'Höchste Zeit, den Stillstand zu beenden'
 

'Höchste Zeit, den Stillstand zu beenden'

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Gewista-Generaldirektor Karl Javurek und Halle34-Geschäftsführer Marcus Arige, beide Teil des Teams Werbung Wien, streben bei den Kammerwahlen den Sieg in der FG Werbung an – ihre Ideen und Vorstellungen erläutern sie im Interview

Horizont: Herr Arige, kaum haben wir uns hier vor dem Büro von Herrn Javurek getroffen, haben Sie bereits begonnen mir zu erzählen, was sich aus Ihrer Sicht so tut in der Fachgruppe Werbung Wien, und ich muss sagen, Sie waren durchaus ein wenig erzürnt …

Marcus Arige:
Sie haben recht, es gibt viele Themen, die wir in den letzten fünf Jahren auf die Agenda gesetzt haben. Und wie es aussieht, bleiben sie darauf, denn umgesetzt wurde da kaum etwas.

Karl Javurek:
Die letzten fünf Jahre wurden einfach verschlafen und ich verstehe, dass sich viele Mitglieder der Fachgruppe Werbung Wien fragen: „Wofür brauchen wir die Kammer überhaupt?“. Fast alle Anträge des Teams Werbung Wien, die einen Schwung in die Sache gebracht hätten, wurden abgelehnt, um ja nichts ändern zu müssen. Dafür findet jetzt vor der Wahl eine Veranstaltung nach der anderen statt, um Aktivität vorzutäuschen.

Horizont: Aus Ihrer Sicht sind das also typische Scheinaktivitäten vor Wahlen – was hätten Sie denn gerne erreicht?

Arige:
Ein kleines Beispiel: Nehmen wir die Website. Zweimal gab es zur Website unserer Fachgruppe einen Relaunch, wobei der zweite nie das Licht der Welt erblickte. Trotzdem haben beide Ideen mehrere Tausend Euro verschlungen. Und wofür? Wie es scheint, dafür, dass wir nun wieder in die höchst komplizierte WKO-Website-Welt integriert wurden. Und jetzt vor der Wahl gibt es plötzlich zu jedem Thema von BarCamp bis Digital Friday eine eigene Site. Wenn sich die Pelz-Innungsmeister eine komische Website zimmern, dann ist das ja verzeihbar, aber wir aus der Kommunikationsbranche sollten schon stringent, nachhaltig und modern kommunizieren.

Horizont: Die Website der Wirtschaftskammer ist wirklich undurchschaubar, ich brauchte letzte Woche die Hilfe von Herrn Pichelmayer, um mich zu dem Thema durchzukämpfen, das mich interessierte – ich musste mich in mindestens zwölf Untermenüs reinklicken.

Javurek:
Für dieses Ergebnis wurde allerdings viel Geld hinausgeworfen. Wohlgemerkt: Geld der Zwangsmitglieder der Fachgruppe Werbung Wien.

Arige:
Da fällt mir die Plattform Kommunikationsinvestition ein – das war eine große Kampagne noch unter Michael Himmer, die in Summe 250.000 Euro gekostet hat. Aber sie hat leider keine Wirkung gezeigt. Die Dinge müssen zu Ende gedacht werden. Aber spricht man so etwas an, gilt man als Dauerkritiker.

Javurek:
Generell muss ich sagen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass die Frau Obmann oder ihre Stellvertreterin so leichtsinnig mit ihrem eigenen Geld umgehen würden. Ein markantes Beispiel dafür ist die NFC–Schnapsidee: Da wurde ein elektronischer Schlüsselanhänger mit NFC-Technologie für Top-Events der Branche entwickelt und produziert – aber leider gab es in drei Jahren keine einzige Kooperation mit einem solchen Top-Event. Dieser Spaß hat die Fachgruppe weitere 70.000 Euro gekostet, und ich glaube es ist an der Zeit, dass mit dem Geld der Mitglieder verantwortungsvoller umgegangen wird.

Horizont: Herr Javurek, Sie waren von 2005 bis 2010 Fachgruppen-Obmann, in der jetzigen Periode koaliert der Wirtschaftsbund mit der Grünen Wirtschaft, zusammen erreichen sie 22 von 31 Stimmen in der Fachgruppe. Aber eigentlich sollte man meinen, dass Grün und Rot mehr Parallelen hätten. Was war der Grund für den Sinneswandel der Grünen?

