Glückskind
 

Glückskind

‚Diese Ausstellung wird Sie nicht glücklicher machen‘, sagt der weltbekannte Grafikdesigner Stefan Sagmeister anlässlich der Eröffnung seiner ‚Happy Show‘ im MAK. Er hat Unrecht

„Jeder Mensch möchte glücklich sein. Das gilt ohne Ausnahme“, sagte der französische Philosoph Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert und so steht es nun an der sonnengelben Wand im Museum für Angewandte Kunst, handgeschrieben von Stefan Sagmeister.

Täglich zwölf Stunden hat Sagmeister, der Popstar unter den Grafikdesignern, in den letzten Tagen mit dem Schreiben von Lebenswahrheiten und der gestalterischen Darstellung wissenschaftlicher Inhalte verbracht. „Überraschenderweise eine zutiefst beglückende Tätigkeit“, lacht Sagmeister im HORIZONT-Interview, der bei der Europapremiere der Happy Show im Beisein von Bundesminster Josef Ostermayer auf seiner persönlichen Glücksskala den Wert Neun von Zehn erreichte, wie er erfreut feststellt.

Dies auch dank des zahlreichen Publikums, das schon am Nationalfeiertag gekommen war – mehr als tausend und sehr viele junge Menschen, lauschten da mucksmäuschenstill seinem einstündigen Vortrag. Glück ist eben ein Thema, das alle Menschen berührt. Sagmeister ist ein unprätentiöser Vorarlberger, der auszog, um die Welt, das Design und sich selbst zu entdecken. Das inspiriert.

Seit 25 Jahren lebt er nun in New York. Und der heute 53-Jährige hatte Glück – denn dort lief er nach einer Karriere bei M&Co (Benetton), natürlich nicht ohne Plan, den Rockstars der westlichen Welt, Mick Jagger, ­Aerosmith, den Talking Heads und Lou Reed über den Weg. Die Covers, die der junge Designer für sie gestaltete schrieben Grafik- und Grammygeschichte und ermöglichen ihm neben kommerzieller Gestaltung auch ganz persönlichen Ideen und Vorstellungen zu folgen und diese zu realisieren.

Horizont: Sich mit seinem eigenen Glück zu beschäftigen, das würde wohl vielen Menschen gefallen, aber nicht jeder hat die Möglichkeit dazu …

Stefan Sagmeister:
Es ist richtig, dass ich es durch meine Lebensart und meine Bekanntheit ein wenig leichter habe. Aber schon vor mehr als zehn Jahren beschäftigte mich das Thema. So stellte ich einen Vortrag zusammen mit dem Titel „Design & Glück“ und ich erzählte was mich als Designer beglückt und was mich als ­Betrachter erfreut. Interessanterweise brachte dieser Vortrag deutlich mehr Widerhall als Vorträge in denen ich einfach meine schönsten Arbeiten präsentierte. Drei Jahre später war ich in meinem zweiten Auszeitjahr in Indonesien. Dort gestaltete ich Möbel-Prototypen für mein Studio. Als mich ein guter Freund besuchte, meinte er, das sei Zeitverschwendung und warum ich mich nicht Dingen widme, die andere Menschen bereichern. Da war es dann wieder, das Thema Glück. Und weil es auf Bali so einfach war, entschied ich zunächst einen Film über Happiness zu machen.

Horizont: Das war vor sechs Jahren und der Film ist jetzt seit einigen Tagen fertig.

Sagmeister:
(Lacht) Es hat gedauert, denn die Herausforderung war riesig. Die Diskrepanz zwischen mir als ­kritischem Betrachter des Films, als Protagonist, dessen persönliche ­Erfahrungen die Basis des Films ­waren und als völlig unerfahrener Filmemacher war enorm. Ich hatte mich aus Unwissenheit über die schwierigste Aufgabe gewagt, wie mir Kenner bestätigten: einen Essayfilm über ein großes Thema mit mir selbst als Darsteller. Der Film zeigt drei Experimente, die ich für jeweils drei Monate und mit Unterstützung von Experten unternahm, um mein Glücksgefühl zu erhöhen: Meditation, eine kognitive Therapie und den Konsum von Drogen.

