Kritik vom Fachverband - Erste Group antworte...
 

Kritik vom Fachverband - Erste Group antwortet

Offener Briefwechsel in Sachen Erste-Pitch

In einem offenen Brief - veröffentlicht in HORIZONT 37/2009 - übt Peter Drössler, der Obmann des Fachverbands Werbung und Marktkommunikation, Kritik am aktuellen Pitch zur Vergabe des Werbe-Etats der Erste Group.





Drösslers Brief an Andreas Treichl, den CEO der Erste Group, im Wortlaut:



Sehr geehrter Herr Mag. Treichl,



der Fachverband Werbung und Marktkommunikation in der Wirtschaftskammer Österreich drückt namens seiner Mitglieder Kritik am aktuellen Pitch zur Neuvergabe des Werbe-Etats der Erste Group aus.

Unser Verband ist die gesetzliche Interessenvertretung der heimischen Werbe- und Kommunikationsbranche und zählt mit seinen rund 25.000 Mitgliedern zu den fünf größten in der Verbandslandschaft der WKÖ. Nach Informationen aus Mitgliederkreisen und den in diversen Printmedien erschienenen Artikeln dazu möchten wir Sie darüber informieren, dass das Vorgehen rund um den aktuellen Pitch der Erste Group in der österreichischen Werbebranche sehr heftig diskutiert wird. Dieser Vergabeprozess wird von vielen Seiten geradezu als „moralisch unangemessen“ bezeichnet:



1. Die Erste Group ist ein Flaggschiff der österreichischen Wirtschaft. Die Erste Group ist einer der größten österreichischen Werbespender. Derzeit vergibt die Erste Group einen Werbe-Etat für Österreich und sieben mittel- und osteuropäische Staaten (Austria & CEE). Es gibt in Österreich nicht viele Werbebudgets, die in dieser Größenordnung von privaten Unternehmen vergeben werden. Aber:



2. Am 28. August 2009 hat die Erste Group vier Shortlist-Finalisten fixiert. Der Auswahl war ein Agentur-Screening-Prozess vorausgegangen. Ergebnis ist jedenfalls, dass sich auf dieser Shortlist zwei deutsche Agenturen (Hamburg/Berlin) befinden. Auch deren Netzwerksteuerung in CEE erfolgt nicht aus Wien. Die österreichische Werbebranche fürchtet, dass dieser wichtige Werbe-Etat in dieser schwierigen Zeit ins Ausland abfließen wird.



3. Selbstverständlich ist es einem privaten Unternehmen unbenommen, sich seine Geschäftspartner frei zu wählen. Ein österreichisches Vorzeige-Unternehmen wie die Erste Group hat jedoch eine wirtschaftspolitische und volkswirtschaftliche Verantwortung für den gesamten Unternehmer-Standort Österreich. Das wurde gerade auch zuletzt im Zuge der öffentlichen Diskussion rund um die Konjunkturprogramme der Österreichischen Bundesregierung vielfach diskutiert. Umso schwieriger ist es, nachzuvollziehen, warum österreichische Agenturen, die einen wesentlichen Beitrag zur Wertschöpfung in Österreich und damit zur Sicherung wichtiger Arbeitsplätze leisten, bei der Vergabe unbeachtet bleiben. Dass sich österreichische Agenturen hinsichtlich der Qualität der Kreation, der strategischen Kompetenz und ihrer Netzwerksteuerung in CEE durchaus auf internationalem Niveau bewegen, belegen nicht zuletzt zahlreiche internationale Awards, die diese Agenturen Jahr für Jahr bei renommierten internationalen Festivals gewinnen.



4. Die Erste Group hat im Zuge der Bewältigung der Wirtschafts- und Finanzkrise Staatshilfe in Milliardenhöhe in Anspruch genommen. Der Fachverband Werbung und Marktkommunikation vertritt die Auffassung, dass die Erste Group auch vor diesem Hintergrund eine moralische und wirtschaftliche Verantwortung gegenüber dem österreichischen Steuerzahler und der österreichischen Wirtschaft – einschließlich der österreichischen Werbewirtschaft – wahrzunehmen hat. Wenn Schlüssel-Etats ins Ausland abwandern, werden hochwertige Arbeitsplätze in Österreich gefährdet.



