Im Portrait: Andreas Vretscha
 

Im Portrait: Andreas Vretscha

MediaCom
Joachim Feher kannte Vretscha aus seiner Tätigkeit in der ORF-Werbung und holte ihn 2001 in das damals von ihm geleitete Research-Team der MediaCom.
Joachim Feher kannte Vretscha aus seiner Tätigkeit in der ORF-Werbung und holte ihn 2001 in das damals von ihm geleitete Research-Team der MediaCom.

Andreas Vretscha wird Joachim Feher als CEO der mit Abstand größten Mediaagentur Österreichs, der MediaCom, nachfolgen – Wegmarken einer Karriere.

Ein Paukenschlag am 20. Dezember 2016: Joachim Feher, CEO MediaCom, wechselt im Frühjahr zum Audiovermarkter RMS-Austria. Viel war in der Branche spekuliert worden, wer dem im Juni verstorbenen Gründungsgeschäftsführer Michael Graf nachfolgen würde – allein: Feher hatte wohl kaum einer auf dem Ticket.

Andererseits jedoch war sofort klar, wer Feher als CEO der 120 Mitarbeiter großen Agentur, die über 100 Kunden – internationale wie nationale – mit einem Brutto-Billingvolumen von rund 527 Millionen Euro betreut, nachfolgen wird: Andreas Vretscha, zuletzt COO, Chief Operating Officer.CEO und COO – was macht den Unterschied?

Vretscha lacht: „Als COO hast du die Letztverantwortung.  Wenn man die beiden als Team sieht, ist der CEO der primus inter pares.“ Aber ernsthaft: Es komme natürlich auf die jeweilige Konstellation an, strukturell sind die Verantwortlichkeiten von Geschäftsführer und Geschäftsleiter eigentlich klar, der Rest ist individuelle Ausgestaltung: ­„Joachim Feher und ich haben immer viele gute, offene Gespräche und Diskussionen geführt, letztendlich gibt der CEO die Richtung vor.“

Was sich für ihn ändern werde sind der internationale Bereich im Netzwerk der MediaCom und die Verantwortung für die Finanzen. Nachsatz: „Ich werde etwas vom Operativen loslassen müssen und mich auf strategisch-konzeptionelle Themen konzentrieren.“

Von Graz nach Wien

Der gebürtige Grazer, Jahrgang 1970, hatte, wie so viele in der Kommunikationsbranche, eigentlich nicht unbedingt die Werbung im beruflichen Fokus. Der junge Vretscha ging die Studienauswahl sehr pragmatisch an und ging zum Studieren nach Wien. 1989 war Publizistik ein sehr attraktives Studium, bedurfte allerdings einer Kombination – Vretscha wählte Politikwissenschaften.

„Die Publizistik war unter dem damaligen Institutsleiter Wolfgang Langenbucher völlig überlaufen, letztlich habe ich mich beim Studium auf Politikwissenschaften konzentriert und hier auch meine Diplomarbeit geschrieben.“ Diese behandelte, 1993, die Entwicklung der öffentlichen Meinung zum EG-Beitritt Österreichs (der 1995 vollzogen wurde).

In seiner Erinnerung, berichtet Vretscha im Gespräch mit HORIZONT, sei das Publizistik-Institut „aufgrund der Studentenanzahl eigentlich nur eine Bewältigung des Chaos“ gewesen, aber: „Bis heute fallen mir immer wieder Themen zur Kommunikationstheorie ein, die mir noch immer gute Dienste leisten.“ Vretscha belegte am Publizistik-Institut zusätzlich den Lehrgang Markt- und Meinungsforschung, um seine Qualifikationen zu erweitern.

Vretscha lacht: „Ich wollte zusätzlich noch einen Brotberuf erlernen.“ Fritz Karmasin, damals Gallup-Chef, leitete den Lehrgang, in dessen Rahmen auch Praktika vorgesehen waren – und Andreas Vretscha betrat die Research Abteilung des ORF. Dessen damaliger Leiter Peter Diem war von dem Praktikanten so beeindruckt, dass Vretscha schließlich bis zum Jahr 2000 in der Research-Abteilung blieb.

