HORIZONT: AHA Group wird aufgelöst
 

HORIZONT: AHA Group wird aufgelöst

Agentur wird aufgelöst, Etats übersiedeln. Aha.

Mit 31. Juni 2010 erfährt firmenrechtlich eine fast zehnjährige Agenturgeschichte, deren Höhepunkt in den Jahren 2005 bis 2008 mit Brutto-Billings von 40 bis 60 Millionen Euro und bis zu 50 Mitarbeitern in einem großzügig adaptierten vormaligen Fabriksareal in der Wiener Gumpendorferstraße 132 stattfand, eine Zäsur: Die Rede ist von der AHA Group, die über die internationale Agenturmarke redcell an den globalen Marktführer WPP angedockt ist. Als Chairman fungiert Werbelegende Gerhard Puttner, CEO ist Günter Roth, Reinhard Gnettner ist ECD. Ende der 90er-Jahre ging die AHA Group aus der inhabergeführten AHA Werbeagentur und der 1976 gegründeten Puttner Bates hervor.

Kein Vorteil international

Bevor die History kommt (die ein Stück Werbegeschichte in Österreich erzählt), der Ist-Stand: Mit Jahresbeginn ist nicht mehr die AHA Group Mieter in der Gumpendorferstraße, sondern eine Bürogemeinschaft, die sich naheliegend „Office 132“ nennt und im Wesentlichen aus dr puttner communications und Planet X – dem Grafik-Büro von Benno Flotzinger, zuletzt in der AHA Design-Unit – zusammensetzt. Werbeguru Gerhard Puttner rief die dr puttner communications gemeinsam mit Erich Steyrer 2007 ins Leben und betreut verschiedenste Projekte: beispielsweise die Launch-Kampagne für das Styria-Multimedia-Magazin Compliment oder seine „Heimstatt“, den Universitätslehrgang „Werbung und Verkauf“ an der WU Wien (Puttner ist einer der Star-Absolventen der nunmehr seit über 50 Jahren existierenden Ausbildungsstätte). CEO Günter Roth hatte bereits vor Jahren laut über eine Loslösung aus des WPP-Gruppe nachgedacht (siehe HORIZONT 26/2006). Nachdem Miteigentümer WPP diesem Begehren nicht nachkam, zog Roth zum Ultimo 2008 auf 2009 seine „put-option“ auf. Seitdem wird zwischen Wien und London wohl vor allem über Geld, aber auch die Neustrukturierung der Kundenbeziehungen diskutiert. Mit Ende 2009 dürften die Überlegungen so weit gediehen sein, dass der Standort – was die Mietentrichtung angeht – aus der WPP-Facility-Liste genommen werden konnte. Für einen der gewichtigen Kunden, Raiffeisen Ware Austria (Lagerhaus, mit Testimonial Armin Assinger), wurde eine pragmatische Lösung gefunden: „Der ehemalige AHA-Kunde RWA wechselte auf eigenen Wunsch mit dem gesamten RWA-Team und der Kampagne ‚Unser Lagerhaus‘ per 1. Februar 2010 von der AHA-Gruppe zu dr puttner communications“, erläutern Puttner und Steyrer. Und: „Im Zusammenhang mit der Umstrukturierung AHA durch Günter Roth und der WWP Group bleibt die Geschäftsführungsstruktur von dr puttner communications unter Dr. Gerhard Puttner und Erich Steyrer unberührt. Ebenso werden die dr-puttner-Geschäftsräumlichkeiten in der Gumpendorferstraße 132 beibehalten.“

Abschied mit AHA-Effekt

Ein weiteres Asset auf der Kundenliste der AHA, tipp3/Lotterien (die Kampagne mit Adi & Edi und gelegentlich auch einem Stier …), landet bei JWT Wien – aus der WPP-Gruppe. CEO Jörg Spreitzer freut sich über den Kundenzuwachs: „Dieser Etat passt sehr gut zu uns.“ Schließlich betreue man mit ToiToiToi bereits einen Wett­anbieter. Und die anstehende Fußballweltmeisterschaft in Südafrika bedeute auch eine sehr interessante Herausforderung für die Kreation. Das bisherige tipp3-Kreationsteam wird von JWT Wien für die nächsten drei Monate übernommen. Wie man mit diesen drei Mitarbeitern in Zukunft zusammenarbeiten wird, ist noch nicht fix. Ein neues Kre­ativteam – aus der JWT-Wien-Stammmannschaft – denkt jedenfalls schon über die neue tipp3-Kampagne nach. Gabriele Plötzeneder, die bei der AHA Group als Etat-Direktorin für Tipp3 zuständig war, wurde von JWT fix übernommen. Die Finanzabteilung von JWT Wien soll bei der Liquidation der bisherigen AHA redcell behilflich sein, so Spreitzer.

Roth hat Vertrag bis 30. Juni

Das geschieht auch unter Mithilfe von Günter Roth, der derzeit in der Wiener Praterstraße residiert – beim Wirtschaftsberater – und einen Vertrag bis 30. Juni 2010 erfüllt. Roth legt Wert darauf, dass die Mitarbeiter der nach seiner Definition umzustrukturierenden AHA Group unterstützt werden beziehungsweise Angebote erhalten sollen. Die Kunden seien allesamt, so Roth, im Herbst letzten Jahres informiert worden – mit den meisten habe es Einigungen gegeben. Die Allianz beispielsweise, obwohl international WPP-Kunde, wurde lokal in Österreich gewonnen, werde derzeit „projektweise“ betreut. Stichwort WPP: Roth spricht ganz klar aus, dass die sehr individuell, auf kreative Gesamtleistung ausgelegte AHA mit ihm und Gnettner als Kreativdirektor an der Spitze (Chairman Gerhard Puttner hielt keine Anteile mehr) zunehmend ein Problem gehabt hätte: Zu viel Reporting, zu viele internationale ­Hierarchien, die einen kreativen Hot-Shop im Network-Verbund bremsen.

