ECM-Studie 2020: PR-Branche in Europa hat Kom...
 
ECM-Studie 2020

PR-Branche in Europa hat Kompetenzlücken

APA_AFP

Die Ergebnisse des European Communication Monitor 2020, der weltweit größten Studie zum Status Quo der Kommunikations- und PR-Branche, fördern interessante Ergebnisse zu Tage. Ein Forscherteam unter Leitung von Professor Ansgar Zerfaß (Universität Leipzig) hat dazu über 2.300 Kommunikatoren aus 44 Ländern befragt.

Das Kompetenzlevel der individuellen Kommunikatoren stellt einen wesentlichen Erfolgsfaktor von Kommunikationsabteilungen dar. Sie umfassen sowohl kommunikationsspezifische Fähigkeiten als auch darüber hinaus gehende Kompetenzen aus den Bereichen Management, Business, Technologie und Daten.


Rund die Hälfte der Befragten (43 Prozent) stimmt der Aussage zu, dass Kompetenzen und ihre Entwicklung ein zentrales Thema für die Branche sind, und fast alle (81 Prozent) sind sich darin einig, dass die eigenen Kompetenzen einer steten Weiterentwicklung bedürfen. Kompetenzlücken wurden vor allem bei Technologiekenntnissen und Datenmanagement identifiziert. Die Hälfte aller Befragten fühlen sich in diesen Bereichen noch nicht ausreichend qualifiziert. Im Durchschnitt haben die Kommunikatoren in der Stichprobe 19 Tage im Kalenderjahr 2019 für Fortbildungen aufgewendet – für die Hälfte davon wurde Freizeit geopfert (Wochenenden, Urlaubstage, Feierabende) (siehe Abb. 4). Die meisten Befragten sehen die Kompetenzentwicklung im Verantwortungsbereich jedes Einzelnen (84 Prozent Zustimmung), aber annähernd ebenso viele wünschen sich Fortbildungsprogramme seitens ihrer Organisation (83 Prozent).

Ethische Herausforderungen und wie ihnen zu begegnen ist

In einer globalisierten und vernetzten Welt sind die Konsequenzen individuellen Handelns oftmals schwer abschätzbar. Vieles, was rechtlich akzeptabel ist, kann aus moralischer Sicht fragwürdig sein. Studienleiter Professor Dr. Ansgar Zerfaß erklärt: „Strategische Kommunikation beeinflusst die öffentliche Meinungsbildung und Realitätskonstruktionen in erheblichem Maße. Dies stellt Kommunikatoren in Organisationen und Agenturen vor immer neue moralische Herausforderungen, die wir in unserer Studie untersucht haben.“
Jeder zweite Kommunikationsverantwortliche (47 Prozent) sah sich in der täglichen Arbeit im vergangenen Jahr mit mehreren moralisch herausfordernden Situationen konfrontiert, in 18 Prozent der Fälle gab es immerhin einen derartigen Vorfall. Im Vergleich zu früheren Erhebungen zeigt sich eine steigende Tendenz ethischer Probleme in den letzten Jahren. Die meisten Befragten begegneten diesen Herausforderungen, indem sie sich auf ihre persönlichen Werte und Einstellungen verließen (86 Prozent Zustimmung). Ethik-Richtlinien der eigenen Organisation (77 Prozent) und insbesondere Branchenkodizes (58 Prozent) wurden dagegen deutlich seltener konsultiert. Neuere Kommunikationspraktiken wie Social Bots und Big-Data-Analysen werden aus ethischer Sicht kritisch bewertet (siehe Abb. 1) – möglicherweise auch deshalb, weil nur eine Minderheit der Befragten in den letzten drei Jahren an einer Ethik-Fortbildung teilgenommen hat.

Gleichstellung in der Kommunikationsbranche

Spätestens seitdem die Vereinten Nationen die Gleichstellung von Frauen und Männern als fünftes ihrer 17 Sustainable Development Goals (SDG) adressiert haben, wird dieses Thema auch in der Kommunikationsbranche verstärkt diskutiert. Der European Communication Monitor untersucht jährlich den Status Quo weiblicher Fach- und Führungskräfte in der PR – in der diesjährigen Erhebung mit einem besonderen Fokus auf die bereits erzielten Fortschritte sowie die weiterhin existierende „gläserne Decke“ für weibliche Kommunikatorinnen in der Branche.

Die Ergebnisse zeigen, dass zwar in drei von vier Kommunikationsabteilungen und -agenturen mehr Frauen als Männer arbeiten, aber nur jede zweite Abteilung/Agentur von einer Frau geleitet wird. Mehr als die Hälfte der Befragten konstatiert eine Verbesserung der Gleichstellung in der Branche. Nur eine Minderheit stimmt der Aussage zu, dass bereits genug getan sei (siehe Abb. 2) – dabei gibt es große Unterschiede sowohl zwischen Männern und Frauen als auch regional. Als die größten Karrierehürden für Frauen in der Kommunikation werden organisationsinterne Hürden genannt wie mangelnde Flexibilität, etwa zur Kinderbetreuung (62 Prozent Zustimmung), sowie intransparente Beförderungsentscheidungen (58 Prozent).

Cybersicherheit in der Kommunikation

Digitale Infrastrukturen sind das Rückgrat moderner Kommunikation. Cybersicherheit wird damit zu einem erfolgskritischen Faktor für sämtliche interne und externe Kommunikationsvorgänge.
Knapp zwei Drittel der befragten Kommunikatoren verfolgen die aktuelle Debatte um Cybersicherheit (63 Prozent) und halten das Thema für ihre tägliche Arbeit in der Abteilung oder Agentur relevant (59 Prozent). Befürchtet wird insbesondere, dass Hacker Webseiten oder Social-Media-Accounts angreifen könnten (42 Prozent Zustimmung) oder digitale Infrastrukturen zum Absturz bringen könnten (29 Prozent). Dabei sind öffentliche Institutionen und Non-Profit-Organisationen stärker gefährdet als Unternehmen. Mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) hat schon einmal eine Cyber-Attacke auf die eigene Organisation erlebt, allerdings sind nur wenige in strukturelle Maßnahmen zur Cybersicherheit ihrer Organisation direkt involviert (siehe Abb. 3).

Der komplette Ergebnisbericht des ECM 2020 mit zahlreichen Detailauswertungen für Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, öffentliche Institutionen und Kommunikationsagenturen sowie zentrale Länder ist unter www.communicationmonitor.eu kostenlos verfügbar (PDF, 132 Seiten, englisch). Die Studie entspricht allen wissenschaftlichen Standards; sie wird seit 2007 jährlich durchgeführt und durch parallele Erhebungen in Nordamerika, Lateinamerika und Asien ergänzt.

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