Javurek:
Ich denke, der Wirtschaftsbund hat hier den Grünen die Chance auf scheinbar mehr Selbstverwirk­lichung in Aussicht gestellt. Vielleicht konnten sich die Grünen auch nicht so richtig auf meinen Arbeitsstil einstellen: Problemdefinition, kurze Diskussion, entscheiden, umsetzen – so wie es halt im Wirtschaftsleben sein sollte.

Arige:
Aber etwas dazu: Die Grünen und wir haben vielleicht auf dem Papier dieselbe Zielgruppe: die Ein-Personen-Unternehmen, die, wie wir alle wissen, deutlich mehr werden und in der Kammer bald zwei Drittel der Mitglieder repräsentieren. Seit der letzten Legislaturperiode ist die Fachgruppe von 8.000 auf 10.000 Mitglieder angewachsen – alles EPU, die das übrigens nicht alle auf eigenen Wunsch sind. Daran hat auch die Wirtschaftskrise Anteil, die manchen in die Selbstständigkeit gezwungen hat. Aber machen wir den Lackmustest: Die Wirtschaftskammer hat zum Beispiel eine transparente Vergabeplattform ins Leben gerufen, die Initiative dafür kam von uns, es wurde aber so umgesetzt, dass EPU wieder keine Chancen haben. Man muss sich entweder als Gesellschaft, sprich, große Agentur oder EPU, anmelden. So hat man die „guten“ von den „schlechten“ getrennt. Das Ergebnis: Kein einziges EPU wurde beauftragt. Zumindest die Pressebetreuung der Fachgruppe hätte ich jedem Freien zugetraut. Der Kollege vom Wirtschaftsbund war da zumindest ehrlich, und meinte, er käme nie auf die Idee, ein EPU zu beauftragen. Der Kollege von den Grünen sagte: „Wir können uns ja von keiner Grippewelle abhängig machen.“ Das ist schon bedenklich.

Horizont: Gibt es eigentlich auch Positives, das aus der gemeinsamen Arbeit der Kammer-Mandatare in den letzten fünf Jahren hervorgegangen ist?

Javurek:
Die Weiterführung der von uns in der Vergangenheit gestarteten Initiativen wie Versicherungs-, Beratungs- und Ausbildungsservices muss man sicherlich positiv sehen.


Arige: Eine gute Sache ist das von Frau Fiedler-Lehmann initiierte Kreativfrühstück. Das Format stößt auf Inte­resse. Was mir oft fehlt, ist aber eine langfristige Strategie, die Fortsetzung von Ideen und Initiativen. Denken Sie an die Podiumsdiskussion zu „Marktmacht Mediaagenturen“. Eine Diskussion ist ein Teil, ein Anfang, aber sie ersetzt nicht die Branchenpolitik, die dann folgen muss. Wo ist der nächste Schritt?


Horizont: Da wurden Mediaagenturen sehr kritisch beäugt.

Arige:
Genau, und mit Recht. Ich habe schon viele Mediapläne bei Kunden gesehen, die ich betreue. Der Kunde versteht sie nicht, ich verstehe sie nicht. Da gibt es einen Fixpreis und dann folgt eine Rabattstufe auf die nächste und der Plan ist ungeschaut plötzlich 60 Prozent billiger. Welches Medienun­ternehmen gibt so viel Rabatt? Eine wirkliche strategische Beratung findet ebenso nicht statt.

Horizont: Ich nehme an, Herr Ja­vurek, Sie als Gewista-Generaldirektor geben auch nicht so viel Rabatt …

Javurek:
Nein. Aber das Mediageschäft wurde vor 25 Jahren ausgelagert, gebündelt, internationalisiert – auch um größeren Druck auf die Medien auszuüben. Und jetzt, wo integrierte Kommunikation gefragt ist, entwickeln sich teilweise Mediaagenturen wieder zurück zu Kreativagenturen.


