Rückblick: Eklat im CCA
 

Rückblick: Eklat im CCA

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Im Vorfeld der CCA-Gala 2015 kam es zwischen D,M&B und dem CCA-Vorstand zu einem tiefen Zerwürfnis mit unabsehbaren Folgen

Jetzt ist schon wieder was passiert. Dieser längst legendäre Einstiegssatz aus den Brenner-Romanen von Wolf Haas passt auch zu der nun fol­genden Geschichte. Immerhin war Haas in den frühen Neunzigerjahren Texter bei Demner, Merlicek & Bergmann, jener Agentur, die in den vergangenen Monaten mehrfach für Schlagzeilen sorgte.

Was also ist passiert? Eigentlich nichts Ungewöhnliches, zumindest nichts, was nicht fast jedes Jahr vorkommt. Eine Werbeagentur reicht eine Arbeit zum Wettbewerb des Creativ Club Austria (CCA) ein. Die Jury bewertet diese Arbeit. Ein Jurymitglied merkt an, dass es sich bei dieser Arbeit um ­einen „Doppelgänger“ handeln könnte – so nennt man beim CCA Einreichungen, die eine hohe Ähnlichkeit zu bereits existierenden Arbeiten aufweisen. Der CCA-Vorstand recherchiert, legt der betroffenen Agentur entsprechende Belege zur Stellungnahme vor und bietet ihr an, die betroffene Arbeit von sich aus aus dem Bewerb zu nehmen, bevor es der CCA tun muss. So etwas kommt vor und läuft zumindest in der jüngeren Vergangenheit des CCA stets ohne öffentliche Diskussionen ab. Bis jetzt.

Der große Sieger

Denn in diesem Fall war es nicht ­irgendeine Arbeit und nicht irgendeine Agentur. Das Projekt „Rote Nasen – Red Button“ wurde von Demner, Merlicek & Bergmann in sieben Kategorien eingereicht, unter an­derem in der neu geschaffenen Kategorie „Innovation“. Und stieß bei den Juroren des CCA auf helle Begeisterung, so wie bereits zuvor bei den Cannes Lions, wo es die Arbeit zweimal auf die Shortlist geschafft hat, bei den Epica-Awards (Gold), beim Golden Drum Festival (Gold) oder beim österreichischen webAd (zweimal Gold).

Bei „Red Button“ handelt es sich nicht um klassische Werbung, sondern um eine technologische Mechanik, die es Kunden des digitalen Fernsehanbieters A1 TV erlaubt, mittels der roten Taste auf der Fernbedingung zwei Euro an die „Roten Nasen“ zu spenden. Das Besondere und – laut Einreichung – Neue an der Lösung: Keine Kreditkarte, keine ­Kontoüberweisung, sondern ein ­nahtloser Spendenvorgang ohne Medienbruch. Die Arbeit wurde mittels eines hervorragenden Einreichvideos präsentiert, war drauf und dran, der Abräumer des CCA-Jahrgangs 2015 zu werden und dafür zu sorgen, dass D,M&B einmal mehr die erfolgreichste Agentur im Wettbewerb um die begehrte Venus wird. Doch es sollte anders kommen.

Doppelgänger-Verdacht

Ein Jurymitglied merkte gegenüber dem Juryvorsitzenden an, bei dieser Arbeit würde es sich um einen Doppelgänger handeln. Der Vorstand ­recherchierte und fand einige Beispiele, die er der Agentur zur Stellungnahme vorlegte. Und hier wird es ein wenig kompliziert. Denn die „Beweisstücke“, die zunächst als Belege für eine Doppelgängerschaft vorgelegt wurden – darunter auch eine Arbeit für die Roten Nasen in England aus dem Jahr 2003 – unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von der D,M&B-Arbeit: Anstatt gleich und ohne Medienbruch spenden zu können, gelangte man lediglich zu einer Informationsseite über die unterschiedlichen Spenden­möglichkeiten. Die Abrechnung der Spende erfolgte dann über die Kreditkarte oder eine Überweisung, nicht aber über die Monatsrechnung des Digital-TV-Anbieters.

