‚Man muss sich selbst der Nächste sein‘
 

‚Man muss sich selbst der Nächste sein‘

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Der Österreicher Lukas Grossebner ist Executive CD bei Heimat Berlin, gilt als Enfant terrible der Branche und lässt an so manchen heimischen Agenturgrößen kein gutes Haar

HORIZONT: Herr Grossebner, Sie wurden kürzlich vom Magazin Directory auf Platz 29 der Top 50 Executive Creative Directors im Big Won Ranking platziert. Ein großer Erfolg, oder? 

Lukas Grossebner: Ja, darüber freue ich mich sehr. Auch wenn ich eigentlich auf 14 wäre, da man die VW-Arbeit von uns zu zählen vergessen hat. Dennoch, dieses Ranking ist ein Gradmesser für die Kreativideen in der Branche und es ist wirklich eine Ehre, mit Leuten wie Susan Hoffman von Wieden+Kennedy aus Portland, die großartige Arbeiten wie „Thank You, Mom“ verantwortet hat, im Big Won Ranking auf demselben Platz zu sein. Was natürlich nicht bedeutet, dass wir mit Wieden auf Augenhöhe sind – diese Agentur wird immer über allen stehen. Dass wir uns dennoch – Peter Mayer und Mike Nagy, mein Team von DDB Wien, sind ja unter den Top 50 Art Directors platziert – aus dem kleinen Land Österreich verewigen konnten, ist schon ein Grund, stolz zu sein.

HORIZONT: Bevor Sie sich offiziell als einer der Top-ECDs bezeichnen durften und im Winter 2014 in dieser Position zu Heimat Berlin gestoßen sind, haben Sie aber einiges an Erfahrung bei österreichischen Werbeagenturen gesammelt …

Grossebner: Neben meinem Philosophiestudium habe ich immer wieder für Zeitungen wie den Kurier, die Furche oder The Message gearbeitet, ehe ich mich nach meinem Abschluss bei Traktor beworben habe. Ich hatte dort eine lustige Zeit, aber das war für mich damals keine Werbeagentur auf ­einem professionellen Level. Daraufhin bin ich zu Demner, Merlicek & Bergmann gegangen und das war schrecklich.

HORIZONT: Inwiefern war das denn so schrecklich?

Grossebner: Mir wurde dort permanent zu verstehen gegeben, dass ich das, was ich mache, überhaupt nicht kann. Mein Stil war einfach ein anderer, als der, der bei D,M&B regiert und den man in den Achtzigerjahren als gute Werbung befunden hat. Meine Zeit dort war eine relativ würdelose Angelegenheit – für mich und für meinen Arbeitgeber. Jungen Menschen gerade so viel zu zahlen, dass sie sich über Wasser halten können und dennoch zu erwarten, dass sie rund um die Uhr arbeiten, ist ein Relikt der Vergangenheit. Einer sehr dunklen, wohlgemerkt. Daher bin ich anschließend zu Jung von Matt gewechselt.
  
HORIZONT: Wie ist es Ihnen dort gegangen?

Grossebner: Bis zu einem gewissen Grad hat der Wechsel für mich damals einen Sinn gemacht, weil ich endlich beginnen konnte, Dinge so zu machen, wie ich sie für richtig halte, und so habe ich auch meine ersten Preise gewonnen. Als junger Mensch wird einem ja immer wieder gesagt, dass Preise das Allerwichtigste sind. Das stimmt zum Teil natürlich, denn so wird man für andere Agenturen auch sichtbar. Nach einem Jahr habe ich mit meinem damaligen Partner Dian Warsosumarto Jung von Matt verlassen, weil wir bei DDB Tribal Wien die Chance bekommen haben, TV-Spots zu machen, was ja nicht gerade die Kernkompetenz von Jung von Matt/Donau ist. Wenn ich etwas aus meiner Zeit bei Demner gelernt habe, dann eines: Man muss sich selbst in der Werbung immer der Nächste sein, schauen, was einen persönlich weiterbringt. Wenn man nichts mehr lernen kann, dann weg – und das habe ich schlussendlich auch getan.

