Die JWT ist jetzt Worldmade
 

Die JWT ist jetzt Worldmade

Jörg Spreitzer, CEO JWT Wien und Prag, im Interview über einen digitalen Neuanfang, Ideen Worldmade, die Small Countries Community und Travelling Ideas.

HORIZONT: Bei der JWT gab es im letzten halben Jahr viele Personalwechsel. Warum?

Jörg Spreitzer, CEO JWT Austria: Die JWT hat vor zwei Jahren angefangen in Europa sehr viele digitale Trainings zu machen. Und wir als Hub für den Osten haben die Trainings teilweise auch  durchgeführt. Das ganze lief unter dem Thema Digital Naturals. Ziel der Programme war es, unsere Leute in digitalen Medien auszubilden. Und zwar auch und gerade diejenigen, die nicht darin aufgewachsen sind. Einerseits haben unsere Leute so dazugelernt und wir als Management haben gesehen, wer von der bestehenden Mannschaft die Veränderung in der digitalen Kommunikation leben kann. Es war uns wichtig, dass sie digital nicht nur verstehen, sondern auch leben können. Die, die das nicht könnten denen haben wir nahegelegt sich neu zu orientieren.

HORIZONT: Was ist dann passiert?

Spreitzer: Wir sind ein sehr bewusstes Unternehmen was Mitarbeiter anbelangt. D.h wir haben in der Krise niemanden „rausgeschmissen“. Und ich glaube von den größeren Agenturen sind wir die einzigen, die das geschafft  haben. Wir haben jetzt auf zwölf Positionen die Personen gewechselt. Das ist für unsere Agentur sehr, sehr viel. Manche sind von selbst gegangen, weil sie gesehen haben, dass ein anderes Leben in der Branche für sie besser ist. Also z.B auf  Kunden-, Verlags- und Verbandsseite. Sie haben selber darüber nachgedacht, ob sie sich nicht besser neu orientieren wollen. Ein paar sind in Ausbildungen gegangen. Wir sind sehr froh, dass alle zwölf die uns verlassen oder verlassen haben eine Job haben. Und wir haben sie unterstützt, wo wir konnten. Mit Ende dieses Monats sind damit alle zwölf Positionen neu besetzt. Mit vielen Jungen, aber auch Erfahrenen, wie z.B. Martina Mekis, die vorher bei der Publicis T-Mobile geleitet hat. Und Sandra Österreicher ist aus der Babypause zurückgekommen. Wir sind jetzt sicher von der Besetzung anders als vorher. Und ich glaube so gut wie nie zuvor, für das was man jetzt braucht.

HORIZONT: Ist das nicht eine komplette Neuorientierung?

Spreitzer: Das kann man jetzt als Neuorientierung auslegen, aber ich glaube, dass sich das Werbegeschäft nicht grundsätzlich ändert. Wir leben noch immer von den Strategien und der Kreation. Und das wird sich auch nicht ändern. Viele Agenturen sind aufgrund des Controllingansatzes der Kunden zu reinen Umsetzern zurückgedrängt wurden. Wenn man das zulässt, macht man einen Fehler. Es ist aber sehr schwer, das nicht zuzulassen und den Kunden weiterhin zu führen. Das muss proaktiv passieren. Die Margen werden immer kleiner. Das ist ein schwieriger Weg für Werbeagenturen im Moment. Wir haben uns jetzt aus einer starken Position heraus verändert. Wir haben einen Zuwachs in unseren Zahlen gehabt und haben es trotzdem gemacht. Da sind wir auch stolz darauf und ich glaube wir haben es gut gelöst.

HORIZONT: Wurde die Entscheidung lokal getroffen, oder von international vorgegeben?

Spreitzer: Das kann man schwer sagen. Wenn ein großes Ausbildungsprogramm kommt, dann nimmt man es natürlich an. Das waren ja auch Vortragende, die wir uns als lokale Agentur nicht leisten hätten können. Es waren sechs Länder zusammengefasst und 20-25 Leute waren hier in Wien, Prag oder Warschau, um dort einen Vortragenden zu hören, der 5000 Euro pro Tag kostet. Und das waren wirklich coole Typen mit toller Qualität.

HORIZONT: Ist die Anzahl der zu tauschenden Personen aus dem Prozess entstanden, oder war das vorher schon definiert?

Spreitzer: Nein. Der Plan war einfach zu schauen. Wir evaluieren ja permanent, ob Leute an ihrer Position gut oder schlecht sind.