Wie wurde, was nun anders wird

Die AHA Group – mit einer eigenen Gesellschaft AHA Media und Units neben der klassischen Werbung für Design, Dialogmarketing (141) und Interactive (XMcom) – beschäftigte in ihrer Blütezeit nach 2003 bis zu 50 Mitarbeiter. Hervorgegangen ist die AHA Group durch das Zusammengehen der Puttner Bates Werbeagentur von Gerhard Puttner mit der AHA Werbeagentur, einer Gründung von Günter Roth und Reinhard Gnettner. Das Duo hatte sich Anfang der 90er-Jahre bei der BZW Beran Ziehaus Walter kennengelernt (ihrerseits ein Klon aus der GGK Wien) und nach deren Auflösung 1996 die AHA Werbeagentur („Werbung mit AHA-Effekt“) gegründet. 2000 wurde die AHA Werbeagentur in die von Gerhard Puttner 1976 gegründete Dr. Puttner Werbeagentur, zuletzt Puttner Bates, eingebracht. Gerhard Puttner hatte seine Werbeagentur mit dem „USP-Versprechen“ zu einer der zehn größten in Österreich aufgebaut und sich durch Vortrags- und Lehrtätigkeiten weit über die Branche hinaus einen Namen gemacht. Legendär wurde Puttners Claim „Crisan ist sauteuer, aber es wirkt“ (und ziert in Abwandlung „sauteuer, aber er wirbt …“ auch die Homepage der nunmehrigen drputtner.com, auf der noch einmal die beeindruckende Kampagnen-Parade mit Highlights für Mercedes („Nur ein Mercedes ist ein Mercedes“), Visa (mit Roland Düringer), Billa (mit dem ersten Handels-Testimonial in Österreich, Vera Russwurm), Kronen Zeitung, AMA-Gütesiegel, Egger-Bier (punktgenau mit Karl „Mundl“ Merkatz) oder News („Jetzt kommt News“) in Erinnerung gerufen wird. Puttner, der sich als einer der ersten Werber schon lange vor der „Entdeckung“ des Neuromarketings mit Erkenntnissen der Hirnforschung und des NLP für seine Arbeiten beschäftigte, zog sich nach 2000 aus dem operativen Geschäft zurück und firmierte nur mehr als Chairman der Group, die zuletzt von Roth und Gnettner als Duo und Beteiligte geführt wurde.

Puttner selbst trat in den letzten Jahren verstärkt als Lehrbeauftragter – WU-Wien, Webster Universität – und Spiritus Rector des vor zwei Jahren initiierten Messe-Marketing-Award der Messe-Austria in Erscheinung.

Fulminante Rallye der AHA

Mit Puttner als begleitendem Elder Statesman und dem Duo Roth und Gnettner wuchs AHA ­Puttner Bates, dann AHA redcell, seit 2000 sehr rasch zu einem Full-Service-Anbieter (inklusive Media, ein durchaus ungewöhnlich breit angelegtes Leistungsspektrum in den Jahren nach 2000) heran. 2004 schließlich übernahm WPP auf internationaler Ebene Cordiant (Saatchi & Saatchi fiel an die Publicis Group, Bates verschwand praktisch und wurde unter dem Titel redcell international um eine eigene Agenturmarke ergänzt). „Für uns ändert sich gar nichts“, berichtete Günter Roth damals in HORIZONT – um nur zwei Jahre später laut über den Auskauf nachzudenken.

Denn im Zusammenhang mit ­Saatchi – die Agenturmarke verschwand vor Jahresfrist vom österreichischen Markt (siehe HORIZONT 49/2008 fogende) – steht das nunmehrige Ende der AHA in bisheriger Form: Was noch vor einem knappen Jahrzehnt der Schlüssel auch zum nationalen Markterfolg war – Anbindung an ein internati­onales Network –, ist (vor allem in Krisenzeiten) sowohl strukturell als auch organisatorisch nicht unbedingt von Vorteil, resümiert Roth. Die AHA Group unter WPP-Beteiligung jedenfalls wuchs seit der Jahrtausendwende ausschließlich mit nationalen Kunden und konnte von der internationalen redcell-Anbindung nicht profitieren.

Visa, Volksbanken, UTA

Als publikumswirksame Aktionen sind beispielsweise die Nackt-Einkäufer bei Kleiderbauer, Kampagnen für die Volksbanken mit Franz Klammer, Visa oder UTA („schmeckt einfach besser“) sowie Adi & Edi für tipp3-Sportwetten oder Armin Assinger für RWA Raiffeisen Lagerhaus in Erinnerung. Die Direktbank ING-DiBa stand jahrelang sowohl für klassische Werbung und Dialogmarketing als auch Online auf der Kundenliste und wurde von AHA Media betreut, ehe es im April 2009 nach unterschiedlichen Auffassungen eine Ausschreibung gab, an der AHA nicht mehr teilnahm. Nicht zuletzt dieser großvolumige Abgang und internationale Überlegungen seitens der WPP dürfte die Filetierung der Agentur beschleunigt haben. Günter Roth sieht es gelassen: Es sei eine saubere Lösung, die ihm ab der zweiten Jahreshälfte neue Perspektiven eröffnen würde.
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