5. Andere österreichische Parade-Unternehmen zeigen erfolgreich, wie es mit österreichischen Agenturen und international agierenden Netzwerken als Unterstützung möglich ist, in Österreich und auf internationalen Märkten – insbesondere in Mittel- und Osteuropa – zu bestehen.

Heimische Agenturen haben entscheidenden Anteil daran, dass sich Österreich als hochentwickelter Kreativmarkt etabliert hat. Wir bitten Sie zu bedenken: Österreichische Banken und österreichische Agenturen sitzen im selben Boot. Beide Branchen sind moderne Dienstleister, die eine wichtige wirtschaftspolitische Rolle einnehmen.



Verstehen Sie, sehr geehrter Herr Dr. Treichl, unseren moralischen Appell in obigem Sinne.



Mit besten Grüßen,


Dr. Peter Drössler, Obmann Fachverband Werbung




Die Erste Group ließ mit einer Antwort nicht lange auf sich warten: Philip List, Marketingleiter der Erste Group schreibt an Drössler:



Sehr geehrter Herr Doktor Drössler,



Herr Mag. Treichl hat mich gebeten, zu Ihrem Brief Stellung zu nehmen.



Ihr „Offener Brief“ ist als „moralischer Appell“ formuliert.

Sie fordern darin, was wir ohnehin erfüllen.


Aber nicht, weil wir „moralisch“ sind, sondern weil wir mit wirtschaftlicher Vernunft handeln.



Zusammenfassend schreiben Sie:




„...österreichische Paradeunternehmen zeigen erfolgreich, wie es mit österreichischen Agenturen und international agierenden Netzwerken als Unterstützung möglich ist, in Österreich und auf internationalen Märkten ... zu bestehen“.





Die von uns zum Wettbewerb eingeladenen Unternehmen entsprechen aber Ihrer Definition:

es sind österreichische Agenturen (Mitglieder in Ihrem Fachverband) und deren internationale Netzwerke.





Wie schon in den vergangenen Jahren, finden unsere Marketingaktivitäten auch, aber nicht nur in Österreich statt.

94% unserer Kunden leben in der Europäischen Union. Daraus zu folgern, dass „...ein wichtiger Werbeetat ... ins Ausland abfließt“ ist vollkommen falsch.

Im Gegenteil: da die strategische Führung unserer Aktivitäten in Österreich erfolgt, werden hier Arbeitsplätze gesichert oder geschaffen.

Selbstverständlich wird der österreichische Teil des Etats weiterhin in Österreich bleiben, so wie der tschechische in Tschechien und der ungarische in Ungarn bleiben wird.





Aus unserer Sicht geht die Argumentation Ihres offenen Briefes völlig ins Leere. Ganz im Gegenteil, sie lassen völlig unerwähnt, dass unsere Ausschreibung langjährige Forderungen Ihrer Fachgruppe erfüllt (beziehungsweise sogar darüber hinaus geht).





1. Das Verfahren ist transparent und folgt festen Regeln die für alle gelten.


2. Es folgt weiters klaren Compliance-Prinzipien, die schriftlich vorliegen.


3. Die Präsentationen werden bezahlt (da Sie eine Kampagne „Gegen Gratis“ initiiert haben, müssten gerade Sie diesen Punkt begrüßen).





Wir finden es auch schade, dass Sie als Vertreter einer Fachgruppe, die sich mit Kommunikation beschäftigt, vor der Veröffentlichung eines offenen Briefes nicht den Dialog suchen. Wir laden Sie aber herzlich zu einem Gespräch ein, in dem wir Ihnen die Details der Ausschreibung gerne erklären und Ihnen auch die bisherigen Abläufe zwischen den einzelnen Ländern unserer Gruppe und den jeweiligen Agenturen näher bringen.





Mit besten Grüßen





Mag. Philip List


Head of Group Marketing

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