HORIZONT: Wie haben sie das gemacht?

Spreitzer: Operativ. Wir sind mit rund 45 Personen ein relativ kleines Unternehmen. Und ich kenne jede/n, jeden Kunden und gehe auch permanent mit. Deswegen sieht man dann auch in den Meetings, ob die Leute auf einem Level sind wie man sie sich vorstellt. Max Zauner und ich beurteilen und diskutieren das und reden hier viel mit den Mitarbeitern. Wir haben eine extrem hohe Interaktion und ein Top-Betriebsklima in der Agentur. Unser Ruf ist so, dass man hier gerne arbeitet. Und das entsteht durch diese Interaktion basierend auf einer menschlichen Gesprächsbasis.

HORIZONT: Innerhalb welchen Zeitraumes haben die zwölf gewechselt?

Spreitzer: Das ist dann eine primär menschliche und taktische Frage gewesen. Bei manchen Leuten haben wir das über ein halbes Jahr besprochen. Und sie sind ja intelligente Menschen und wissen was es bedeutet, wenn man so eine Diskussion verfolgt. Man bekommt hier Feedback und dann wird es eine vernünftige Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Leute merken dann selber auch, wie sich die Agenturlandschaft verändert hat. Und das z.B. Briefings gar nicht so aufgenommen wurden, wie sie der Kunde eigentlich abgesendet hat.

HORIZONT: Wie haben sie die Nervosität in der Agentur abgefangen, bei so vielen Wechseln? Wie mit den Kunden?

Spreitzer: Mit Interaktion. Das muss man alles rechtzeitig kommunizieren und besprechen. Der Kunde hatte ja auch teilweise Einfluss auf den Entscheidungsprozess. Auch auf Kundenseite hat es sehr viel Bewegung in Richtung digital, online und mobile gegeben. Wir hatten in der JWT immer eine extrem niedrige Fluktuation. Deswegen ging dieser Prozess jetzt auch über fast ein dreiviertel Jahr. Es war uns sehr wichtig, dass alles sozial und human passiert.. Und wir haben auch bei den Neuen sehr bewusst versucht sie gut zu integrieren.

HORIZONT: Ist jetzt eine „digitalere“ Stimmung spürbar?

Spreitzer: Man merkt es sofort, weil die neuen Leute sehr proaktiv sind. Mit der Übernahme der Kunden hat jeder neue Mitarbeiter viele Ideen, und Verbesserungsvorschläge. Und das hilft auch unseren Kunden. Wir arbeiten richtig viel im Moment. Und viele der Dinge sind von der Routine weit weg, wie z.B. das die Entwicklung des innovativen Life Banners.

HORIZONT: Wie schaut die internationale Gesamtausrichtung der JWT jetzt aus?

Spreitzer: In einem Wort: Worldmade. D.h. unsere Ideen funktionieren so, dass sie einen sehr starken lokalen Touch haben. Sie müssen dort funktionieren wo die Zielgruppe sitzt, auch wenn es eine internationale Idee ist. Die Zentralisierung von Agenturen wird ja zunehmend stärker. Es entstehen aufgrund von Controllingmechanismen immer größere Hub´s. London und Deutschland wird immer größer. Die kleineren Länder haben immer mehr lokale Kunden und immer weniger Internationale. Die Internationalen werden aufgrund der Kundenstruktur in den große Hub´s gesammelt. Wir haben dann die Aufgabe, eine Kampagne weltweit oder europaweit zu machen. Aber in Amerika oder Asien greifen ganz andere Themen als in Europa, in Österreich andere als in Rumänien. Die gleiche Kampagne muss aber trotzdem überall funktionieren. Unsere Stärke ist es weltweit zu denken und lokal zu agieren. Und deswegen heißt unser Konzept Worldmade. Wir können alle Kampagnen jederzeit in gut aufgesetzten Gremien und Mechanismen abchecken lassen, ob sie dem Anspruch Worldmade gerecht werden. Und das etablieren wir jetzt mal intern. Zusätzlich machen wir - und da hatte ich die Idee dazu - eine Small Countries Community.

HORIZONT: Was ist die Small Countries Community?

