Paywalls oft ohne Wirkung

Paywalls sind meist wirkungslos. Diese Meinung vertrat der Verhaltensökonom Gerhard Fehr beim Mediengipfel in Lech. „Menschen besitzen mentale Budgets und sind immer seltener bereit für digitalen Content zu bezahlen.“

Fehr empfiehlt Medien eine „Test-Umgebung, die systematisch, evidenzbasierte Prototypen testet“. So könnten schnell und einfach profitable Business-Modelle entwickelt werden.

„Ditgitale Transformation: Der Journalismus im weltweiten Wandel“ lautete am Freitag das Thema des 11. Mediengipfels am Arlberg. Moser-Holding-Vorstandschef Hermann Petz rechnet nicht mit einem völligen Umstieg auf digitalen Journalismus. „Wenn man die Modelle der digitalisierten Medienwelt umrechnet und in Tirol umsetzt, dann könnte man circa 6 Millionen Euro Umsatz machen. Die TT-Redaktion kostet etwa 10 Millionen Euro im Jahr - eine völlige Transformation würde sich also nicht rechnen, da man weniger Menschen einsetzen müsste. Eine totale Migration in diese Richtung wird nicht stattfinden. Es wird eine Mischform sein“, erklärte Petz.

Für Nachrichtenagenturen spiele die Technologisierung eine immer bedeutendere Rolle, berichtete APA-Geschäftsführer Clemens Pig. „Unser Technologie-Department ist mittlerweile gleich groß wie unsere Redaktion. Technologie ist ein wesentlicher Teil des Geschäfts geworden, es funktioniert aber nicht ohne den redaktionellen Teil.“ Im Journalismus ortet Pig ein „Selbstwertproblem“. Medienhäuser müssten angesichts des Hypes um soziale Medien wieder mehr ihre Professionalität und ihre journalistischen Tugenden hervorkehren, sich abgrenzen und sagen, wofür sie stehen: verifizierte Informationen, quellengesicherte Informationen, Quellenvielfalt. „Je unübersichtlicher die Social Media-Inhalte, desto größer die Sehnsucht nach Einordnung.“

Für „Addendum“-Chef Michael Fleischhacker hat sich durch die Digitalisierung vor allem das Verhältnis zwischen Medien und Menschen verändert. Viele Konsumenten seien selbst zu Produzenten geworden. Manche Journalisten reagierten darauf, indem sie sagen, „wir sind jetzt alle gleich“, die anderen würden versuchen, den Abstand zwischen Konsumenten und Medium wieder zu vergrößern. Motto: „Wir sind die, die moralisch besser sind.“ Es sei eben billiger, Leute mit starken Meinungen und Weltanschauungen zu haben und die Meinungs-, Glaubens- und Rechthabstücke produzieren zu lassen, als sehr viel teurere Leute für mehrtägige Faktenrecherchen zu engagieren.

Durch den Rückkanal der Mediennutzer hat sich laut dem stellvertretenden „Standard“-Chefredakteur Rainer Schüller auch das Selbstverständnis der Journalisten geändert. Sogenannte Dashborads in den Newsrooms würden heute Daten zum Lese- und Nutzungsverhalten zu jeder einzelnen abgerufenen Geschichte liefern. „Wir sehen da etwa, dass zum Beispiel die Geschichte über die Rechtschreibfehler in einem Tweet von Sebastian Kurz die Top-Geschichte des Tages ist, oder dass eine andere Geschichte, die uns wichtig ist, nicht so gut läuft. Dann können wir uns überlegen, ob der Titel vielleicht nicht ansprechend ist, oder der Artikel an der falschen Stelle platziert ist. Wir können Geschichten, die uns was wert sind und die wir ans Publikum bringen wollen, optimieren.“ Mit „Quotengeilheit“ dürfe man das nicht gleichsetzen.

Genau beobachtet werden Online-Nutzer-Reaktionen auch beim Frauenmagazin „Woman“. Frauenpolitische Themen klicken etwa nicht so gut wie Themen zu Liebe oder Sex, man mache sie natürlich trotzdem, erzählte „Woman“-Digital-Chefin Nana Siebert. Bei „Woman“ setzt man auch auf „Emotional Targeting“. Am Ende jeder Geschichte könnten die Leserinnen und Leser Emoticons anklicken. „So sehen wir nicht nur die Reichweite, sondern auch welche Gefühle bestimmte Geschichten auslösen“. Die größte Gefahr für den Journalismus sieht Siebert in Aktivisten und PR-Schreibern im Journalismus.

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