Später erst entdeckte der CCA-Vorstand Presseberichte über Projekte, die eine Spendentransaktion über die Abrechnung des TV-Providers ermöglichen sollten. Inzwischen hatte der CCA-Vorstand entschieden, die Arbeit „Rote Nasen – Red Button“ aus dem Bewerb auszuscheiden, und zwar aus drei Gründen: Die Beschreibung im Einreichvideo sei „inhaltlich falsch“ gewesen, denn diese Lösung sei nicht erstmals entwickelt worden. Zweitens und darauf aufbauend, wäre diese Arbeit nicht innovativ, und drittens handle es sich dabei um einen Doppelgänger. Wobei CCA-Präsidentin Gerda Reichl-Schebesta betont, man würde der Agentur „in keiner Weise den Vorwurf machen, die Jury wissentlich täuschen zu wollen“. Aber es habe sich nun einmal herausgestellt, dass diese Arbeit nicht das eingelöst hat, was in der Einreichung versprochen wurde.

Ein radikaler Schritt

Die Agentur Demner, Merlicek& Bergmann reagierte prompt und reichlich radikal: Sie zog gleich sämtliche eingereichten Arbeiten aus dem Bewerb zurück und ...

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... die elf CCA-Mitglieder bei D,M&B sprachen dem CCA-Vorstand ihr Misstrauen aus. Darüber hinaus legte der D,M&B-Kreative Alistair Thompson sein Vorstandsmandat im CCA zurück. Warum dieser bislang einzig­artige Schritt? Die Agentur fühlt sich vom CCA-Vorstand unfair und unprofessionell behandelt und sieht ihre bereits mehrfach ausgezeichnete Arbeit mit „lapidaren Doppelgänger-Vorwürfen“ desavouiert, die erstens nicht, so wie in den Statuten vorgesehen, fristgerecht innerhalb von drei Tagen nach der erstmaligen Verdachtsäußerung nachgewiesen wurden und zweitens nur anhand von Presseartikeln, ohne die Vorlage der Originalarbeiten erfolgte.

Ein Vorwurf, dem der CCA-Vorstand in einer kurzfristig einberufenen ­Pressekonferenz am Freitag, dem 13. März, damit begegnete, dass es bei solchen Kommunikationslösungen keine Originalarbeiten im klas­sischen Sinn gebe, weil es sich ja um technologische Applikationen handle. Schließlich hätte auch die Agentur Demner, Merlicek & Bergmann das Projekt mit einem Video eingereicht. Und außerdem gelte diese Drei-Tagesfrist für die Beweis­erbringung eines Doppelgänger-­Verdachtes nur für Jurymitglieder, nicht aber für den CCA-Vorstand selbst.

Frisches Öl ins Feuer

Bei dieser Pressekonferenz saßen CCA-Präsidentin Gerda Reichl-Schebesta, Vizepräsident Edmund Hochleitner, der Verbandsgeschäftsführer Hans Feik sowie die Vorstandsmitglieder Dieter Pivrnec und Michael Dobesch drei Fachpresse-Vertretern gegenüber. Und sie trug nicht dazu bei, dass sich die Wogen zwischen Österreichs größter Werbeagentur und dem Verband der Kreativen glätten würden.

