Design in Wien: Mehr als nur Behübschung
 

Design in Wien: Mehr als nur Behübschung

Kollektiv Fischka | Kramar
Laut dem aktuellen Kreativwirtschaftsbericht, der von der Wirtschaftskammer Österreich und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft erstellt wurde, sind 49,4 Prozent der österreichischen Designschaffenden in Wien ansässig.
Laut dem aktuellen Kreativwirtschaftsbericht, der von der Wirtschaftskammer Österreich und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft erstellt wurde, sind 49,4 Prozent der österreichischen Designschaffenden in Wien ansässig.

Die Wiener Designszene ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen. Experten erklären, wodurch sich kreative Schöpfungen aus der Bundeshauptstadt auszeichnen und wie sie die Wirtschaft beflügeln.

Dieser Artikel erschien ebenso in der HORIZONT-Ausgabe 45/2016 vom 11. November. Hier geht's zum Abo.

Wien ist eine Designstadt. Sowohl historisch gesehen – man denke etwa an die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründete Wiener Werkstätte – als auch in der heutigen Zeit, in der die Bundeshauptstadt eine Vielzahl an international bekannten Designern, jungen Kreativen, Initiativen, Designmessen, Events und Märkten hervorbringt.

Laut dem aktuellen Kreativwirtschaftsbericht, der von der Wirtschaftskammer Österreich und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft erstellt wurde, sind 49,4 Prozent der Designschaffenden in Wien ansässig.

HORIZONT sprach mit einigen Experten über die Besonderheiten der Wiener Szene und wie die Wirtschaft in der Bundeshauptstadt durch Design angekurbelt werden kann.

Hollein: Design wächst

Die Vienna Design Week ging heuer zum zehnten Mal über die Bühne (HORIZONT berichtete). Direktorin Lilli Hollein bezeichnet die Jubiläumsausgabe mit dem Gastland Tschechien und dem Fokusbezirk Margareten rückblickend als „eine große Freude“, legt aber auch offen, dass es ein „ungewöhnlich hartes Jahr war, was die Finanzierung betrifft“.

Das, so hofft sie, soll 2017 wieder einfacher werden.Dass die Vienna Design Week die Wiener Kreativwirtschaft ankurbelt, wird laut Hollein in der aktuellen Evaluationsstudie belegt, die anlässlich des Jubiläums gemeinsam mit der Wirtschaftsagentur Wien und der Wirtschaftskammer Wien erstellt wurde. Demnach sind die Besucherzahlen kontinuierlich gestiegen und die Designszene in Wien hat sich parallel zum Festival in den letzten zehn Jahren als der am stärksten wachsende Sektor der Kreativwirtschaft entwickelt – zudem ist der Umsatz in diesem Bereich um 80 Prozent auf 62 Millionen Euro jährlich gestiegen.

Hollein ist der Meinung, dass die Wirtschaft nicht nur durch ihre eigene Veranstaltung, sondern durch Design generell beflügelt werden kann – und das sei für jeden sichtbar, der erkennt, „dass es bei Design nicht nur um Behübschung geht“.

Publikum zeigt sich offen

Als nächster Fixpunkt für alle Designbegeisterten steht von 28. bis 30. Oktober in Wien die blickfang-Designmesse für Möbel, Mode und Schmuck vor der Tür. Diese geht nicht nur in der österreichischen Bundeshauptstadt, sondern auch in München, Hamburg, Stuttgart, Basel und Zürich über die Bühne und soll, so Geschäftsführerin Jennifer Reaves gegenüber HORIZONT, „Designer mit potenziellen Kunden zusammenbringen. So schaffen wir eine Wirtschaftsgrundlage für Designer, die unabhängig von großen Firmen ihre Ideen verwirklichen.“

Auch Reaves ist der Meinung, dass Wien gut und gerne als Designstadt bezeichnet werden darf. Die Kreativschaffenden – darunter etwa Roee und Milk im Modebereich oder ­Thomas Poganitsch im Interieursektor – sind aus ihrer Sicht „kraftvoll und innovativ“, das Publikum „offen und zukunftsgewandt“ und das Kulturprogramm vielfältig.

„Dass Events wie die Vienna Design Week, die MQ Fashion Week und die blickfang nebeneinander bestehen können und berechtigt sind, zeigt, wie stark die Wiener Szene ist“, stellt die Geschäftsführerin fest. 

