Kommunikation des Kanzlers: Beredtes Schweigen

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Selten in der jüngsten Geschichte hat ein Spitzenpolitiker seinen neuen Job rhetorisch, medial taktisch und kommunikationspolitisch so professionell gestaltet. Schweigen. Beredtes Schweigen.

Christian Kern wurde als Bundeskanzler und SPÖ-Parteichef vorgestellt, bedankte sich. Und ging. Bis zur offiziellen Angelobung einige Tage danach überließ er damit also die Bühne den Spekulationen anderer – den Granden und weniger Granden, die sich schon im Vorfeld geäußert hatten, die sich nunmehr bestärken, bestätigen, Hoffnungen ausdrücken oder in Widersprüche verwickeln konnten. Er aber sagte nichts. Außer, dass er erst nach der Angelobung und Amtsübernahme seine Vorstellungen präzisieren werde. Und dann auch die Regierungsmannschaft präsentieren würde. Seine Regierungsmannschaft. 

Bereits im Vorfeld hatte er geschwiegen und sich somit gefinkelt seinen Weg ins Kanzleramt gebahnt. Es waren die anderen, die nach und nach Partei für ihn ergriffen. Damit konnte man ihn kaum mehr aufhalten. Revolution aus der Peripherie. Kommunikationstechnisch eine Meisterleistung. Die Äquidistanz den Medien gegenüber lässt auf weitere Zurückhaltung schließen. 

Bruno Kreisky war der erste Kanzler, der mit Medien agierte. Er wusste um deren Bedeutung und gab ihnen Würde, Selbstachtung und Selbstbewusstsein. Spätere Kanzler schienen Medien zu nutzen, indem sie sie ökonomisch stützten. Indirekt. Andere ignorierten sie und deren scheinbare Macht. Durchgängig aber schienen alle den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ihr Eigentum zu betrachten, das man gezwungenermaßen mit dem Koalitionspartner teilen müsse. Damit schadeten sie sich, dem ORF und dessen Glaubwürdigkeit. Die beiden bislang letzten Kanzler schienen Medien als Sprachrohre zu nutzen – gut bedient durch Inserate, scheinbar alert, gefügig, noch dazu in Zeiten von allgemeiner Print-Krise. Das war kommunikationstechnisch und medienstrategisch ein Fehler. Denn Boulevard ist strukturell nicht paktfähig. Boulevardmedien brauchen den Skandal und das Getöse, die Emotion und das Schüren von Gefühlen als Überlebensmittel. Wer sich mit dem Boulevard ins Bett legt, wacht einsam auf. 

Christian Kern ist unbestritten ein ­Kommunikationsprofi, Kenner der Medienszene und der Medienmechanismen. Er weiß um die seltsamen Konzentrationen in diesem Land. Damit weckt er – zumindest medienpolitisch – Hoffnungen. Ein Zeichen wäre, wenn er sich aktiv für Medienvielfalt einsetzt und x-fach angekündigte Erleichterungen umsetzt – von der Abschaffung oder Umverteilung der Werbeabgabe bis hin zur ­Neustrukturierung der Medienförderungen. Und wenn er für ein neues Verhältnis von Politik zu öffentlich-rechtlichem Rundfunk steht, wäre das ein zweites Signal. In wenigen Monaten kann er seine erste medien­politische Leistung setzen, bei der Be­stellung des ORF-Generaldirektors. Beredte Zurückhaltung. Und den ORF den Profis ­anvertrauen.

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