Gründerzeit
 

Gründerzeit

Editorial von Sebastian Loudon, Herausgeber (HORIZONT 26/2015)

Man könnte meinen, es sei das goldene Zeitalter der Kreativagentur angebrochen. Das Tempo, mit dem die neuen eigentümergeführten Agentur-Start-ups aus dem Boden schießen, macht es dem Branchenmedium fast ­unmöglich, mitzuhalten. Reihenweise ­wagen derzeit hochdekorierte Kreative den Sprung in die Selbstständigkeit. Thomas Niederdorfer, bis vor Kurzem Kreativgeschäftsführer bei Jung von Matt/365, gründet „We Make“. Patrik Partl und Phil Hewson, die kreativen Masterminds bei FCB Neuwien, starteten im Winter ein ­eigenes Kreativbüro, Tom Krutt und Gerd Haselsteiner bringen gerade ihr Startjahr als „Arts & Crafts“ hinter sich, und mit Merlicek & Grossebner legte Anfang Juni ein jedenfalls emo­tional antizipiertes Agenturprojekt los.

Was steckt dahinter? Ist es tatsächlich eine Goldrausch-Stimmung, die sich da unter den etablierten Kreativen des Landes manifestiert? Bietet die werbetreibende Wirtschaft Platz für diese hochqualitativen Dienstleister? Oder ist diese Entwicklung vielleicht doch eher ein Symptom für einen schon lange heraufdräuenden Transformationsprozess, der die Werbeagenturen klassischen Zuschnitts zunehmend erodiert? Der langjährige Beobachter mit einem zugegebenermaßen begrenzten Einblick in die ökonomischen Eingeweide arrivierter Werbeagenturen tendiert eindeutig zu Zweiterem. Für Agenturen wird es zunehmend schwieriger, großkalibrige Kreative angemessen zu entlohnen, vor allem aber, ihnen eine berufliche Perspektive zu bieten. Das Hopping von einer Werbeagentur zur nächsten, angefeuert durch Trophäen bei den immer gleichen Werbepreisen und flankiert von jeweils steigender Entlohung, hat an Sex verloren. Eine intrinsische Motivation ist schwer zu erzeugen in einem andauernden Rückzugsgefecht. Und eine längerfristige Perspektive schon überhaupt.

Also wagen viele den Sprung in die Selbstständigkeit, mit großen Träumen und hippen Büros, nehmen Anleihen an der Start-up-Szene und leben die neue Selbstbestimmtheit. Keine Strukturen, keine Overheads, keine Reportings. Dafür Co­working und Co-Creating. So schön kann das Arbeitsleben sein. Kann es?

Es ist aus ganzem Herzen zu hoffen, dass die Übung gelingt. Denn andernfalls droht das Kreativ-Prekariat – und dann heißt es grundeln statt gründen.
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