Faire Produktion

Einen niederschwelligen Zugang zu Design bietet seit Mai 2012 der Designmarkt Edelstoff, der von Simone Aichholzer und Sabine Hofstätter initiiert wurde. Designer der Kategorien Mode, Accessoires, Schmuck, Kids-Design und Kunst haben dort mehrmals im Jahr die Möglichkeit, ihre Produkte zu präsentieren und selbst am Stand zu verkaufen.

Während es in den Anfangszeiten vor allem heimische Kreative waren, die diese Möglichkeit in Anspruch nahmen, sind es heuer zu zwei Drittel österreichische, und zu einem Drittel internationale Designer, die auf dem Markt zu finden sind.

Durch ihr Werken als Veranstalterinnen kennen Aichholzer und Hofstätter die Szene in der Bundeshauptstadt mittlerweile sehr gut und beobachten als Trends in Wien Folgendes: „Es gibt enorm viel Energie unter den jungen Kreativen. In ihren Ateliers und Werkstätten entstehen innovative Produkte und eines haben wohl alle gemein: es wird viel Wert auf die Herkunft der Materialien und Produktion gelegt. Bioproduktion und Fairtrade sind Standard.“

Wien als Drehscheibe

Riebenbauer Design arbeitet für regionale und globale Kunden und entwickelt, so Gründer Franz Riebenbauer, „Marken, die mehrdimensional und mit allen Sinnen wahrnehmbar sind.“ Besonders stolz ist er derzeit auf das Projekt Walk of Legends am Red Bull Formel-1-Ring, das neue Markendesign von Anton macht K:es und die Tatsache, dass man für letztere Arbeit vom Art Directors Club of Europe mit dem Preis für das beste Corporate Branding 2016 ausgezeichnet wurde.

„Das besondere an dieser Marke liegt darin, dass sie kein Logo mehr besitzt. Kern der Marke ist ein Text, der immer wieder neu inszeniert – vom Packaging, über einen neu gedachten Marktstand bis hin zu einem Käsekeller und einem Flagshipstore.“ „Wien ist“, so findet Riebenbauer, „eine gute Homebase geworden, aus der viel Neues entsteht.“

Er bezeichnet die Szene in der Bundeshauptstadt als sehr branchenübergreifend und interdisziplinär agierend, zudem seien einige hiesige Kreative wie etwa der Möbeldesign Eoos mittlerweile international renommiert – „eine Tatsache, die vielfach untergeht“, so der Agenturgründer. Nachdem Riebenbauer Design neben Wien auch in Berlin vertreten ist, bietet sich ein Vergleich ein. „In Wien ist im Gegenteil zu Berlin eher analoges Design vertreten.

In Berlin dominiert die Start-up-Szene. Digitale Innovationen sind hier der heiße Scheiß, weswegen wir dort auch mit einem sehr starken digitalen Fokus vertreten sind.“ Was Riebenbauer sich für Wien wünschen würde: eine stärkere internationale Vernetzung, etwa „mit Mailand oder Kopenhagen als zentraleuropäische Drehscheibe im Spannungsfeld nordischen und italienischen Designs“.

Grenzen verschwimmen

„Es werden neue Wege eingeschlagen, ausprobiert, Sparten werden aufgebrochen, Designcluster vermischen sich immer mehr. Eine wichtige und schöne Tendenz, die Innovationen und großen Mehrwert für die Wirtschaft schafft“, konstatiert Bettina Steindl, Leiterin des designforum Wien und fügt mit Nachdruck hinzu: „Wir sind definitiv eine Designstadt.“

Das design­forum Wien wurde vom Verband designaustria gemeinsam mit der österreichischen Designstiftung 2005 gegründet und bietet seither Raum für Ausstellungen und Veranstaltungen im Wiener Museumsquartier.

Der Verband designaustria „bündelt die Interessen der rund 1.300 Mitglieder und versteht sich als Bindeglied zwischen Kreativen, Wirtschaft und Gesellschaft“, fasst Geschäftsführer Severin Filek zusammen. Steindl vom designforum Wien findet jedenfalls, dass sich die kreativen Schöpfungen aus der Bundeshauptstadt sehen lassen können. „Wien braucht von keiner anderen Stadt abzukupfern.

Wir haben starke Designer, die sich zu interessanten Projekten und Kollektiven zusammenschließen. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass die Trennung der einzelnen Designsparten immer weniger möglich ist“, erklärt sie Leiterin und fügt abschließend hinzu: „Grafikdesign, Webdesign, Illustration, Animationen, aber auch die Vermischung von Produkt- und Möbeldesign – das alles wird oft aus einer Hand angeboten, was zu starken Arbeiten führt.“

[Gerlinde Giesinger]
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