Nachwuchssorgen
 

Nachwuchssorgen

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 46/2014)

Auf Seite 18 der HORIZONT-Ausgabe 26/2014 finden Sie ein Interview mit Sabine Grüber, Peter Dirnberger und Marco de Felice, den Gründern von DDFG, sowie ihrem neuen Partner Christian Schmid, der seit Mitte Oktober in der Geschäftsführung der Agentur sitzt. Das Interview ist dazu angetan, zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht will es sich die geneigte Leserschaft zuerst zu Gemüte führen und dann hierher zurückkommen? Falls nicht: Die Chefs einer der heißesten Werbeagenturen des Landes gehen mit der Jugend hart ins Gericht. Kein Ehrgeiz, kein Fleiß und überhaupt.

Vier Tage später ist Dieter Klein, Gründer der Filmproduktionsfirma PPM zu Gast in der HORIZONT-Redaktion. Er feiert dieser Tage mit der PPM den 25. Geburtstag, was den Anlass für ein Interview samt Rückschau über die großen Veränderungen in der Branche bot. Das Interview finden Sie in der kommenden Ausgabe dieser Zeitung, aber eines sei schon hier verraten: Klein schwärmt von den Jungen, den Hungrigen, die ihn fordern und jung halten. Zugegeben, der Anteil derer, die wirklich Gas geben, ist nicht so groß wie früher, aber: Sie sind da. Was hat bei der PPM funktioniert, was bei DDFG offenbar nicht funktioniert hat? Nun sollte man Ferndiagnosen tunlichst vermeiden, aber aus den Erzählungen aus beiden Unternehmen kristallisiert sich ein Verdacht: Es geht um Empowerment, und ich bitte die Leser diesen blöden Anglizismus zu verzeihen, zu Deutsch wäre das „Ermächtigung“, was nicht ganz so funktioniert. Klein erzählt, dass er seinen Leuten immer schon große Freiheiten und Selbstständigkeit eingeräumt habe, auch wenn damit – manchmal durchaus schmerzhafte und folgenschwere – Fehler einhergingen. Nach 25 Jahren sagt er, das hätte sich mehr als ausgezahlt. Dirnberger, Grüber und de Felice dagegen sagen ganz offen, dass ihre Organisation es nicht erlaubt, dass sich ein ­Mitarbeiter über Jahre hinweg bis zum Partner entwickeln kann. Genau diese Perspektivenlosigkeit könnte der Grund dafür sein, dass der Nachwuchs die Chefs so zu enttäuschen vermag. Delegieren, Loslassen, Vertrauen – diese Grundsätze sind für die Motivation von Menschen in kreativen Berufen von besonderer Bedeutung, und aus diesem „Empowerment“ entsteht Hunger auf mehr Erfolg.

Kein Zweifel: Die Einstellung der Jugend zu Arbeit, Beruf und Karriere hat sich verändert. Intrinsische Motivation ist um ein Vielfaches wichtiger und gleichzeitig viel schwieriger zu erreichen. Ein fetter Dienstwagen reizt niemanden mehr. Ein Fantasie-Titel auf der Visitkarte ebenso wenig. Doch sind die Jungen deshalb gleich vollends verloren? Ich denke nicht. Sie erwarten sich Vertrauen und Wertschätzung. Und das verdienen sie auch.
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