Arige: Noch etwas, Messbarkeit, das Credo der Mediaagenturen, ist nur ein Teil der kreativen Arbeit. Aber worum es mir geht, ist nicht eine Conclusio; wir müssen einen Diskurs führen. Sonst können wir am Ende zusehen, wie Werbeagenturen bei lebendigem Leib aufgefressen werden. Daher tut es mir auch leid, dass unsere Initiative „Schwarze Schafe“ eingestellt wurde – da ging es gegen die Pitch-Unkultur und für gerechte Abstandshonorare. Das war eine richtige Kampagne mit Diskussionen, Inseraten, Artikeln zum Thema, einer Onlinepetition. Man muss Kampagnisieren, um etwas zu erreichen.

Horizont: Was sind noch Themen, die unter den Nägeln brennen?

Javurek:
Ein Dauerbrenner ist die Entlastung der Ein-Personen-Unter­nehmen bei der SVA. Hier gibt es ein massives Ungleichgewicht, etwa beim Krankengeld, das Selbstständigen erst am 43. Krankenstandstag ausbezahlt wird. Weiters sollte man endlich den Kollektivvertrag modernisieren – seitdem ich vor fünf Jahren die ersten Schritte in diese Richtung unternommen habe, ist nichts mehr passiert. Derzeit sieht es so aus, dass die Wiener Unternehmen mit dem alten Kollektivvertrag einen Standortnachteil haben, weil es in den angrenzenden Bundesländern keinen Kollektivvertrag gibt. Hier liegt ein Totalversagen des Wirtschaftsbundes vor, den die Wiener Fachgruppenmitglieder mit Wettbewerbsnachteilen bezahlen müssen.

Arige:
Es wäre wichtig, dass es einen österreichweiten Kollektivvertrag gibt, denn er ist das einzige Instrument, um zwischen großen und kleinen Anbietern eine Wettbewerbsgleichheit herzustellen. Er ist ja auch ein Parameter für Freelancer – je höher das Honorar eines Artdirectors, desto mehr kann auch der Freie verlangen. Aber er muss inhaltlich adaptiert werden. Honorare sind auch ein wichtiges Thema. Es geht um die Frage, wie ich richtig kalkuliere. Schreibt ein Kunde fünf Agenturen an, erhält er fünf völlig unterschiedliche und nicht vergleichbare Kalkulationen. Wir haben einen Honorarrechner vorgeschlagen, das funktioniert in NÖ und in der Steiermark, auch in Deutschland. Aber in der Fachgruppe hieß es: Der verstößt gegen EU-Richtlinien.

Javurek:
Dabei ist ein Preiskalkulator erlaubt, lediglich Preisempfehlungen verbietet die Wettbewerbsbehörde. Deswegen hat es in meiner Funktionsperiode eine Studie gegeben, in der Bandbreiten der erzielten Marktpreise für die einzelnen Bereiche unserer Branche angeführt waren. Und das gab sehr wohl eine Orientierungshilfe für unsere Mitglieder. Unser Ansatz war immer der: Die Mitglieder der Wirtschaftskammer sind zwangsverpflichtet, sie zahlen hohe, teilweise sogar zu hohe Beiträge. Also ist es unsere Aufgabe, diesen Mitgliedern zu dienen. Wir sind für die Mitglieder da, nicht die Mitglieder für uns. Diese Einstellung scheint mir teilweise verloren gegangen zu sein.  

Horizont: Sie meinen, es passieren Dinge nur zum Selbstzweck?

Javurek:
Natürlich. Nehmen Sie nur als Beispiel die Berufsgruppen; inzwischen haben wir ja 14 davon. Natürlich jede einzelne mit einem eigenen Sprecher, der wieder ein „Funktiönchen“ ausüben kann. Dies führt zur absurden Situation, dass zum Beispiel ein angemeldeter Grafiker keine anderen Kommunika­tionsaufgaben übernehmen darf. Wenn er ein Plakat bei mir in der Gewista schalten möchte und verständlicherweise die branchenübliche Agenturprovision will, muss ich ihn zurück in die Kammer schicken, damit er sich einen Werbemittlerschein besorgt, brav dafür wieder einen Beitrag bezahlt, und dann kann ich ihm die Provision geben. Mein Antrag, dies sofort zu ändern, wurde wie üblich von Schwarz und Grün abgelehnt, obwohl mir in der Sache alle recht gegeben haben. Ich denke, ein einheitlicher Gewerbeschein für alle unsere Mitglieder wäre vernünftig und höchst an der Zeit. Eine von vielen Änderungen, die wir durchführen wollen.

