der Nachwuchs beziehungsweise die Schwierigkeit, die Jungen zu inspirieren. Das höre ich auch von unseren Kollegen und das ist ja auch außerhalb der Werbebranche ein riesiges Thema. Als wir jung waren, war es unser größtes Ziel, den Chef vom Thron zu stoßen. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Eigentlich sollten uns die Jungen vor uns hertreiben und uns das Leben schwer machen. Stattdessen müssen wir sie antreiben. Es gibt ganz wenige Ausnahmen, die muss man regelrecht anketten …

Grüber: Man darf das gar nicht verurteilen: Die Ziele der Jungen liegen heute ganz woanders. Bei den Bewerbungsgesprächen lautet eine der ersten Fragen immer wieder, wie es mit den Arbeitszeiten aussieht. Wenn wir ­damals diese Frage gestellt hätten, ­wären wir davongejagt worden.

Dirnberger: Und man darf sich auch gar nicht darüber wundern, dass die Jungen heute keinen Ehrgeiz haben und es zu diesem Neo-Biedermeier gekommen ist. Erfolgreich zu sein, etwas zu leisten, womöglich sogar viel Geld zu verdienen – das alles wird heute verachtet. Dabei sollten die Erfolgreichen als Vorbild wahrgenommen werden! Schließlich schaffen sie auch Arbeitsplätze. Die Menschen werden bevormundet, der Staat soll sich um alles kümmern, alles regeln, alles verteilen – kein Wunder, dass sich das auf die Leistungsbereitschaft der Jungen auswirkt.

De Felice: Die Ironie ist: Für Old Boys wie uns ist das gut, denn die machen derzeit das Geschäft. Denn in dieser ­Situation setzen die Kunden lieber auf Erfahrung. Für den Markt insgesamt ist das aber keine positive Entwicklung.

Dieses Interview erschien bereits am 14. November in der HORIZONT-Printausgabe 46/2014. Hier geht’s zur Abo-Bestellung.
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