Spreitzer: Wir werden erstmalig am 14.September zu dieser Initiative zehn Länder hier in Österreich zusammenbringen. Es sind von der Agenturgröße her die kleineren Länder, wie Holland, Dänemark, Belgien, Ungarn, Tschechien, usw. Diese Länder werden zwei große Ziele verfolgen: Das eine Ziel ist, das jedes Land eine Spezialität hat und diese den anderen Ländern anbietet. Agenturen, mit 20-40 Leuten, was zwar für Österreich eine normalgroße Agentur ist, aber international gesehen sehr klein ist,  haben jetzt nicht die Möglichkeit je ein eigenes Digital Department, ein eigenes Planning Department oder ein Social Media Department zu haben. Dafür sind die Incomes zu klein. Deswegen haben wir uns international dafür entschieden, dass sich jedes kleine Land seine Spezialität entwickelt. Österreich fokussiert sich z.B. auf Mobile. Ungarn und Belgien haben extrem starke CRM Skills, Tschechien wird uns mit günstiger und professioneller Filmproduktion unterstützen, Finnland hat eine hervorragende Package Designabteilung und in Holland gibt es ein eigenes Gamingdepartment. Wir werden uns jetzt intern so organisieren, dass jeder seine Spezialität definiert hat und die anderen Länder ausbildet. Dort soll es dann 1-2 Personen geben, die im Land die Experten sind, die das dann ins eigene Office tragen und dann das jeweilige Spezialistenland mit der Umsetzung beauftragen. Ein Beispiel: Wenn wir z.B. glauben das in der Markenführung ein Facebookspiel ein sinnvoller Ansatz wäre, rufen wir die Holländer an, schicken ihnen ein kurzes Briefing und sie arbeiten das mit ihren Programmierern aus. Wir bieten das Spiel unseren Kunden mit unserer Kreation an. Und so entsteht aus diesen zehn Ländern ein viel stärkeres Agenturnetzwerk. Alles unter dem Aspekt Worldmade.

HORIZONT: Was ist das zweite Ziel?

Spreitzer: Das zweite Ziel heißt Travelling Ideas. D.h. jedes Land, das zu gewissen Marken oder Branchen eine gute Idee hat, stellt diese auf eine Uploadplattform und die anderen Länder können darauf zugreifen. Wir haben das jetzt zum ersten Mal für die Länder getestet: Holland hatte in einem Pitch eine coole Idee für ein Land, aber der Pitch wurde nicht gewonnen. Es war ein Spiel. Wir haben das Burgenland im Portfolio und fanden die Idee dafür dazupassend. Wir haben die Idee aufs Burgenland umgelegt und proaktiv angeboten. Die meiste Arbeit war schon getan und das Burgenland hat es beauftragt. Wir selbst – und das muss man ehrlich zugeben – hätten diese Idee so sicher nicht gehabt. Aber so war das eine Travelling Idea.

HORIZONT: Wie gehen sie mit den kulturellen Unterschieden um?

Spreitzer: Natürlich passt eine Ideenumsetzung nie zu 100%. Ich kann das nicht einfach 1:1 übernehmen. Ich muss mir die Zielgruppe gut anschauen und einen guten Planner und Kreative haben, die das dann entsprechend umsetzen. Aber das ist das Konzept von Worldmade. Dafür ist die JWT sehr gut gerüstet. Wir kommen aus dem Planning. Das haben wir ganz sicher im Griff. Wir managen von Wien aus bis zu sechzehn Länder für Kunden. Deswegen haben wir bei der Small Countries Community auch die Leadfunktion. Wir sind gewöhnt sowohl lokal als auch hubmäßig zu denken und das zu transportieren. Die ersten Monate haben schon einen sehr regen Austausch gezeigt. Wir werden uns mindestens einmal im Quartal treffen, und dadurch proaktiver werden.

HORIZONT: Wie funktioniert das in der großen Umsetzung?

Spreitzer: Das werden wir erst sehen. Wir haben den Kick off am 14ten in Wien. Alle Länder sind dafür und stehen hinter den Konzepten der Small Countries Community. Als dritten Punkt wird man sich dann auch überlegen, ob man Planner und Producer teilt, um Topleute zu haben die in den einzelnen Ländern nicht leistbar wären. Wir gehen davon aus, dass wir dadurch unsere New Business-Stärke und die Sinnhaftigkeit einer Netzwerkagentur verstärken. Und dass das insgesamt zum Wohle aller ist. Hier entstehen neue Mechanismen, auch die eigene Arbeit wieder zu hinterfragen und über den Tellerrand hinaus zu schauen, was andere Länder machen. Deswegen bin ich sehr stolz auf die Mischung aus den nord-, mittel-, ost-  und südeuropäischen Ländern. Das wird ein reger Austausch und Zuwachs für alle.
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