Demner zu HORIZONT: „Nachdem die Arbeit bei so vielen internationalen Wett­bewerben ausgezeichnet wurde und fast acht Monate vergangen sind, ohne dass von irgendwo Einwände gekommen sind, macht dieses verschwitzte, hektische Graben nach Indizien keinen schlanken Fuß. Besonders nicht, wenn nach dem Vorstandsbeschluss nur für eine Pressekonferenz weiter gebuddelt wird und der Einreicher zuvor – entgegen aller Praxis – nicht mit diesem Material konfrontiert wurde.“

Der CCA-Vorstand räumt ein, dass er auf manche Belege gestoßen sei, erst nachdem er die Agentur um Stellungnahme gebeten hatte, besteht gleichzeitig aber darauf, dass er absolut korrekt und gemäß den Statuten und dem Reglement des Wettbewerbs gehandelt hat und lässt wissen: „Der Vorstand war nach den fairen Regeln verpflichtet, diese Arbeit auszuscheiden. Dies war schon deshalb notwendig, um die Qualität des Wettbewerbs zu garantieren.“ Zudem bedauert und kritisiert er die Entscheidung der Agentur, alle Arbeiten aus dem Bewerb zurückzuziehen, vor allem aber schreibt er diese Entscheidung alleine Mariusz Jan Demner zu.

In der Presseerklärung heißt es: „Wir bedauern, dass er (Demner, Anm.) damit über alle Personen, die an den vielen Arbeiten mitgewirkt haben, entscheidet, und bedauern, dass diese um ihre Bühne umfallen. Dies gilt insbesondere für den inzwischen aus der Agentur ausgeschiedenen Franz Merlicek.“ Dieser Satz war für Demner und sein Team die nächste Provokation.

Demner-Mitarbeiter fassungslos

In einem offenen Brief wenden sich die elf CCA-Mitglieder der Agentur am Montag, dem Tag vor der großen CCA-Verleihung im Wiener Konzerthaus, an den Vorstand. Darin heißt es: „Vollends fassungslos macht der Versuch des CCA-Vorstands, einen Keil zwischen Geschäftsleitung und Kreative der Agentur zu treiben, indem so getan wird, als ob der Entschluss nur von Mariusz Jan Demner stammte und die elf anderen CCA-Mitglieder bloß willfährige Ausführende wären.“ Und weiter: „Völlig disqualifizierend die peinliche Inanspruchnahme von Franz Merlicek, als ob das Sache des CCA und nicht eine ausschließlich interne Angelegenheit der Agentur wäre.“

Im Raum steht die Mutmaßung D,M&B habe sich deshalb ganz aus dem Wett­bewerb zurückgezogen, weil die erfolgsgewohnte Agentur ohne die Venus-Trophäen für die Roten Nasen im „Medaillenspiegel“ der diesjährigen CCA-Gala irgendwo zwischen Platz fünf und zehn gelandet wäre.

Demner dazu gegenüber HORIZONT: „Der Schelm – also jene, die das verbreiten – ist, wie er denkt: ­Haben wir in früheren Jahren zurückgezogen, wenn wir unter ferner liefen gelandet sind?“

Fest steht: Der Graben zwischen D,M&B und dem Verband der Kreativen wird nicht so bald zu über­winden sein. Eine Annäherung zwischen CCA-Vorstand und Agentur scheint derzeit völlig aussichtslos. Im offenen Brief schreiben die D,M&B-Kreativen: „Solch einen Vorstand hat der CCA nicht verdient. Dessen Verhalten bedroht Ansehen und den weiteren Bestand des CCA als führende Plattform zur Förderung der kreativen Standards unserer Branche.“

Dem kontert CCA-Präsidentin Reichl-Schebesta: „Da der Vorstand als Exekutivorgan des CCA die Aufgabe hat, die Interessen aller Mitglieder wahrzunehmen, ist er zu einem unparteiischen, objektiven Verhalten verpflichtet. Auch im gegenständlichen Fall war es deshalb geboten, statuten­gemäß vorzugehen. Der Vorstand weist alle Vorwürfe zurück und bedauert das Verhalten des Einreichers.“ Wie es weitergehen wird, wird der CCA-Vorstand mit den Club-Mitgliedern gemeinsam und intern diskutieren.

Dieser Bericht erschien bereits am 20. März in der HORIZONT-Printausgabe 12/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.
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