Die 200-km/h-Idee
 

Die 200-km/h-Idee

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Im Oktober fuhren wir im Railjet von Innsbruck nach Wien, unterwegs im Creative Express des Art Directors Club Europe. Gemeinsam mit 21 jungen Kreativen aus ganz Europa waren wir auf Ideensuche

Russland, Rumänien, Ukraine, Portugal, Italien, Schweiz, UK, Spanien, Deutschland und selbstverständlich Österreich. Junge Kreative, angereist aus ganz Europa, um innerhalb von vier Stunden und 15 Minuten eine Idee zu entwickeln, haben sich an diesem ersten Donnerstag im Oktober getroffen, um miteinander zu arbeiten. Doch beginnen wir ganz am Anfang: Um 7.36 Uhr treten wir die Reise nach Innsbruck an, Johannes Newrkla, Geschäftsführer der Agentur Bluetango, die ÖBB-Mannschaft und der HORIZONT. Gegen Mittag kommen wir in Innsbruck an, haben kurz Zeit, eine Runde durch die Stadt zu drehen, dann geht es ab in den Briefing-Raum, der sich am Bahnhofsgelände befindet.

Der Reihe nach trudeln nun die ­jungen Kreativen aus ganz Europa ein, manche sichtlich geschlaucht von der Anreise. Was sofort auffällt: ein klarer Männerüberschuss in der Truppe. „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine Tochter mitgenommen“, scherzt Patrizia Boglione, Kreativdirektorin Angelini Design, beim Anblick der männlichen Jungkreativen. Die Italienerin ist einer der fünf Coaches, die heute mit an Bord sind. Zur Erklärung: Die Gruppe wurde bereits im Vorfeld in fünf Teams unterteilt, denen jeweils ein Coach zur Unterstützung, Beratung und Mitarbeit zugeordnet wurde. Das heißt, man musste gemeinsam mit bis dato unbekannten Kollegen in kurzer Zeit ziemlich aufs kreative Gaspedal steigen. Gekleidet in ÖBB-Hoodies und Creative-Express-Umhänge­taschen be­wegt sich die Gruppe nun zu dem Zug, der um 14.09 Uhr Innsbruck verlassen soll. Die Menschen hier am Innsbrucker Bahnhof können die rot gekleidete Gruppe nicht ganz zuordnen. Man hört eine Stimme „Ist das der SPÖ-Fanklub?“ fragen. Hans-Peter ­Albrecht, ADC-Mitglied, outet sich ­sogleich als Anführer und schleust uns mit hochgehaltenem Creative-Express-Schild Richtung Gleis Nummer sieben. Der Zug rollt ein.

‚Nimm den Zug‘

Gerade noch Platz genommen und Taschen verstaut, versinken Boglione und ihr Team sofort in den eben verteilten Briefings. Auch Werbeexperte Hannes Böker, der über vier Stunden in derselben Denkerpose verbrachte und dessen Kopf man quasi rauchen sah, und seine Kreativen beginnen umgehend zu arbeiten. Das Briefing war wenig kreativ, dafür aber klar. „Überzeuge Autofahrer davon, dass es schlauer ist, den Zug zu nehmen.“ Die sehr frei formulierte Aufgabe kommt unterschiedlich gut bei den „Zuggästen“ an. In manchen Gruppen wird sofort eifrig diskutiert, andere blicken den Zettel vor sich minutenlang ohne Gefühlsregungen an, wieder andere starren emotionslos in die Luft und kauen auf ihrem Bleistift herum. Ab und zu hört man während der Fahrt Ärgernis darüber, dass das Internet nicht immer funktioniert, ansonsten aber ist die Stimmung total locker und ein großer Ehrgeiz liegt in der Luft. 

Im Erste-Klasse-Railjet-Waggon der Österreichischen Bundesbahnen sind wir also auf dem Weg von Innsbruck nach Wien. Ziel: Train beats street. An Bord eine Auswahl der talentiertesten jungen Gestalter aus ganz Europa. Quasi Europas Zukunft der Kommu­nikation. Als Zugbegleiter: erfahrene „Geburtshelfer“ vom ADC*E. Die jungen Talente sollen während der Fahrt ihr Können unter Beweis stellen. Die Idee stammt vom Münchner ADC-­Mitglied Hans-Peter Albrecht. „Mich hat der Gedanke des Design Thinking inspiriert“, so der „Chief Conductor“ des Creative Express. „Ich wollte mal sehen, welche Ideen entstehen, wenn die Gestalter sozusagen mitten im ­Produkt, im ‚Problem‘ sitzen. Na, und der ADC*E ist eine so großartige Konstruktion, den Laden muss man doch nutzen.“

Ideen für die ÖBB

Neben Lürzer’s Archive als Partner konnte Albrecht als Hauptsponsor der Aktion die Österreichischen Bundesbahnen ÖBB für den ADC*E gewinnen. Deren Kommunikationschefin Kristin Hanusch-Linser war von der Grundidee begeistert und ist auch von den erarbeiteten Ideen überwältigt: „Für zumindest vier Stunden und 15 Minuten das kreative Zentrum Europas – schönes Gefühl. Aber im Ernst. Dass uns ­Europas kreativer Nachwuchs die Ehre gibt, passt großartig. Schließlich ist ­unser neuer Hauptbahnhof tatsächlich mitten im Herzen Europas. Die präsentierten Ideen sind geradezu unglaublich. Fantastisch. Waren die wirklich nur viereinviertel Stunden unterwegs?“, fragt sie sich bei der Präsentation der Ergebnisse, die übrigens gleich am nächsten Tag in der Früh stattgefunden hat. Albrecht: „Ich hätte aber nicht für möglich gehalten, wie sehr die Versuchsanordnung – alle in einem Erste-Klasse-Waggon, keine Ablenkung, ­sondern, im Gegenteil, permanente ­Befruchtung –, wie sehr dieses ‚Labor‘ zusätzliche kreative Vibes produziert.“

Für den ADC*Europe ist diese Jungfernfahrt auf jeden Fall ein Erfolg. „Wir haben schon länger überlegt, wie wir unser einmaliges europäisches Network kreativ nutzen können. Unsere nationalen Mitgliedsklubs haben uns die Zugtüren eingestürmt. Mit dem ­Ergebnis wird sich die Begeisterung vermutlich noch steigern. Das war mit Sicherheit nicht die letzte Fahrt dieser Art“, so Johannes Newrkla, Schatz­meister des ADC*E und ebenfalls mit an Bord. ADC*E Executive Director Mercè Segú und die Jungkreativen können sich für den Umsetzungsfall sogar auf ein unerwartetes Income von der ÖBB freuen. Wird tatsächlich eine der Ideen realisiert, will der Sponsor noch einmal in die Tasche greifen.
Über den kreativen Output der ­Zugfahrt darf hier leider noch nichts verraten werden. Die Ideen seien so großartig, dass sie teils realisiert ­werden, deshalb sind sie noch geheim, heißt es vonseiten der ÖBB. Somit ­profitieren wohl alle Beteiligten von dieser Zugfahrt.
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