Medienmarken brauchen wir

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Seit der US-Wahl werden die Stimmen immer lauter: Facebook und Co sollten eine Art demokratische Redaktion etablieren – gewissermaßen eine ethisch-journalistische Disziplinarabteilung. Dass sich Mark Zuckerberg dagegen wehrt, ist logisch. Nicht nur aus seiner Sicht. Denken wir einen Schritt weiter: Sachlich betrachtet erinnern manche Forderungen gegen Soziale Medien, Fake-Feeds und dergleichen an Zensur. Nicht die Postings sind zu ahnden, sondern ihre Automatisierung durch Chatbots.

Die Verbotsgesellschaft trifft die Falschen, wenn sie Facebook, Twitter und Co verurteilen und reglementieren wollen.Wir sollten uns daran erinnern, was Gegenöffentlichkeit ist und wie Medien entstanden sind – als vierte Gewalt, als Korrektiv und als Protest gegen die Zensur. Eine Plattform in ihrer Meinungsfreiheit beschneiden zu wollen, ist der falsche Weg. Vielmehr gehört die Technik durchleuchtet, die Themen pusht oder verschwinden lässt. Stattdessen konzentrieren sich Medien auf ihren Umgang mit dem Social Web, warten mit Analysen, bis sich im Netz eine Mehrheitsmeinung ableiten lässt. Wo sind wir gelandet?

Wo bleibt der Mut zu sagen: Es wird die Zeit kommen, in der Menschen Sehnsucht nach Orientierung im Mediendschungel haben? Indes fordern Verlage eine Schutzmauer gegen soziale Plattformen – obwohl gerade sie es sind, die diese Dienste mit Content befüttern und dafür sorgen, dass Fakes auch noch über klassische Kanäle wie Print oder TV Berichterstattung finden – oder Banalitäten groß gemacht werden, die ohne Chatbots nie Thema geworden wären.

Wo bleibt das Selbstbewusstsein, als Medium selbst Themen zu setzen – solche, von denen man weiß, dass sie in der Bevölkerung wirklich Thema sind. Die Debatte hat auch etwas Gutes: Journalismus kehrt immer mehr zu seiner DNA zurück: dazu, sich mit Menschen zu unterhalten, Stimmungen einzufangen und objektiv darüber zu berichten. Nicht Facebook-Verbote brauchen wir, sondern Medienmarken und Markenmedien.

Nicht Kinderhelme brauchen wir, sondern zu allererst das Bewusstsein von Eltern und Kindern, dass sie nützlich sind. Nicht Rauchverbote oder Lebensmittelampeln brauchen wir, sondern mündige Konsumenten, die ihre Bedeutung verstehen. Dann könnte wieder ein Diskurs entstehen – und so etwas wie Verstand. Dann könnte die Ohnmacht gegen die sozialen Medien enden und Journalisten wieder damit punkten, was wesentlich ist: ihrer Arbeit und ihrem Beitrag zur Meinungsbildung.

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