Kennzeichnung ist Pflicht

Leitartikel von Marlene Auer, Chefredakteurin.

Der Wirbel rund um das Urteil des Obersten Gerichtshofs wäre nicht nötig gewesen: Werbung muss weiter von Redaktion getrennt werden, für „Gefälligkeitsartikel“ darf – entgegen mancher Berichterstattung zuletzt – kein Geld fließen. Oder sie müssen gekennzeichnet sein.

Pikant ist aber: Die Höchstrichter definierten im Zuge dieser Causa den Konsumenten neu. Sie setzen den mündigen Bürger voraus, der aus eigener Kraft erkennen kann, was Werbung und was Berichterstattung sei. Sie verabschieden sich von der Vorstellung des objektiven Journalismus, mit der Begründung, jeder Autor würde eine Meinung vertreten und diese in den Artikel einfließen lassen.

Der journalistische Ethos besagt aber: Meinung hat in einem klassischen Artikel nichts verloren. In Zeiten der digitalen Informationsflut, in denen Journalisten um Vertrauen bei den Lesern kämpfen und ihre Rolle als einordnendes und selektierendes Organ neu definieren, ist Transparenz essenzieller denn je. Deshalb: Meinung sollte sich nur im Kommentar widerspiegeln – und dieser gehört gekennzeichnet.

 Dass es für die meisten nämlich schwierig ist, Informationen richtig einzuordnen – und Fakten von Meinung zu unterscheiden – sehen wir im Social Web. Leider werden oft unwahre Behauptungen aufgestellt und zugleich Millionen von Bots ausgesandt, um sie zu verbreiten. Einen automatisierten Fake zu enttarnen, wird durch die fortschreitende Technik zunehmend schwieriger.

Im Unterschied zu den Printmedien sehen sich Social-Plattformen aber als Dienste und wehren sich dagegen, als Medien bezeichnet zu werden. Dann würden sie für die Inhalte auch haften – was undenkbar ist, denn sie sind ja nicht Ersteller, sie sind lediglich Transporteur. Trotzdem beginnen sie zu kuratieren. Twitter und Facebook wollen extreme Hasspostings löschen, doch tun sie es willkürlich – mit Mitarbeitern, die irgendwo in Deutschland und Irland sitzen, nicht bekanntgegeben werden und deren Qualitäten man nicht beurteilen kann. 

Wer rechnet, sieht das Absurde daran: Hunderte Redakteure durchforsten Millionen von Postings mit Bildern und Videos – und sind (natürlich) schlichtweg überfordert. Am Ende ist dann der Algorithmus Schuld. Irgendwer hat ihn ja geschrieben. Pech nur, dass sich Algorithmen autonom weiterentwickeln und von anderen Algorithmen lernen. Die klare Trennung zwischen Meinung und Artikel – genauso wie zwischen Redaktion und Anzeigen – bräuchten also auch Facebook und Co. Das OGH-Urteil ist in Anbetracht dieser Herausforderungen, die wir im Social Web haben, ein guter Grund darüber nachzudenken.

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