Plädoyer gegen das Hackl im Kreuz
 

Plädoyer gegen das Hackl im Kreuz

Liz Hall
Marcus Mandl
Marcus Mandl

Gastkommentar von Marcus Mandl, Geschäftsführer der Online-Agentur Third Man, die im Dezember als eine von zwei geladenen Agenturen aus Österreich beim internationalen Netzwerktreffen „Digital Podge“ in London dabei war

Der "Digital Podge" 2015 im Dezember in London hat mir wieder einmal verdeutlicht: Es geht auch anders. Konkurrenten müssen sich nicht gegenseitig das Hackl ins Kreuz werfen. Man muss nicht das Blaue vom Himmel herunterschwindeln. Man kann auch zugeben, dass man nicht für jedes Problem eine Lösung hat. Man kann sich ehrlich austauschen und voneinander lernen. Im Endeffekt haben doch alle mit denselben Problemen zu kämpfen: Mitarbeiter finden und halten, unfaire Pitches, Rückschläge, Freunderlwirtschaft, Zahlungsausstände.

Beim heimischen Netzwerken wird fleißig rosa gefärbt: Jeder hat die besten Kunden, die schönsten Mitarbeiter. Zahlungsmoral der Kunden? Auftragslage? Alles Bestens! So schnell hat man sich das Namenskärtchen nicht angesteckt, ist man im ersten, unfreiwilligen Verkaufsvortag.

Der Branche täten Netzwerktreffen gut, die es zwangloser und ehrlicher angehen. Den Podge von Phil Jones könnte man sich getrost als Vorbild nehmen. Phil Jones folgte dem Bedürfnis, sich mit Leuten zu umgeben, die auf dem gleichen Niveau im gleichen Bereich arbeiten. In den Anfangsjahren (vor ca. 20 Jahren) bekochte er die Kollegen bei sich zu Hause (podge, engl. = Bäuchlein, Dickerchen). Mittlerweile ist der Kreis auf 250 Personen aus mehreren Ländern angewachsen und man isst und unterhält sich extern. Man trifft sich zu Mittag zum Lunch und trennt sich in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Einfach gutes Essen, gute Gespräche, Leute kennenlernen, Spaß haben. Kein aufwändig inszeniertes Programm, keine Reden, keine Selbstbeweihräucherungen.

Der Austausch ist extrem ehrlich und folglich auch extrem konstruktiv. Das Grundverständnis ist: Es geht doch allen gleich. Wachsen können wir nur, wenn wir uns gegenseitig unterstützen. Und: Es ist genug für alle da. Natürlich - England, der englischsprachige Raum, das ist ein viel größerer Markt - aber es gibt auch bei uns genug für alle. Und auch uns täte gegenseitige Unterstützung und konstruktiver Austausch gut: Wie geht es den anderen mit der Generation X? Wie halten die anderen es mit unbezahlten Pitch-Leistungen? Spüren sie die Krise? Welches Maß an persönlichem Einsatz ist für das Unternehmen gesund?

Letztendlich sitzen wir alle im gleichen Boot. Letztendlich scheint bei allen nicht immer die Sonne. Und von konstruktivem Austausch würden wir alle profitieren. Wir brauchen einen neuen Geist bei unseren Netzwerktreffen. Eigentlich auch ein neues Format. (Wir denken darüber nach.)

Gastkommentar von Marcus Mandl
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