HORIZONT: Bei DDB Wien haben Sie sich dann also endlich zu Hause gefühlt?

Grossebner: Wir haben, nachdem ich zur Agentur gestoßen bin, relativ schnell T-Mobile gewonnen und für diesen Kunden Arbeiten gemacht, die weit über dem vorherigen Niveau lagen, ebenso wie für McDonald’s – vor allem dann nach zwei Jahren, als ich kreativ alleinverantwortlich war. Das System bei DDB war strukturiert, hat sehr gut funktioniert, und Leute wie Peter Mayer, Mike Nagy, Thomas Troppmann und ich hatten dieselbe Vision, wie Arbeiten aussehen müssen – das hat uns dann auch zum Erfolg geführt. Wirklich wertvoll war aber auch das Feedback seitens des Netzwerkes, das wir immer wieder erhalten haben, mitunter direkt von Jeremy Craigen von DDB London oder auch von Amir Kassaei, dem Chief Creative Officer DDB Worldwide. Diese Möglichkeit hat man bei inhabergeführten Agenturen wie D,M&B nicht, und auch bei Jung von Matt wurde diese Option nie wirklich genutzt.  

HORIZONT: Um noch einmal auf die Preise zu sprechen zu kommen – wie dezidiert haben Sie auf Awards hingearbeitet?

Grossebner: Mit Goldarbeiten zeigen Agenturen, was möglich wäre, wenn man dürfte, wie man wollte – das ist wie unser Genfer Autosalon. Jeder Werber, der dennoch sagt, dass er keine Goldarbeiten macht, lügt schlichtweg. Deswegen habe ich mich auch sehr über Volkmar Weiss’ Aussagen zu unseren Cannes-Gewinnen im letzten Jahr geärgert, als er meinte, Jung von Matt würde nur „echte“ Arbeiten machen. Ich war bei vielen Agenturen und kann Ihnen sagen: Es gibt bei D,M&B eine Goldrunde, ebenso wie bei Jung von Matt oder auch bei DDB Wien. Bei DDB ist das Niveau allerdings ein ganz anderes, weil dort, wie schon erwähnt, das Netzwerk genutzt wird, um Feedback zu erhalten. Wenn Eric Schöffler, Jeremy Craigen oder Amir Kassaei von einer Idee begeistert waren, konnten wir uns dann auch relativ sicher sein, dass sie Preise gewinnen wird.

HORIZONT: Heißt das, der goldene Löwe in Cannes 2014 war somit keine so große Überraschung? 

Grossebner: Ich sage mal so: Wir wussten, damit werden wir gewinnen, auch wenn man nie mit einem goldenen Löwen rechnen kann, immerhin war die Konkurrenz groß. Unterm Strich kann ich über das System bei DDB also nichts Schlechtes sagen. Ich bin dann allerdings gegangen, denn irgendwann war bei mir der Ofen aus, was die gemeinsame Vision betrifft. Etwas problematisch war auch der Kulturunterschied zu einigen Mitarbeitern in der Agentur, die noch mit dabei waren, als DDB Wien sich noch Czerny, Celand, Plakolm (CCP) genannt hat. Diese Kollegen hatten dementsprechend alte Verträge, haben für mehr Geld weniger gearbeitet und uns das mit Sprüchen wie „Ihr wisst vielleicht, wie man Preise gewinnt, aber wir wissen, wie man Geld verdient“, unter die Nase gerieben.  

HORIZONT: Wie hat es sich dann ergeben, dass Sie zu Heimat Berlin gestoßen sind?