Horizont: Welche wären das?

Javurek:
Die Halbierung der Mitgliedsbeiträge für EPU. Die Fachgruppe Werbung Wien sitzt auf 1,5 Millionen Euro Guthaben. Es kann doch nicht Ziel sein, zuzusehen, wie es auf der Bank jedes Jahr weniger wird. Da würden wir es lieber denjenigen zukommen lassen, die es wirklich brauchen.

Horizont: Eine echte Wahlkampfansage. Sie haben als Team Werbung Wien einen neuen, engagierten Auftritt im Netz, wie hat sich das Team selbst verändert?

Arige:
Wir sind radikal neu, jünger, decken die wichtigsten Berufsgruppen von Werbung über Event bis zu den Schnittstellen Design und Musik ab – mit glaubwürdigen Repräsentanten. Wir haben Ideen, eine Website, bringen Vorschläge, ich betreibe gezielt für meine Arbeit in der Fachgruppe einen inzwischen bekannten Blog. Bei uns gibt es keine Netzwerkagenturangestellten und keine Nebenerwerbstätigen wie Stephan Gustav Goetz von der Grünen Wirtschaft, der in Zukunft in der Fachgruppe eine relevante Position bekleiden soll. Er ist ja quasi der Angestellte einer Partei. Wir führen auch keine Veranstaltungen durch, die den Schwerpunkten unserer Firmen entsprechen. Dieses Manko an Glaubwürdigkeit zieht sich wie ein grüner Faden überall durch. Wir sind anders. Hinzu kommt: Die Fachgruppe hat eine Wahlbeteiligung von 21 Prozent – warum sollten die Leute auch zu einer Wahl gehen, wo sie ihre Lebenswelt in der Fachgruppe nicht abgebildet sehen?

Horizont: Dazu gibt es ein altmodisches Wahlsystem, wo man Wahlkarten kompliziert herunterladen muss und dann nicht einmal per Mail zurücksenden kann …

Arige:
Willkommen im 21. Jahrhundert. Ich bin dafür, dass jedes Mitglied eine Wahlkarte zugesandt bekommt – die Arbeiterkammer macht das und hat 40 Prozent Wahlbeteiligung. Bei einer solchen Wahl wären zwar die Grünen die Sieger, aber ich bin trotzdem dafür. Alles andere erinnert an eine Gutsherrnmethode.

Horizont: Sie sind, könnte man sagen, recht rebellisch unterwegs – werden Sie nach der Wahl nicht einen Koalitionspartner brauchen?

Javurek:
Die Karten werden bei der Wahl neu gemischt und wir hoffen auf Vertrauen und deutliche Zuwächse. Das Schönste wäre es, wenn wir alleine könnten. Das trauen wir uns zu, aber wir können auch kooperieren, aber dann muss das, wofür wir eintreten, auch verwirklicht werden.

Horizont: Nach allem, was Sie mir erzählt haben, klingt das Engagement bei der Fachgruppe nach viel Aufwand – haben ein Gewista-Chef und ein Agenturbesitzer nicht genug anderes zu tun?

Javurek:
Ja, da fließt sicher viel Zeit hinein, aber unsere Branche wandelt sich dramatisch und es wird allerhöchste Zeit, den Kammerstillstand zu beenden. Dafür wende ich meine Zeit sehr gerne auf.

Arige:
Ich gehe mit offenen Augen durch die Branche, spreche täglich mit Unternehmern und nehme jede Anregung ernst. Ich will mich engagieren. Jeder ist in seinem Hamsterrad, aber ich merke, das Interesse steigt. Die Leute wollen den Stillstand überwinden. Das gefällt mir an niederschwelliger Politik – und vor allem hier kenne ich mich aus, weil ich selbst betroffen bin. Hier kann ich etwas bewegen. Ich muss nicht in die große weite Welt hinaus und für Klimaschutz und Weltfrieden kämpfen. Das ist ein viel härterer Job.

Dieses Interview erschien bereits am 12. Dezember in der HORIZONT-Printausgabe 50/2014. Hier geht's zur Abo-Bestellung.

Interview: Birgit Schaller

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