Schluss mit Jammern

Warum ‚Vorwärts schauen‘ jetzt wichtig ist. Gedanken zum Motto der Österreichischen Medientage 2017.

Seien wir ehrlich: Wir bemitleiden uns gerne. Die Steuerbelastung sei zu hoch, das Wohnen zu teuer, manche Medien zu parteibestimmt. Die digitalen Maschinen und bald auch die Roboter werden Tausenden die Arbeitsplätze wegnehmen, die ausländischen Konzerne unsere Kaufkraft abschöpfen.

Aber: Ganz so ist es dann doch nicht. Rücken wir das Bild zurecht. Unsere Wirtschaft wächst, laut jüngstem WIFO-Konjunkturtest sogar deutlich stärker als im Durchschnitt des Euro-Raums. Das BIP steigt, die Arbeitslosenquote sinkt. Viele Medienhäuser erlebten im ersten Halbjahr 2017 einen Aufschwung, Anzeigenerlöse stiegen wieder, ebenso wächst der Bereich von Paid Content – auf niedrigem Niveau, aber immerhin.

Der amerikanische Wahlkampf und der tobende Präsident Trump hat die „Fake News“-Welle derart pervertiert, dass viele zu klassischen Medienmarken zurückkehrten oder sich ihnen neu zuwandten. So stiegen die Auflagen und Online-Clickrates einiger amerikanischer Zeitungen wie der New York Times, der Washington Post, selbst des New Yorker, die nach wie vor kritisch aus dem Weißen Haus berichten und allen Attacken Trumps zum Trotz dieser Linie treu bleiben.

In Österreich haben wir keinen Wut-Präsidenten. Dafür aber entstanden neue Medienformate wie Die Tagespresse, die eine neue Qualität des Humors, gepaart mit aktuellen Ereignissen, hervorbringt. Vice startete in Österreich, das Medienprojekt „Addendum“ der Mateschitz-Medienstiftung „Quo Vadis Veritas“ befindet sich im Aufbau und mit Ö1 haben wir nach wie vor das meistgehörte Kulturradio in Europa.

Die Medienwelt wird und muss sich verändern und erweitern – nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Es geht darum, Experimente zu wagen, um neue, zusätzliche Produkte zu erschaffen.

Die Politik sollte Rahmenbedingungen für Medienverständnis und -kompetenz schaffen – und dabei auch bei der Bildung ansetzen. Die Basis für aktive Mediennutzung, ob on- oder offline, ist kritischer Geist. Medien brauchen Leser, Seher und Hörer, die mündig sind, Nachrichten verarbeiten zu können.

Was in der Musikbranche zaghaft beginnt, indem Schallplatten wieder zum Kassenschlager werden, kann auch mit klassischen Medien geschehen. Sie feiern ein Comeback, denn: Das Vertrauen in sie ist stärker denn je. Während sich im Social Web Filterblasen bilden die nur noch das eigene Weltbild bestärken, erobert Journalismus wieder die Nachrichtenhegemonie. Das ist ein gutes Zeichen.

Dieser Leitartikel erschien zuerst in der Print-Version des HORIZONT, Nr. 38/2017. Noch kein Abo? Hier klicken!

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