„Ich hatte das Glück, von Peter Diem wirklich sehr viel lernen zu können, Handwerkliches sowieso, aber auch Tricks und Kniffe – beispielsweise was Charts angeht: Was will man als Aussage treffen und wie müssen diese aussehen, dass die Aussage auch klar ist?“ 1993 ist in der Werbeabteilung ein anderer Publizistikstudent tätig, Joachim Feher. Vretscha, der hauptsächlich mit Programmanalysen beschäftigt war, hatte nur wenig Kontakt zur Werbung – aber seitdem kennen sich die beiden.

Als im Jahr 2000 Feher dabei ist, bei MediaCom eine Research-Abteilung aufzubauen, spricht er Vretscha an – der will kündigen und findet sich als einer von drei Assistenten im Büro des amtierenden Generalintendanten Gerhard Weis wieder. 2000, im Jahr der schwarz-blauen Koalition, der ORF-Reformpläne: „Sechster Stock, in der Schaltzentrale … rückblickend denke ich, dass das ein Job war, aus dem ich etwas mehr hätte machen müssen.

Ich habe die Aufgaben, die mir übertragen wurden, gelöst, aber eben nicht weiterentwickelt“, erinnert sich Vretscha und fährt fort: „Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe mich dann bei Joachim gemeldet und bin im Jänner 2001 zu MediaCom in den Research gewechselt.“

Seit 2001 MediaCom

„Ich habe dann, bis zur Übergabe von Peter Lammerhuber, der in die GroupM wechselte, als Joachim ­Feher im Jahr 2007 und ich COO wurde, so ziemlich alle Positionen besetzt und das Geschäft und Handwerk einer Mediaagentur wirklich in allen Facetten erlernt.“ Wann im Halbjahr der Aufstieg zum CEO auch operativ sein wird, steht noch nicht fest (mutmaßlich nach dem ersten Quartal) und was der neue CEO anders machen wird – „reden wir dann darüber.“

Also anders gefragt: Was würde der designierte Geschäftsführer sich als schlechte Eigenschaft als Chef zuordnen? „Ich bin sehr stark von meinen eigenen Ideen überzeugt. Was heißt, dass andere Ideen sehr genau argumentiert werden müssen. Und zum Argument sollte auch noch die Begeisterung dazukommen“, sagt Vretscha nach kurzem Überlegen und setzt gleich nach: „Aber ist das eine schlechte Eigenschaft?“

Um dann schon ein wenig vom Credo preiszugeben: „Was ich sehr schätze, ist die Vielfalt an Kunden und die unterschiedlichen Aufgaben- und Fragestellungen – sich in das Thema, Problem und Situation des Kunden reinzudenken, die Möglichkeit, mit deduktivem Denken viel verändern zu können, also sehr unterschiedliche Ansätze zusammenzuführen und weiterzuentwickeln.“

Gerade in dem sich so rasant entwickelnden digitalen Umfeld sei „unser Tun, wenn wir es richtig machen, extrem spannend. Wir als Kommunikationsagentur sind ja die Schnittstelle, wo ungemein viel zusammenläuft und wir gestalten können.“ Die Digitalisierung zu managen sei „eine der Herausforderungen für Agenturen, also das Verhältnis zwischen Old Media und New Media auszupendeln. Wir dürfen eines nicht vergessen: In der Vergangenheit war es für Media und Kreation relativ einfach, Brands im Markt zu etablieren, via TV-Kampagnen und so weiter. Heute geht es, mit den Möglichkeiten der individualisierten Ansprache, der Eins-zu-Eins-Kommunikation, um eine sehr komplexe Balance: Die Marke groß zu machen und gleichzeitig individuell zu präsentieren.“
stats