Horizont: Hier in der Happy Show sind zwei Sequenzen zu sehen. Der Film soll aber zuerst auf Festivals laufen. Was haben die drei Erfahrungen nun bei Ihnen bewirkt?

Sagmeister:
Alle drei Methoden ­haben funktioniert. Haben sie mein Leben verändert? Ich würde sagen ein bisschen, aber sicher nicht grundsätzlich. Wir haben zum Beispiel in Bali Menschen, die meditieren, gefragt, ob Meditation sie glücklicher mache. Alle sagten ja. Ich habe das keinem geglaubt.

Horizont: Haben Sie die Methoden erstmals ausprobiert?

Sagmeister
: Abgesehen von Meditation, ja. Ich habe als ich jung war einige illegale Drogen ausprobiert, aber keine pharmakologischen, die den Serotoninspiegel heben, wie in dem Experiment. Eigentlich wollte ich Heroin versuchen, das hätte mich gereizt, das war aber nicht realisierbar.

Horizont: Dachten Sie nicht an ihre Vorbildwirkung?

Sagmeister:
Ich glaube, das wäre machbar gewesen. Die schreckliche Darstellung der Wirkung von Heroin in Filmen scheint mir die positive Seite als euphorisierende Droge auszublenden. Warum sonst sind viele Menschen süchtig danach.

Horizont: Und was hat die Therapie gebracht?

Sagmeister:
Ich ging der Frage nach: Wie talentiert bin ich zum Glücklichsein? Und die Therapeuting meinte ich könnte nachhelfen, zum Beispiel mich Kon­flikten häufiger stellen oder die Fähigkeiten Dankbarkeit, Empathie und meine Bescheidenheit trainieren? Wobei letzteres ist mir eigentlich egal (lacht).

Horizont: Der Film spielt in der Ausstellung eine untergeordnete Rolle, indessen finden sich Sätze aus ihrem Buch „Things I have learned in my life so far“ wie „Complaining is silly, either act or forget“ oder „If I don’t ask I won’t get“. Schon das Buch begab sich auf die Suche nach Wahrheiten. Was haben Sie inzwischen Neues gelernt?

Sagmeister:
Dass spontane, ungeplante und nicht wiederholbare Aktivitäten glücklich machen. Für mich war es auch wichtig, Bewegung in die Ausstellung einzubringen. Denn ich habe herausgefunden, dass es mir mehr bringt, täglich 20 Minuten laufen zu gehen als 40 Minuten zu meditieren. Ich laufe nach wie vor – am liebsten an schönen und immer wieder neuen Orten. Deshalb mag ich das Fahrrad in der Ausstellung – fährt man damit, leuchtet eine Neontypo auf mit den Worten: „Actually doing things increases my overall satisfaction.“ Interessant war für mich, dass die Lebensumstände kaum Einfluss auf das Glücksempfinden haben. Rasse, Klima, Geschlecht spielen eine untergeordnete Rolle. Aber ich glaube, dass jeder seine eigenen ­Erfahrungen machen muss.

Horizont: Wo ist Ihr Lieblingsplatz in der Ausstellung?

Sagmeister:
Schön ist die Ecke, wo der Satz „Step up to it“ mit Zuckerstücken gebaut ist. Gemeint ist: „Stell dich“. Meine Therapeutin hatte festgestellt, dass ich Konfrontationen vermeide und der Satz erinnert mich ­daran. In dem Fall geht es aber darum eine lustige Gelegenheit zu nutzen. Denn dort reagiert eine Erkennungssoftware auf das Lachen des Besuchers mit einer bunten Farbprojektion. In der Ecke ist meistens richtig gute Stimmung.

Horizont: Welche Rolle spielt ­Design in der Happy Show?

Sagmeister:
Die Definition von ­Grafikdesign ist es einen großen Stoff so in Wort und Bild zu übersetzen, dass ihn die Menschen verstehen. So gesehen ist die Happy Show die ­Essenz von Grafikdesign.

Horizont: Warum arbeiten Sie noch an kommerziellen Aufträgen?