Grossebner: Ich war schon einmal für einige Monate als Creative Director tätig, ehe mir DDB das Angebot gemacht hat, als Geschäftsleiter zu fungieren, dem konnte ich zum Glück nicht widerstehen. Jetzt bin ich als ECD bei Heimat, da mir die Geschäftsführer Matthias von Bechtolsheim, Guido Heffels und Andreas Mengele eine Perspektive in Aussicht gestellt haben, über die ich zwar noch nicht sprechen kann, aber die für mich sehr attraktiv ist. Die drei sind außerdem große Vorbilder für mich, denn sie haben Springer & Jacoby vor 15 Jahren verlassen und zu dritt eine sehr erfolgreiche Werbeagentur gegründet, die 2014 an TBWA verkauft wurde. Ihr Name steht unten an der Tür – das muss das Ziel sein. Immer.

HORIZONT: Wofür sind Sie bei Heimat Berlin nun verantwortlich?

Grossebner: Ich habe die Leitung der Hornbach-Unit übernommen. Eine sehr intensive Arbeit und auch anders, als ich es bisher gewohnt war. Ich bin ein sehr rationaler Mensch und gehe immer von einem kommunika­tiven „Problem“ aus, das man lösen muss, während der Kreativchef Guido Heffels mir immer wieder sagt „Mach einfach was Geiles. Wirf alles weg und mach das, was du spürst.“ Das kann schon eine Herausforderung sein, vor allem, wenn man aus engen Systemen und Korsetten kommend zu Heimat Berlin stößt. Das ist eine Umstellung, mal sehen, wie mir das gelingt. Ich mache mir da heute viel weniger Druck als früher. Dieser permanente Drang, es sich und allen anderen beweisen zu müssen, ist geringer geworden. Man hat im Schnitt 75 Jahre auf dem Planeten, man sollte nicht ein und dasselbe Jahr 75-mal leben. Nach der Maxime versuche ich zu leben und zu arbeiten, oder, wie im Falle von uns Werbern, Arbeit-leben.  

HORIZONT: Wie unterscheidet sich die deutsche Kreativszene sonst noch von Österreich? 

Grossebner: Man nimmt sich hier viel mehr Zeit – für das Kreativkonzept von großen Kunden haben wir hier ein halbes Jahr Zeit, das könnte man sich in Österreich gar nicht vorstellen. Das ist gut und schlecht zugleich, denn der Zeitdruck hilft einem oft, Entscheidungen zu treffen. Für die Produktionsqualität ist das Mehr an Zeit und auch Budget natürlich wahnsinnig toll. Einfach und schnell überlegt ist hier nichts. Zumindest nicht bei Heimat, was natürlich auch sehr anstrengend sein kann. Ansonsten kochen auch alle nur mit Wasser.

HORIZONT: Abschließend – welche drei Ratschläge würden Sie jungen Kreativen geben, die sich in der Branche beweisen wollen?

Grossebner: Als erstes würde ich ­sagen: Natürlich ist es ein tolles Gefühl, in Cannes auf der Bühne zu stehen und einen goldenen Löwen in Händen zu halten, aber es ist auch wichtig, den Jungen zu vermitteln: Preise sind nicht in erster Linie unser Beruf, sondern ein immer geringer werdender Teil davon. Unsere Aufgabe ist es, gute Kommunikation für Kunden zu betreiben, die Probleme damit haben, ihre Produkte zu erklären oder zu verkaufen. Man muss hier ein gesundes Verhältnis entwickeln. Preise sind toll, aber stolzer bin ich auf einige der Spots, die im Fernsehen gelaufen sind, wie etwa der „Evolution“-Film für T-Mobile.
Zweitens: Man darf sich nicht von denen ausnutzen lassen, die seit Jahren da oben sitzen und nicht daran ­denken, den Platz mal zu räumen. Man muss sich immer sagen – die ­brauchen mich mehr, als ich sie, denn wirklich arbeiten wollen die alle ­ohnehin nicht mehr. Und drittens: Es schadet außerdem nie, seine Meinung zu sagen. Ich habe das immer gemacht und gelte deswegen irgendwie als Enfant terrible der Branche. Viele in Österreich sagen: „Der Grossebner ist ein Arschloch, aber er ist der Beste, in dem, was er macht“ – und Letzteres ist mir definitiv wichtiger als Ersteres.
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