Wie viel Wahrheit steckt im Konzept?

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Das Gründen von Faktencheck-Zentren scheint ein Trend zu sein. Eigene Redaktionen werden geschaffen, um Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Eines der jüngsten Beispiele ist die ARD, die mit einem eigenen „Anti-Fake-Portal“ gegen gezielt gestreute Falschmeldungen vorgehen und die eigenen Vorgehensweisen dazu offenlegen will.

Auch andere Sender setzen darauf, Jeff Jarvis unterstützt das neue entsprechende Projekt von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales und Milliardäre stiften hohe Summen an Plattformen, „die der Wahrheit etwas näherkommen sollen“.Erleben wir eine neue Ära des Sachlichen, Nüchternen? Mitnichten. Diejenigen, die die digitalen Plattformen geschaffen, weiterentwickelt und letztlich selbst befeuert haben – Internetkonzerne, aber auch einige (nicht alle) klassischen Medien – versuchen nun das, was sie angestoßen haben, zu mildern.

Und verkaufen es als Fact-Finding.Wie glaubwürdig ist es, wenn Facebook eine eigene Redaktion schafft, die über wahr oder unwahr entscheidet – ohne Einblick zu geben, wer wie recherchiert? Wie kommen Medien dazu, sich als Hüter der Wahrheit inszenieren zu müssen? Sie tun damit doch nichts anderes, als ihr Kerngeschäft zu erfüllen. Zumindest ist das die Basis des klassischen Journalismus.

Mit klugem Markenmanagement kann es auch in digitalen Zeiten gelingen, Leserschaft zu binden. Doch wie kommt man an diejenigen heran, die sich nur via Facebook oder Messenger-Diensten informieren, wenn sie bislang nicht Leser des eigenen Mediums waren und durch die strikten Algorithmen dieses nicht in ihre Timeline eingespielt bekommen? Mit konventionellen Fact-Missions wird es nicht gelingen, diese User zu erreichen. Die Zielgruppe ist in sich geschlossen.

Man erreicht nur jene, die man bereits erreichen konnte, nicht aber potenzielle Neuleser. Alles dreht sich im Kreis. Und Facebook? Die Plattform steht gut da. Hände in Unschuld waschen, das Dickicht weiter wuchern lassen und (als Alibi?) eine eigene Redaktion einrichten. Medien könnten die aktuelle „Fake News“-Problematik aber für sich nutzen: Indem sie sich wieder auf das besinnen, was ihre Aufgabe und ihre Stärke ist: das Recherchieren, Einordnen, Analysieren.

Wer ehrlichen Journalismus betreibt, braucht die Vertrauenskrise in Medien nicht zu fürchten. Mit diesem Wissen im Rücken bräuchten Redakteure ihre Arbeit auch nicht mit Tools wie Faktenfindern zu „rechtfertigen“. Und Leser würden zur gesunden Skepsis gegenüber der Flut an Meldungen im Social Web erzogen.

Die Jungen können die Abonnenten von morgen werden. Solange Medienhäuser ihrer Kernkompetenz – dem Journalismus – treu bleiben. Oder ihn neu entdecken. Dafür ist es nie zu spät.

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