Sagmeister:
Ich habe schon überlegt, nur noch persönliche Arbeiten umzusetzen, aber ich weiß heute, dass beide Seiten einander befruchten. So kann ich bei kommerziellen Aufträgen mit höheren Budgets zum Beispiel neue Techniken ausprobieren. Persönliche Projekte erlauben es mir, Gedanken und Ideen nachzugehen. Sie sind offener, ehrlicher. Als Mensch bewege ich mich auch in dem Spektrum – gehe morgens einkaufen, mittags mit einem Freund essen und abends in ein Museum oder gestalte etwas. Die Suche das zu verbinden ist ein zutiefst österreichischer Weg. So wie Josef Hoffmann in der Vereinigung Secession die Grenzen zwischen Kunst, Design und Handwerk auflöste.

Horizont: Wie sehen Sie das – ist die Zielsetzung von Werbung Menschen glücklich und damit kauffreudig zu machen?

Sagmeister:
Manche haben das im Kopf. Die Strategie von Coca-Cola heißt Happiness. Aber ich denke, das funktioniert bedingt. Vielleicht wenn jemand nach drei Tagen in der Wüste in einer Oase ein eisgekühltes Cola findet. Ich glaube, dass kaum ein Produkt, dass wir uns kaufen, glücklich macht. Wir gewöhnen uns so rasch an Dinge. Die Chance auf nachhaltiges Glück ist größer, wenn wir etwas Schönes erleben. Es macht also glücklicher Geld für eine Aktivität, einen Urlaub, als für ein Auto auszugeben. Am glücklichsten sind wir, wenn wir jemanden persönlich beschenken. Allerdings, wenn ich an mich selbst denke – es bereitet mir ein Gänsehautfeeling mit dem Motorrad und meinen Lieblingssongs eine Straße ziellos entlangzubrausen. Und dafür brauche ich Dinge, die ich mir kaufen muss.

Horizont: Werbung wirkt also doch, wenn sie Glücksmomente ­inszeniert?

Sagmeister:
Ich glaube unsere Skepsis Werbung gegenüber ist inzwischen sehr groß. Wir werden täglich mit hunderttausenden Bildern bombardiert. Also blenden wir viele aus, wie Werbesujets. Unser Warnsystem springt an, wenn etwas als Werbung daherkommt. Ich glaube, dass die Wirkung von guter Werbung, starken Slogans, ohne Markenlogo viel stärker wäre. Wir haben immer darauf ­bestanden, dass Sprüche die wir designen, wie „luxury is best consumed in small doses“ für ein Modelabel, ohne Logo zu sehen sind.

Horizont: Das ist eine radikale Idee. Das empfehlen Sie Kunden?

Sagmeister:
Nicht jedem, aber ein guter Spruch sieht wie ein Tagebucheintrag aus, das wirkt anders. Der für den Kunden relevante Effekt kommt dann über mediale Berichterstattung. Ich glaube, dass die berühmte Benetton-Werbung meines ehemaligen Chefs Tibor Kalman ohne Benetton-Logo noch viel besser gewesen wäre.

Horizont: In der Happy Show kann man seinen Glückspegel von null bis zehn messen. Wie sieht dieser bei Ihnen im Moment aus?

Sagmeister:
Im Oktober war der Schnitt 7,6. Das ist hoch für mich, immerhin messe ich ihn seit sechs Jahren täglich. Und schon der Unterschied zwischen sieben und 7,7 ist deutlich spürbar. Mir geht es ausgezeichnet. Das Team in Wien ist großartig und die tägliche Arbeit trägt zu meinem Glück bei. Ich schreibe seit einer Woche täglich zwölf Stunden Texte an die Wände des MAK. Das ist eine überraschend erfreuliche Tätigkeit, wenn sich nackte in bunte Wände verwandeln. Der Vortrag am Nationalfeiertag war erfüllend, weil ich das Gefühl hatte, dass die vielen Menschen im Raum wirklich zuhörten und heute Abend nach der Eröffnung ist meine Stimmung auf eine Neun gestiegen. Wenn ich Menschen berühren, ihnen helfen und sie im besten Fall entzücken und erfreuen kann, dann ist das für mich die Definition von sinnvoller Arbeit.

Horizont: Ein kleiner Glückstipp zum Schluss?

Sagmeister:
Denken Sie vor dem Einschlafen an drei Dinge, die ihnen heute gelungen sind und notieren sie diese. Das ist schnell gemacht und hinterlässt ein gutes Gefühl. Sie kennen ja meinen Spruch: Worrying solves nothing. Daran halte ich mich.

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