Ärztekammer lehnt sich auf
 

Ärztekammer lehnt sich auf

Das Problem der Identitätsfeststellungen in den Ordinationen müsse anders gelöst werden, als mit der ‚Bespitzelung von Ärzten und Patienten‘ – dies zeigt die Ärztekammer mit einer neuen Kampagne auf

Anfang Juli beschloss das Parlament Maßnahmen zur Sozialbetrugs­bekämpfung im Gesundheitsbereich  – Maßnahmen, die ein sogenanntes „Mystery Shopping“ durch falsche Patienten der Sozialversicherungen in Arztpraxen betreffen und darauf abzielen, den Missbrauch von ­e-cards und das Erschleichen von Krankenständen zu verhindern. Die Österreichische Ärztekammer kritisierte dies allerdings als „gesetzlich sanktionierte Bespitzelung von Ärzten und Patienten“ und hat daher eine groß angelegte Informationskampagne gestartet, die sich gegen den genannten Beschluss ausspricht. Kreiert wurde die Offensive, die seit dem 17. August zu sehen ist, in ­Zusammenarbeit mit der Agentur ­Milestones in Communication mit Sitz in Wien Alsergrund.

„Mystery Shopping und verpflichtende Identitätskontrollen werden nicht nur schwerwiegende Auswirkungen auf Ärztinnen und Ärzte, ­sondern vor allem auch auf Patienten haben“, warnt Johannes Steinhart, Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Ärztekammer für Wien. Der Zugang zur ärztlichen Hilfe werde erschwert und der Druck auf die Patienten steige, denn: wenn Ärzte fortan nicht mehr sicher sein könnten, dass Patienten ihnen gegenüber tatsächlich die Wahrheit sprechen, seien sie gezwungen, sich auf die ein oder andere Weise zusätzlich abzusichern. Was das laut Steinhart genau bedeute: ­zusätzliche Untersuchungen sowie "'Sicherheitsüberweisungen' zu Spezialisten und damit eine zusätzliche Belastung für die Patienten. Auch die Steuerzahler wird dies eine Menge Geld kosten."

Lösung: e-card mit Foto

Um Missbrauchsfällen in den Sozialversicherungen entgegenzuwirken, sei es laut Ärztekammer um einiges sinnvoller, die ­e-card, die nun im elften Jahr besteht, mit einem Foto auszustatten. So könne das Problem der Identitätsfeststellungen in den Ordinationen weit einfacher gelöst werden als mit den kürzlich vom Parlament ­beschlossenen Maßnahmen. Zwischen 2008 und 2013 konnten durch das Aufdecken von Missbrauchsfällen in den Sozialversicherungen ohnehin lediglich 18.100 Euro eingebracht werden und auch die durchschnittlichen Krankenstandstage seien in den vergangenen Jahren sukzessive zurückgegangen, was ­vermuten lässt, dass Arbeitnehmer aus Angst vor Arbeitsplatzverlust ­vermehrt trotz Krankheit arbeiten ­gehen. Steinhart dazu: „Wenn Arbeitnehmer trotz Krankheit arbeiten, gefährden sie nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die ihrer Kolleginnen und Kollegen.“ Die neuen Maßnahmen zur Sozial­betrugsbekämpfung würden nun ­zusätzlichen Druck auf die Arbeitnehmer aufbauen.

"Gerade sehr schwer mess- und nachweisbare Gesundheitsprobleme, wie zum Beispiel Schmerzen, insbesondere des Bewegungsapparats, verursachen einen beträchtlichen Teil der Krankenstände“, erklärt Obmann Steinhart in einer Aussendung zur neuen Kampagne und ergänzt ­abschließend: „Sollen Ärztinnen und Ärzte zukünftig Schmerzpatienten eine Krankschreibung verweigern, nur weil diese Beschwerden nicht zu 100 Prozent nachgewiesen werden können?"
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